Seite:Album der Sächsischen Industrie Band 2.pdf/285

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Die Wollenwaarenfabrik von F. G. Lehmann in Böhrigen bei Roßwein.


Verfolgen wir von dem freundlichen Roßwein aus die Straße nach Hainichen, so kommen wir nach einer Stunde in ein romantisches, waldumschlossenes Thal, welches von der großen Striegis durchflossen wird, die hier noch zwei Bäche in sich aufnimmt. An den Ufern der Striegis liegt das nette Dörfchen Böhrigen, von der fleißigen Fabrikstadt Hainichen eine und drei Viertelstunden und von Nossen drei kleine Stunden entfernt.

Dieses freundliche Dörfchen, welches auch Böhrichen, Beirichen, Böhringen genannt wird, vor Gericht aber sonst – weil es Rittergut ist – Haus Böhrigen hieß, ist uralt. Es gab einst eine Zeit, wo Sachsen wegen dem unerschöpflich scheinenden Segen an edlen Metallen, den seine Berge in sich schlossen, zu den reichsten Landschaften nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen Erde – so weit man sie damals kannte – gezählt wurde, denn nirgends waren die Bergwerke so ergiebig, als eben hier, und Sachsens Fürsten galten lange Zeit für die reichsten Deutschlands. – Ueberall thaten sich reiche Erzadern – namentlich Silbererz – auf, deren Ausbeutung oft sehr geringe Mühe kostete, da die Erzstufen fast zu Tage lagen. Die Fürsten, die Herren, die Ritter, die Bürger der erzgebirgischen Städte waren von gleichem Eifer beseelt, immer neue Erzgänge zu entdecken, Bergwerke anzulegen und dadurch sich neue Quellen des Reichthums zu erschließen. Ueberall sah man damals Ruthengänger die Berge durchstreifen, den zauberkräftigen Zweig in der Hand, welcher durch sein Niederschlagen die Stelle andeuten sollte, wo die Erde ihre Schätze verbarg; überall wanderten Bergkundige umher, mit dem Probierhammer in der Hand, sich nicht wie die Ruthengänger auf die eingebildete Zauberkraft der Ruthe, sondern auf den sicheren Blick ihrer Erfahrung verlassend. Da wurde denn da und dort eingeschlagen, Stollen getrieben und oft mit dem schönsten Erfolge, denn nur in Folge derselben entstanden Städte und Dörfer, die zum Theil heute noch in schönster Blüthe stehen, während bei anderen mit Schwinden des Bergsegens auch ihr Wohlstand wieder sank. Noch öfter aber hatten freilich jene Bergbauversuche wenig oder gar keinen Erfolg, und hin und wieder erzählen uns alte in das Gestein getriebene Stollen von solchen vergeblichen Mühen.

Solchen Bergbauversuchen verdankt Böhrigen wahrscheinlich seine Entstehung und auch seinen Namen. An dem linken Ufer der Striegis liegt der sogenannte Bohrberg, hier sollen einst Versuche zum Bergbau, gemacht worden sein, man „bohrte“, und davon bekam nicht nur der Berg, sondern auch der an des Berges Fuß entstehende Ort seine Benennung. Diese Bergbauversuche sind gar nicht so unwahrscheinlich, da diese ganze Gegend für erzreich gilt, und in dem nur eine Stunde entfernten Dorfe Gersdorf heute noch der Bergbau mit Erfolg betrieben wird. – So können wir auch annehmen, daß Bergleute die ersten Bewohner dieses Oertchens waren.

1286 wird Porochin – so heißt es in alten Urkunden – zuerst genannt, der Bischof von Meißen bestätigte seinem Kapitel den Zehnten von diesem Orte. 1388 entstand hier eine Kapelle, die reich mit Reliquien und der Befugniß, Ablaß zu ertheilen, ausgerüstet, bald großen Ruf sich erwarb, von weit und breit her zogen Schaaren frommer Wallfahrer in dieses einsame Waldthal, hier ihr Gebet zu verrichten und dann – nach ihrer frommen Meinung – durch die Kraft des Ablasses entsündigt heimzukehren.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 2. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 279. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_2.pdf/285&oldid=- (Version vom 11.5.2019)