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Liste.png Walther Kabel: Bildzauber. In: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 9. Bd., S. 170–171

Dieser merkwürdige Aberglaube hat sich sogar bis in die heutige Zeit erhalten. Im Alpengebiet, wo die Elemente des Volkswahns noch am zähesten eingewurzelt sind, lebt auch der Glaube an den Bildzauber noch fort. Vor wenigen Jahren beschuldigte sich zum Beispiel vor dem Landgericht in München in einem Prozesse eine bayrische Maid allen Ernstes, ihren plötzlich verstorbenen, treulosen Geliebten durch einen Dolchstich getötet zu haben, den sie – seiner Photographie mitten in die Brust versetzt hatte! Die rachsüchtige Schöne war arg enttäuscht, als der Gerichtshof dieser Äußerung keinen Wert beilegte, sondern nur das Mädchen ermahnte, derartigen Unsinn für die Zukunft zu unterlassen, um wenigstens vor ihrem Gewissen Ruhe zu haben.

Worauf ist nun dieser seltsame Aberglaube zurückzuführen? Wir wissen, daß Naturvölker einen großen Abscheu davor haben, sich malen oder photographieren zu lassen. Dieser Abscheu hat seinen Grund darin, daß sie in der Vorstellung leben, das Bild stelle einen wirklichen Teil ihrer Person dar. Überall findet man noch heute bei den Wilden diese Ansicht, die im Altertum besonders durch die Darstellung der Gottheiten durch Stein- und Holzfiguren verstärkt wurde. Die Statue eines Gottes war heilig. Verletzte man sie, verletzte man auch den Gott selbst. Aus diesen religiösen Empfindungen heraus erweiterte sich dann der Glaube von dem Einssein von Bild und Person bis zu dem naiven Aberglauben vom Bildzauber, der natürlich von gewissenlosen, geldgierigen Leuten, die mit diesen Beschwörungen ein gutes Geschäft machten, immer mehr ausgebildet wurde.


Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Bildzauber. In: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 9. Bd., S. 170–171. Verlag der Bibliothek für Alle, Dresden 1912, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Bildzauber_(Bibliothek_f%C3%BCr_Alle).pdf/4&oldid=- (Version vom 31.7.2018)