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uns, welcher in einem gewissen Grade mit dem des Weinens analog ist. Da bei den gewöhnlichen Bewegungen des Körpers, wie beim Gehen, Übung nothwendig ist, so scheint dies auch beim Lachen und Weinen der Fall zu sein. Auf der andern Seite ist die Kunst zu schreien, weil sie Kindern von Nutzen ist, von den frühesten Tagen an ganz gut entwickelt worden.


Ausgelassenheit, Heiterkeit. — Ist ein Mensch ausgelassener Stimmung, so bietet er, wenn er auch nicht wirklich lächelt, doch gewöhnlich eine gewisse Neigung dar, seine Mundwinkel zurückzuziehen. In Folge der Erregung des Vergnügens wird die Circulation schneller; die Augen sind glänzend und die Farbe des Gesichts erhöht sich. Das durch den vermehrten Blutzufluß gereizte Gehirn wirkt auf die geistigen Fähigkeiten zurück; es ziehen lebendige Ideen schneller durch die Seele und die Affecte werden wärmer. Ich habe einmal gehört, wie ein Kind, das nur wenig unter vier Jahren alt war, gefragt wurde, was es heiße, in guter Stimmung zu sein; darauf antwortete es, „das heißt lachen, schwatzen und küssen“. Es dürfte schwierig sein, eine richtigere und practischere Definition zu geben. Ein Mensch in diesem Zustande hält seinen Körper aufrecht, seinen Kopf erhoben und seine Augen offen. Es liegt keine Ermattung in den Gesichtszügen und keine Zusammenziehung der Augenbrauen wird sichtbar. Im Gegentheil strebt der Stirnmuskel, wie Moreau bemerkt,[1] sich leicht zusammenzuziehen, und dies glättet die Augenbrauen, entfernt jede Spur eines Stirnrunzelns, wölbt die Augenbrauen ein wenig und hebt die Augenlider. Die lateinische Redensart „exporrigere frontem“ — die Augenbrauen glätten — heißt daher heiter oder lustig sein. Der ganze Ausdruck eines Menschen in guter Laune ist das genaue Gegentheil von dem eines an Kummer Leidenden. Nach Sir Ch. Bell werden „in allen aufheiternden Gemüthsbewegungen die Augenbrauen, Augenlider, die Nasenlöcher und die Mundwinkel erhoben. In den niederdrückenden Leidenschaften tritt das Umgekehrte ein.“ Unter dem Einflusse der letzteren werden die Augenbrauen schwer, die Augenlider, die Wangen, der ganze Kopf erscheint matt, die Augen sind stumpf, das ganze Gesicht schlaff und


  1. La Physionomie, par G. Lavater, Ausgabe von 1820. Vol. IV, p. 224. s. auch Sir Ch. Bell, Anatomy of Expression, p. 172, wegen des weiter unten angeführten Citats.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 193. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/205&oldid=- (Version vom 31.7.2018)