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zu führen, bedarf es weiterer Determinationen. Verbrecher, Trinker, Imbecille, geniale Menschen, scheinbar Gesunde, die aber recht häufig die peripheren oder partiellen Formen der Minderwertigkeit aufweisen, müssen in solchen Familien abwechseln, bis dieses Geschlecht an den äußeren Widerständen zerschellt oder bis ein Ausgleich geschaffen wird, der eine bessere Lebensfähigkeit garantiert.

Familie L.: Vater an Karzinom der Blase gestorben, Mutter geistig minderwertig. Zwei Söhne, von denen einer geistig minderwertig mit Schädelasymmetrien, der andere normal. Von fünf Töchtern ist die älteste mit Nierensteinen behaftet, eines ihrer Kinder ist Bettnässer. Die zweite litt in der Kindheit an Enuresis und Blasenkatarrhen, später bei jedesmaliger Gravidität — 3mal — an Schwangerschaftspyelitis. Die dritte ist Epileptikerin, die vierte imbecill, die fünfte normal. Von den Kindern der zweiten Tochter zeigte das erste leichte Erscheinungen von Enuresis, das zweite hat Schädeldeformitäten, das dritte litt an Laryngospasmus. In dieser Familie spielt also eine Kombination von Minderwertigkeit des Harnapparates und des Gehirnes ihr unheimliches Spiel.

Die Analyse der Hereditätsverhältnisse bei der Tuberkulose erweist sich in gleichem Maße als fruchtbringend. Die Berechtigung des Hereditätsproblems in der Tuberkulosenfrage ist so ziemlich anerkannt. Noch deutlicher wird sie aber bei Anerkennung unseres Standpunktes, sofern man in der Aszendenz nicht bloß Lungentuberkulose sucht, sondern größeres Gewicht auf die Minderwertigkeit des gesamten Respirationstraktes legt und andere Erkrankungen dieses Apparates in gleicher Weise berücksichtigt. Dann fallen Bronchialasthma, Emphysem, Erkrankungen des Larynx, des Pharynx, der Nase gleichfalls in den Bereich der Anamnese. Denn wie bei der Epilepsie das minderwertige Gehirn, so vererbt sich bei der Tuberkulose das minderwertige Respirationsorgan, das seine Mängel an den verschiedensten Stellen, in den verschiedensten Formen offenbaren kann. Auch die komplizierenden Erkrankungen dürfen wir nicht unerwähnt lassen. Der Zusammenhang mit Magendarmaffektionen, Hysterie, Kropf, Alkoholismus und Albuminurie ist deutlich genug. Es würde zu weit führen, hier eine vollständige Erklärung dieses Zusammenhanges durchzuführen. Als Resultat meiner Betrachtungen kann ich anführen, daß es sich in allen diesen Fällen, zu denen noch Kleinheit des Herzens und der Arterien zu rechnen sind, nicht etwa um reine Zusammenhangverhältnisse kausaler Natur, sondern um gleichzeitig auftretende Minderwertigkeiten in einem zweiten Organe handelt. Ein besonderes Interesse nimmt die Lokalisation

Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1907, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerStudie.djvu/31&oldid=- (Version vom 31.7.2018)