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zersplittert war. Er beherrschte die Wissenschaft seiner Zeit. Er besaß ein riesiges Gedächtnis, was er gelesen, hielt er fest und stand ihm das einmal Aufgenommene überall zu gebote. Diese Gabe hat auch Luther besonders an Melanchthon bewundert. Wenn er nicht bloß eine griechische, sondern auch eine lateinische Grammatik verfaßte, die über zwei Jahrhundert im Brauche war und in diesem Jahrhundert noch ihren Einfluß geübt hat, und zugleich Bahn brechende theologische Werke schrieb – welch eine kaum glaubliche Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit geistiger Beschäftigung tritt uns hier entgegen! Wie wunderbar begegnete sich seine lehr- und schriftstellerische Gabe! In der ersten Zeit nannte er wohl Wittenberg im Kolleg ein armes, elendes Nest, in dem man nicht einmal etwas Ordentliches zu essen bekomme, und was ist Wittenberg durch ihn geworden! Vorher hatte es 200 Studierende; durch ihn stieg die Zahl zu Zeiten bis auf 2000, da auch Greise und Männer ihn hörten; nicht bloß aus allen Gegenden Deutschlands, sondern auch aus Polen, Böhmen, Ungarn, Skandinavien, England, Holland, Frankreich, Italien und selbst Griechenland strömten Studierende nach Wittenberg. Sein Auditorium war ein europäisches. An seinem gastlichen Tische wurde einmal in dreizehn Sprachen gesprochen. Noch in seinem Todesjahr las er sechs Kollegien. Seine Vorlesungen erstreckten sich über Exegese des alten und neuen Testaments, die vornehmsten griechischen und lateinischen Klassiker, ferner alle Hauptzweige der Philosophie, Physik, Dialektik, Ethik, Weltgeschichte. Und über alle diese Dinge und noch anderes, wie z. B. Psychologie und Politik hat er auch geschrieben. Nun ist es ja wahr, Melanchthon war mehr klar als tief, er war weniger produktiv als dialektisch veranlagt. Luther war ihm z. B. als Schriftausleger weit überlegen. Gleichwohl muß Melanchthon als ein wissenschaftliches Ingenium ohnegleichen betrachtet werden. Er dachte nach sicherer Nachricht daran, eine Encyklopädie der Wissenschaften zu schreiben, er kam nicht dazu, sein Wissen ist aber ein wahrhaft encyklopädisches, und alles, was er schrieb, war nicht bloß lichtvoll, sondern auch anmutend, anregend und praktisch fruchtbar. Karl von Raumer sagt von seinen Lehrbüchern, daß in denselben eine pädagogische Weisheit von bleibendem Wert für alle

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Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/23&oldid=- (Version vom 31.7.2018)