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VI


Dymow ahnte wohl schon seit der Mitte des Winters, daß sie ihn hinterging. Ganz als ob er ein schlechtes Gewissen hätte, konnte er seiner Frau nicht mehr gerade in die Augen sehen, lächelte ihr nicht mehr freudig zu und brachte, um mit ihr möglichst wenig allein zu sein, recht oft seinen Kollegen Korosteljow zum Mittagessen mit. Dieser Korosteljow war ein kleines Männchen mit kurzgeschorenem Schädel und etwas abgelebtem Gesicht; wenn er mit Olga Iwanowna sprach, knöpfte er vor lauter Verlegenheit seinen Rock immer auf und zu und zupfte sich mit der rechten Hand den linken Schnurrbart. Während des Mittagessens unterhielten sich die beiden Aerzte darüber, daß der hohe Stand des Zwerchfelles zuweilen unreine Herztöne bewirke, daß die Polynervosen in der letzten Zeit sehr häufig seien, oder daß Dymow gestern bei der Sektion einer Leiche mit der Diagnose „bösartige Anämie“ einen Krebs der Bauchspeicheldrüse vorgefunden habe. Und es sah so aus, als führten sie diese medizinische Unterhaltung nur, um Olga Iwanowna die Möglichkeit zu geben, zu schweigen, d. h. zu lügen. Nach dem Essen setzte sich Korosteljow ans Klavier, und Dymow seufzte und sagte ihm:

„Ach, Bruder, was soll man noch reden! Spiel’ mir etwas Trauriges.“

Korosteljow hob die Achseln, spreizte die Finger, schlug einige

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/158&oldid=- (Version vom 31.7.2018)