Seite:DarwinAusdruck.djvu/326

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

d. h. irgend eine Unhöflichkeit oder gaucherie, irgend eine unpassende Handlung oder unpassende Bemerkung, wenn sie auch ganz zufällig ist, das intensivste Erröthen verursachen, dessen ein Mensch nur fähig ist. Selbst die Rückerinnerung an einen derartigen Act wird nach Verlauf vieler Jahre ein Prickeln auf dem ganzen Körper hervorrufen. Auch ist die Kraft der Sympathie so stark, daß eine empfindsame Person, wie mir eine Dame versichert hat, zuweilen über offenbare Verletzung der Etikette durch einen vollkommen Fremden erröthen wird, trotzdem die Handlung selbst sie in keiner Weise etwas angeht.


Bescheidenheit. — Diese ist ein weiteres mächtiges Mittel, Schamröthe zu erregen. Doch schließt das Wort Bescheidenheit sehr verschiedene Seelenzustände in sich. Es umfaßt Demuth, und wir schließen auf diese häufig daraus, daß eine Person über unbedeutendes Lob sich sehr freut und erröthet, oder daß sie von Lob unangenehm berührt wird, welches ihr nach ihrem eignen niedrigen Maßstabe der Selbstbeurtheilung zu hoch scheint. Das Erröthen hat hier die gewöhnliche Bedeutung der Beachtung der Meinung Anderer. Bescheidenheit [oder Sittsamkeit] bezieht sich aber häufig auf Acte der Unzartheit, und Unzartheit ist eine Sache der Etikette, wie wir deutlich bei den Nationen sehen, welche vollständig oder nahezu nackt gehen. Wer sittsam ist und leicht über Handlungen dieser Natur erröthet, thut es, weil dies Verletzungen einer fest und weise gegründeten Etikette sind. Dies zeigt sich in der That aus der Ableitung des Wortes modestus von modus, ein Maß oder Maßstab unseres Benehmens. Ein Erröthen in Folge dieser Form von Bescheidenheit wird überdies gern intensiv, weil es sich gewöhnlich auf das andere Geschlecht bezieht, und wir haben gesehen, wie in allen Fällen unsere Geneigtheit zu erröthen hierdurch vergrößert wird. Wir wenden den Ausdruck bescheiden, wie es den Anschein hat, auf diejenigen an, welche eine demüthige Meinung von sich selbst haben, und auf diejenigen, welche äußerst empfindsam in Bezug auf ein unzartes Wort oder eine unzarte That sind, einfach deshalb, weil in beiden Fällen leicht Erröthen erregt wird; denn diese beiden Seelenzustände haben sonst weiter nichts mit einander Gemeinsames. Auch wird Schüchternheit aus dieser selben Ursache häufig irrthümlich für Bescheidenheit gehalten.

Einige Personen werden plötzlich über irgend eine ihnen schnell


Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 306. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/326&oldid=- (Version vom 31.7.2018)