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Zu keiner Zeit hat Dresden auf seinem Boden so viel Neues erstehen sehen wie im letzten Vierteljahrhundert. Und dennoch ist unsre Stadt dadurch nicht so von Grund aus umgestaltet worden, wie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch die Bauthätigkeit der beiden Kurfürsten und polnischen Könige August II. und III. Die Werke, die sie schufen und anregten, sind noch heute bestimmend für das Stadtbild von aussen wie nach innen und werden auch von allem, was die Gegenwart noch plant, nicht in den Hintergrund gedrängt werden.

Die ersten Anläufe zur baulichen Verschönerung Dresdens liegen bereits in der Zeit Herzog Albrechts, der nach dem grossen Stadtbrande von 1491 durch Gewährung von Baumaterial und Steuerfreiheit zur Aufführung steinerner Neubauten an Stelle der damaligen Holz- und Fachwerkhäuser ermunterte. Sein Sohn Herzog Georg errichtete selbst ein hervorragendes Gebäude in dem neuen Thorhause am Schlosse, dem sogenannten Georgenschlosse. Den Umbau und die Vergrösserung des alten Residenzschlosses setzte dann Kurfürst Moritz unter Aufwendung bedeutender Mittel fort, bis endlich Christian I. das ganze Werk durch Anfügung des nach der Schlossstrasse zu gelegenen Flügels vollendete. Von dem äusseren Schmucke des Gebäudes und namentlich den zahlreichen Giebeln blieben bis auf unsre Zeit nur die der Süd- und Westseite erhalten, während das übrige durch eine Feuersbrunst im Jahre 1701 und durch den 1718 ausgeführten Erneuerungsbau vernichtet wurde. Kurfürst August erbaute das Zeughaus, das in seiner reichen Ausstattung mit Kriegsmaterial lange Zeit eine Merkwürdigkeit von europäischem Rufe war, und legte die letzte Hand an die von Georg und Moritz errichteten neuen Festungswerke, förderte auch die Verbesserung der Strassen durch Herstellung von Pflaster und Schleussen. Zu einer glänzenden Leistung aber schwang sich das ausgehende 16. Jahrhundert noch in dem durch Christian I. aufgeführten prächtigen Stallgebäude mit dem Stallhofe auf. Die Nachfolger beschränkten sich auf das Ausgestalten des bisher Geschaffenen, ohne Neues in Angriff zu nehmen. Johann Georg I. liess den von seinem Vater begonnenen Bau des prunkvoll ausgestatteten Lusthauses auf der Jungfernbastei vollenden, das 1747 durch eine Pulverexplosion zerstört worden ist. Zugleich erhielt durch ihn der von Kurfürst August begründete und von seinen Nachfolgern erweiterte Jägerhof seinen Abschluss. Nach langer Unterbrechung aller Bauthätigkeit durch den dreissigjährigen Krieg kam es dann erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch zu einer Schöpfung von hervorragendem Werthe, der Anlage des Grossen Gartens und der Erbauung des Garten-Palais unter Johann Georg II.

So war für die Verschönerung unsrer Stadt schon Bedeutendes geschehen, aber alles trat in den Schatten vor den Werken der nun beginnenden Glanzzeit unter August dem Starken. Dieser ebenso kunstsinnige wie prachtliebende Fürst war bestrebt, Dresden zu einer würdigen Bühne für die glänzende Rolle zu gestalten, die er zu spielen gedachte. Die für das Land unheilvolle Erwerbung der polnischen Königskrone hatte für die Hauptstadt einen ungeahnten Aufschwung im Gefolge. Wie einst Moritz seiner Rangerhöhung Rechnung getragen, indem er das alte Markgrafenschloss in eine kurfürstliche Residenz verwandelte, so schuf August ganz Dresden zu einem Königssitze um, der den Vergleich mit der Stadt Ludwigs XIV. nicht zu scheuen brauchte.

