Seite:An Alle, Alle! Heft 1, 1919.djvu/55

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der im letzten Falle aus dem bolschewistischen Chaos hervorgehen kann, oder der von mir erhoffte neue Staat mit einer von der Zinsknechtschaft befreiten Volkswirtschaft. Wenn Du aber auf dem Grunde Deiner kommunistischen Seele — wenn Du ehrlich bist, noch Gedanken, noch Sehnsucht findest nach Weib und Kind, nach einer Menschenseele, die Dir näher steht als ein Eskimo oder Zulukaffer, wenn Du bei der vom Sowjetleiter befohlenen Fabrikarbeit daran denkst, daß es doch schön wäre, ein eigenes kleines Häuschen zu besitzen, ein Stückchen eigenes Gartenland, wenn es Dir im tiefsten Grunde Deiner Seele doch keine rechte Befriedigung geben will, daß Du wie ein Hund auf der Straße berechtigt sein sollst, jede Dir gerade in den Weg laufende Hündin, will sagen Weib, zu gebrauchen, wenn Du nur daran denkst, Dir etwas von Deinem Lohn zu ersparen, das dann Dir allein gehören soll, dann bist Du schon kein Kommunist mehr, dann hast Du schon im Herzen mit Deinem so laut verkündeten Schlagwort „Alles gehört Allen“ gebrochen, dann willst Du eben nicht, daß Alles Allen gehöre, Du willst, daß eben doch das was Du Dir wünschest, Frau, Kind, Haus, Hof, Ersparnisse, ob Du es schon hast oder erst zu bekommen hoffst, dann auch dir allein gehören soll. Und siehst Du mein Freund, wenn Du nur ganz im Innern daran zweifelst, daß es dir nicht ganz gleichgültig wäre, wenn der Nächstbeste käme und einfach Dir Dein Erspartes im Namen von „Allen“ wegnähme, Dir ein anderes Kind brächte, das Deinige mitnähme, weil alle Kinder „Allen“ gehörten, dann, mein Freund, reden wir schon nicht mehr ganz aneinander vorbei, dann darf ich Dich wohl bitten, Dir einmal den Gedanken vorzulegen, ob nicht doch die kommunistische Botschaft, daß Allen Alles gehören soll, das Ende jeder Kultur bedeuten muß, daß das Fehlen jeglichen Eigentumsbegriffes mit zwingender Logik den Menschen auf die Stufe des Tieres herunterdrücken muß.

Wenn Alles Allen gehört, wenn im besten Falle einer Kontrolle und Rechnungslegung der gesamten öffentlichen Produktion und Verteilung im Sinne Lenins erzwingbar wäre, dann kommt dabei im besten Falle ein Ameisenstaat heraus. Dann können wir aber auch auf die Sprache verzichten, unsere Seele, unsere Gedanken preisgeben, stumm und instinktiv können wir unsere Zwangsarbeit verrichten. Das Ende des Menschen ist da.

Doch nun genug, Freund Spartakus. Laß Dir diese grundlegende Überlegung recht genau durch Kopf und Herz gehen. Eine genauere

Empfohlene Zitierweise:
Gottfried Feder: An Alle, Alle! 1. Heft. Huber, München 1919, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:An_Alle,_Alle!_Heft_1,_1919.djvu/55&oldid=- (Version vom 29.10.2017)