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Es ist bekannt, daß die unwillkürlichen Bewegungen des Herzens afficirt werden, wenn ihnen eingehende Aufmerksamkeit gewidmet wird. Gratiolet[1] führt den Fall eines Mannes an, welcher durch beständiges Beobachten und Zählen seines eigenen Pulses zuletzt es veranlaßte, daß unter je sechs Schlägen einer stets ausfiel. Auf der andern Seite erzählte mir mein Vater von einem sorgfältigen Beobachter, welcher sicher herzkrank war und später an einer Herzkrankheit starb, daß er positiv angegeben hätte, wie sein Puls gewöhnlich im äußersten Grade unregelmäßig wäre und doch zu seinem Ärger ausnahmslos regelmäßig geworden wäre, sobald mein Vater das Zimmer betreten hätte. Sir Henry Holland bemerkt,[2] daß „die Wirkung auf die Circulation in einem Theile in Folge des plötzlich auf ihn gerichteten und fest haftenden Bewußtseins häufig und unmittelbar zu Tage tritt“. Prof. Laycock, welcher besondere Aufmerksamkeit auf Erscheinungen dieser Art gerichtet hat,[3] hebt hervor, daß „wenn die Aufmerksamkeit auf irgend einen Theil des Körpers gerichtet wird, die Innervation und Circulation local gereizt und die functionelle Thätigkeit dieses Theils entwickelt werde.“

Es wird allgemein angenommen, daß die peristaltischen Bewegungen der Eingeweide dadurch beeinflußt werden, daß sich die Aufmerksamkeit in bestimmt wiederkehrenden Perioden auf sie richtet, und diese Bewegungen hängen von der Zusammenziehung nicht gestreifter und unwillkürlicher Muskeln ab. Die abnorme Thätigkeit der willkürlichen Muskeln bei Epilepsie, Veitstanz und Hysterie wird bekanntlich durch die Erwartung eines Anfalls beeinflußt, ebenso durch den Anblick anderer, in ähnlicher Weise leidender Patienten.[4] Dasselbe gilt auch für die unwillkürlichen Acte des Gähnens und Lachens.

Gewisse Drüsen werden durch das Denken an dieselben oder an die Bedingung, unter welcher sie gewohnheitsgemäß erregt werden, stark beeinflußt. Dies ist eine allbekannte Erscheinung in Bezug auf den vermehrten Zufluß von Speichel, wenn z. B. der Gedanke an eine intensiv saure Frucht lebhaft vorgestellt wird.[5] In unserm sechsten


  1. De la Physionomie, p. 283.
  2. Chapters on Mental Physiology, 1858, p. 111.
  3. Mind and Brain, 1860, p. 327.
  4. Chapters on Mental Physiology, p. 104—106.
  5. s. über diesen Punkt: Gratiolet, De la Physionomie, p. 287.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 311. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/331&oldid=- (Version vom 31.7.2018)