Seite:Aus dem Leben eines Taugenichts und das Marmorbild.djvu/138

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sie mich schnell an sich und fiel mir um den Hals, und ich umschlang sie fest mit beiden Armen.

Sie machte sich aber geschwind wieder los und legte sich ganz verwirrt in das Fenster, um ihre glühenden Wangen in der Abendluft abzukühlen[1], – „Ach,“ rief ich, „mir ist mein Herz recht zum Zerspringen, aber ich kann mir noch alles nicht recht denken, es ist mir alles noch wie ein Traum!“ – „Mir auch,“ sagte die schöne gnädige Frau, „Als ich vergangenen Sommer,“ setzte sie nach einer Weile hinzu, „mit der Gräfin aus Rom kam, und wir das Fräulein Flora glücklich gefunden hatten, und mit zurückbrachten, von Dir aber dort und hier nichts hörten – da dacht’ ich nicht, daß alles noch so kommen würde! Erst heut zu Mittag sprengte der Jokey, der gute flinke Bursch, athemlos auf den Hof und brachte die Nachricht, daß Du mit dem Postschiffe kämst.“ – Dann lachte sie still in sich hinein. „Weißt Du noch,“ sagte sie, „wie Du mich damals auf dem Balkon zum letzenmal sahst? das war grade wie heute, auch so ein stiller Abend, und Musik im Garten.“ – „Wer ist denn eigentlich gestorben?“ frug ich hastig. – „Wer denn?“ sagte die schöne Frau und sah mich erstaunt an. – „Der Herr Gemahl von Ew. Gnaden,“ erwiederte ich, „der damals mit auf dem Balkon stand.“ – Sie wurde ganz roth. „Was hast Du auch für Seltsamkeiten im Kopfe!“ rief sie aus, „das war ja der Sohn von der Gräfin, der eben von Reisen zurückkam, und es traf grade auch mein Geburstag, da führte er mich mit


  1. Vorlage: abzükühlen
Empfohlene Zitierweise:
Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts und das Marmorbild. Vereinsbuchhandlung, Berlin 1826, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Aus_dem_Leben_eines_Taugenichts_und_das_Marmorbild.djvu/138&oldid=- (Version vom 31.7.2018)