Seite:Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I.djvu/201

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Nischwitz.


Das herrliche, prächtige Rittergut und Dorf Nitzschwitz liegt ¾ Stunde nordwestlich von Wurzen, 2 Stunden südöstlich von Eilenburg, nicht weit vom Muldenmühlgraben, ⅓ Stunde vom rechten Ufer der eigentlichen Mulde 350 Pariser Fuss über dem Meere. Durch das Dorf führt die Strasse von Wurzen nach Eilenburg. Zur Hälfte wird es von den schönen weitausgebreiteten Muldenwiesen umgeben. Es hat 40 bis 45 Häuser, wenig Güter, meist Häusler, die Tagelohnarbeit verrichten. Unter den Häusern giebt es einen Gasthof, eine Windmühle und die geistlichen Gebäude. Der Name kommt schon im 12. Jahrhundert vor. Im Jahre 1239 schenkte es Heinrich der Erlauchte dem Kloster Altzelle.

Das Rittergut ist das Stammhaus des Geschlechtes derer von Nitzschwitz. Dazu gehören Bennewitz, Grubnitz, Nepperwitz, Dehnitz, die Hälfte von Röcknitz und das damit verbundene Rittergut und Dorf Pönitz. Die Herren von Nitzschwitz sind von den Bischöffen der Wurzener Domkirche mit dem Orte beliehen worden und nach den Herren von Nitzschwitz kam die Familie von Gundilitz in Besitz dieses Gutes, ebenfalls durch Belehnung von dem Bischoff zu Wurzen. Die folgenden Besitzer waren die Herren Bex, Becker, von Rosenfeld, von Racknitz, Frau von Wend. Von dieser acquirirte es Sachsens früherer Premierminister von Brühl, welcher das Schloss kurz vor dem 7jährigen Kriege neu erbaute. Ehe wir aber in der Beschreibung des Schlosses selbst weiter vorgehen, sei es uns vergönnt, einige Augenblicke bei der Persönlichkeit dieses Mannes zu verweilen.

Sachsens allgewaltiger Premierminister von Brühl, Heinrich von Brühl war der jüngste Sohn des geheimen Raths von Brühl am Hofe zu Weissenfels und der Erdmuthe von Brühl, der Tochter des kurpfälzischen Kammerherrn Petri von der Heide. Er selbst Heinrich von Brühl war vermählt mit der Gräfin Kollowrath Krakowski, welche eine Wohlthäterin der Armen war und jeden Tag mit einer besondern Wohlthat bezeichnete. Ganz in ihrem Geiste erzog sie ihre 4 Söhne und ihre einzige Tochter, so dass alle durch gründliche und vielseitige Kenntnisse, wie durch Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit sich auszeichneten.

Herr Premierminister von Brühl war auch ein anscheinend aufrichtiger und ehrlicher Mann. Gegen Personen hohen und niedern Standes war er gleich höflich und dienstfertig. Sein ganzes Wesen war aber nicht Wahrheit, sondern zur andern Natur gewordene Hofmanier. Er war ein Schauspieler in der vollsten Bedeutung dieses Wortes. Sein Wahlspruch lautete auch: „Wir sind alle Schauspieler; es kommt nur darauf an seine Rolle gut zu spielen.“ Um seine Rolle gut und glücklich zu Ende zu führen, sah er hauptsächlich darauf, dass in Schulen und auf Universitäten die Wahrheit als die herrlichste Tugend gelehrt werde, während bei ihm und in seinen Geschäften, Wahrheit nicht zu finden, ja sogar solche als Verbrechen verpönt war. Alles war Schein und Trug und sein ganzes Dichten und Trachten nur auf Befriedigung der Sinnlichkeit gerichtet. Dennoch wollte er über fromme, mässige und genügsame Menschen regieren, daher auch seine Glaubensvorschriften,

     Leipziger Kreis, 17tes Heft, oder 67tes der ganzen Folge.

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1860, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_I.djvu/201&oldid=- (Version vom 7.1.2019)