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trüb es diesem unglücklichen Menschen zumute war, daß er krank bis in die Seele war und nicht wußte, wohin er sollte. Ihretwegen verliert er die besten Tage seiner Jugend und seiner Karriere, gibt sein letztes Geld für die Miete der Villa aus, hat seine Mutter und seine Schwestern verlassen, und – was die Hauptsache ist – siecht im qualvollen Kampf mit sich selbst dahin. Schon aus bloßer, gewöhnlicher Menschenliebe mußte man ihm mehr Ernst und Beachtung widmen…

Sie begriff das alles so klar, daß ihr das Herz schmerzte, und wäre sie jetzt an Iljin herangetreten und hätte ihm ein „Nein“ zugerufen, so wäre eine solche Kraft in ihrer Stimme gewesen, daß man ihr unwillkürlich hätte gehorchen müssen. Aber sie stand nicht auf und sagte nichts und dachte überhaupt nicht daran. Die Kleinlichkeit und der Egoismus einer jungen Natur machten sich in ihr vielleicht nie so geltend, wie heute. Sie sah es ein, daß Iljin unglücklich war, daß er auf dem Diwan wie auf Kohlen saß, und er tat ihr leid; zugleich aber erfüllte die Gegenwart eines Menschen, der sie bis zum Schmerz liebte, ihre Seele mit Triumph, mit dem Bewußtsein der Kraft. Sie fühlte ihre Jugend, Schönheit und Unnahbarkeit, und – sie fuhr sowieso weg – und tat sich heute abend den Willen. Sie kokettierte, lachte ohne Unterlaß und sang mit besonderer Empfindung und Begeisterung. Alles belustigte sie, alles erschien ihr lächerlich. Die Erinnerung an das Ereignis auf der Bank, an den zuschauenden Posten belustigten[WS 1] sie. Die Gesten und die frechen Witze Iljins schienen ihr komisch; sogar die Nadel in seiner Krawatte, die sie früher nie bemerkt hatte, machte sie lachen. Die Nadel stellte eine kleine rote Schlange mit Aeuglein

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: belustigen
Empfohlene Zitierweise:
Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/114&oldid=- (Version vom 31.7.2018)