Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/12

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

hinein, dort fortwährend ansteigend in Windungen bergauf und bergab. Am Wege blühten farbenprächtige Blümlein, winkten einladend reife Waldbeeren und sangen gar lustig die Vöglein, während an manchen Stellen über die bewaldeten Bergabhänge Bäche rauschend und murmelnd dahineilten. Unten beim Hüningsberge standen schöne Eichen und oben hohe, sehr hohe Fichten. Die Fernsicht vom Berge war aber infolge des bewölkten Himmels benommen. Bei klaren Wetter soll man von dort weite Ausschau auf dunkle Waldungen und das blaue Meer halten können; ja sogar die 60 Werst entfernten Kirchtürme Rigas sollen dann am Horizonte zu sehen sein.

Nach kurzer Rast verließen wir Tuckum auf der Alt-Mokenschen Landstraße. Ein feiner Regen fing an herniederzurieseln, und die Schirme mußten aufgespannt werden; dennoch betrachtete man mit Interesse die bergige und schön bewaldete Gegend längs dem Wege. Der erste bemerkens­werte Ort war das Gut Alt-Moken, lettisch Wetz-Muokumuischa, „Alt-Qualenhof“, genannt. Wie ist dieser sonderbare Gutsname entstanden? Als sich im 18. Jahrhundert die Periode der Leibeigenschaft, wo die Bauern oft so gut wie rechtlos ihren Herren gegenüberstanden, dem Ende zuneigte, hatten unter dem kurischen Adel schon vielfach humane Gesinnungen Platz gegriffen, und auf vielen Gütern war das Verhältnis zwischen Gutsherrn und Bauern ein menschenfreundlich-patriarchalisches. In diese Zeit fällt die folgende, uns von Fircks in seinem 1804 erschienenen Buche, „Die Letten in Kurland" mitgeteilte Begebenheit. Er erzählt, eine Frau von X. habe zu den wenigen gehört, welche gegen die allgemeine Sitte mit ihren Bauern schlecht umgegangen seien. Daher hätten die Bauern ihr Gut Qualenhof getauft. Diese Benennung sei auch von den umwohnenden Gutsbesitzern angenommen worden und habe sich als Name des Gutes erhalten. Schon lange sei die Frau von X. gestorben; — „doch ihr Ruf wird noch bis auf

Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/12&oldid=- (Version vom 9.3.2019)