Die grossartigen Entwürfe Augusts zum Bau eines neuen Königsschlosses auf dem jetzigen Theaterplatze, zu denen der Schlossbrand vom Jahre 1701 den Anstoss gab, sind freilich nicht zur Ausführung gelangt, aber gleichzeitig und im Zusammenhange damit entstand ein Werk, einzig in seiner Art und mit nichts in der Welt vergleichbar: der Zwinger. Zum Schauplatze für die rauschenden Feste des Hofes bestimmt, ist dieses Bauwerk ein künstlerisches Denkmal der phantastischen Sinnenlust jener Zeit, das noch heute den Ruhm seines grossen Erbauers Pöppelmann und des kunstverständigen königlichen Bauherrn verkündet. Und neben diesem Meisterstück des Barockstils nahm der König zahlreiche andere grosse Bauten in Angriff: das Prinzen-Palais am Taschenberge, die stattliche Hauptwache auf dem Neumarkte wurde errichtet, der Grosse Garten erweitert und verschönert, die Elbbrücke erneuert und verbreitert, endlich auf dem Boden des durch Brand zerstörten Städtchens Altendresden ein ganz neuer, grossartig angelegter Stadttheil geschaffen. Hier erstand in wenigen Jahrzehnten eine Reihe hervorragender Gebäude, die der Neustadt bis auf die jüngste Zeit das Gepräge gegeben haben: das mächtige Japanische Palais, die Ritterakademie, die grossen Kasernen, das Blockhaus, die Dreikönigskirche. Schliesslich wurde unter Augusts förderndem Einfluss auch noch das gewaltige Bauwerk begonnen, das mit seiner majestätischen Kuppel dem Stadtbilde für alle Zeiten seine schönsten Linien gegeben hat: die Frauenkirche, George Bährs herrliche Schöpfung, der von Anfang an der Stolz und die Liebe der ganzen Bevölkerung zugewendet war. Diesem aus der eignen Kraft des Bürgerthums hervorgegangenen Gotteshause hat Augusts des Starken Sohn und Nachfolger August III. ein andres gegenübergestellt, das dritte architektonische Prachtstück jener Epoche: die katholische Hofkirche. Aber von fremden Künstlern erbaut und mit fremdartigen Gestalten geschmückt, wird es dem Herzen des Dresdners immer fremd bleiben, so oft auch seine reizvollen Formen das Auge fesseln. In dieser Hofkirche hat sich die selbständige Bauthätigkeit Augusts III. schon fast erschöpft; nur einige Umbauten, wie die des Prinzen-Palais und des Zeughauses, sind noch durch ihn hervorgerufen worden. Dagegen hat dieser Fürst mit Eifer und Glück die Erweiterung und Vergrösserung der von seinem Vater ererbten Kunstsammlungen betrieben, denen unsre Stadt vielleicht mehr noch als der natürlichen Lage und den Werken der Baukunst ihren Weltruhm verdankt. Bedeutend war aber auch die Umgestaltung, die Dresden damals an städtischen und Privathäusern erfuhr. In beiden Stadttheilen erstanden neue Rathhäuser, die Adelsfamilien liessen sich prächtige Stadtwohnungen erbauen und die vermögende Bürgerschaft eiferte ihnen nach. Diese Adelspaläste mit ihren einfachen aber edeln Fassaden, ihren luftigen Treppenhäusern, ihren lichten Höfen und schönen Brunnenanlagen, diese Bürgerhäuser mit ihren zierlichen Erkern und ihrem wohlvertheilten massvollen Schmuckwerk sind noch heute zahlreich erhalten und geben Zeugniss von dem alle Kreise durchdringenden feinen Geschmacke der Barock- und Rococozeit.

Und welch ein Bild bunten Lebens und Treibens erfüllte diesen Rahmen! Hat sich doch die Bevölkerung Dresdens in den ersten fünfzig Jahren des vorigen Jahrhunderts auf das Dreifache

Empfohlene Zitierweise:
Otto Richter (Archivar): Canaletto-Mappe. Wilhelm Baensch, K. S. Hofverlagsbuchhandlung, Dresden 1895, Seite 3. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Canaletto-Mappe_(Otto_Richter).pdf/3&oldid=- (Version vom 18.8.2016)