Seite:De Geschichten aus den vier Winden Dauthendey.djvu/195

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kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.“

Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der Welt.

„Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?“

„Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen können, nie.“

Empfohlene Zitierweise:
Max Dauthendey: Geschichten aus den vier Winden. Albert Langen, München 1915, Seite 194. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Geschichten_aus_den_vier_Winden_Dauthendey.djvu/195&oldid=- (Version vom 31.7.2018)