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entgegen, welche jetzt so allgemein angenommen wird. Es gehört aber nicht zu meiner Verpflichtung, hier mich in Argumentationen über die allgemeine Frage einzulassen. Diejenigen, welche an Zwecke glauben, werden es schwierig finden, zu erklären, warum die Schüchternheit die häufigste und wirksamste aller Ursachen des Erröthens ist, da es sowohl die erröthende Person leidend als auch den Zuschauer ungemüthlich macht, ohne daß es für eine von den beiden von dem geringsten Nutzen ist. Sie werden es auch schwierig finden, zu erklären, warum Neger und andere dunkelgefärbte Rassen erröthen, bei denen eine Farbenveränderung in der Haut kaum oder gar nicht sichtbar ist.

Ohne Zweifel erhöht ein leichtes Erröthen die Schönheit eines Mädchengesichtes, und diejenigen tscherkessischen Frauen, welche im Stande sind zu erröthen, erreichen im Serail des Sultans ausnahmslos einen höhern Preis als weniger empfindliche Frauen.[1] Aber selbst derjenige, welcher ganz fest an die Wirksamkeit geschlechtlicher Zuchtwahl glaubt, wird kaum annehmen, daß das Erröthen als eine geschlechtliche Zierrath erlangt wurde. Diese Ansicht würde auch dem entgegenstehen, was soeben über das in einer nicht sichtbaren Art eintretende Erröthen dunkelgefärbter Rassen gesagt worden ist.

Die Hypothese, welche mir die wahrscheinlichste zu sein scheint, obschon sie zuerst voreilig erscheinen könnte, ist die, daß scharf auf irgend einen Theil des Körpers gerichtete Aufmerksamkeit die gewöhnliche und tonische Zusammenziehung der kleineren Arterien dieses Theils zu stören geneigt ist. In Folge hiervon werden diese Gefäße zu solchen Zeiten mehr oder weniger erschlafft und augenblicklich mit arteriellem Blute erfüllt. Diese Neigung wird in hohem Grade verstärkt worden sein, wenn die Aufmerksamkeit während vieler Generationen häufig auf denselben Theil gewendet worden ist, und zwar dadurch, daß die Nervenkraft leicht gewohnten Canälen entlang fließt, und durch die Kraft der Vererbung. So oft wir nur immer glauben, daß Andere unsere persönliche Erscheinung geringschätzen oder auch nur beachten, wird unsere Aufmerksamkeit lebhaft auf die äußern und sichtbaren Theile unseres Körpers gelenkt, und von allen derartigen Theilen sind wir im Gesicht am empfindlichsten, wie es ohne


  1. Nach der Autorität der Lady Mary Wortley Montague; siehe Burgess, a. a. O. p. 43.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 309. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/329&oldid=- (Version vom 31.7.2018)