Seite:De Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre (Braun).djvu/301

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Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis zum Unerträglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau bedeckte die Straßen der Stadt, und dichte Nebel hingen über den Seen. Mit hellem Schellengeläut erschien trotzdem am festgesetzten Tage Hellmuts Schlitten vor unserer Tür, – eine winzige mit Pelzen dicht ausgefütterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden stampfte. Mein Vater führte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte mir alles – ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. „Also um fünf Uhr pünktlich im Hotel!“ rief er noch freundlich, dann flogen wir davon.

„Georg hat mich ausgelacht – Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu versichern: für ein vernünftiges Verhältnis hätte sie Geld – für eine dumme Ehe nicht!“ Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. „Was meinst du, wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloßplatz direkt auf den See führen, – der hält uns nicht lange!“

Ich packte ihn entsetzt am Arm. „Nein, Hellmut, nein,“ flehte ich, „wir haben ja noch gar nicht gelebt!“ Der Fanatismus des Daseins durchglühte mich – so sterben – so – nein! Und wie eine Erleuchtung kam es über mich: Tante Klotilde, – sie mußte und konnte helfen. Mit schmetternden Fanfaren begrüßte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloßplatz einbogen und uns fröhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte! Wie wir den Nebel nicht spürten, obwohl er unsere Pelze mit

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/301&oldid=- (Version vom 31.7.2018)