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verkehrt und gesprochen; und sooft er in der Ferne oder in der Nähe eine Fabrik sah, kam ihm der Gedanke, daß von außen besehen alles wohl still und ordentlich sei, innen aber undurchdringliche Roheit und stumpfer Egoismus der Besitzer, langweilige und ungesunde Arbeit der Arbeiter, Zank, Schnaps und Ungeziefer herrschen. Als die Arbeiter jetzt ehrerbietig und scheu vor seinem Wagen auswichen, sah er ihren Gesichtern, ihren Mützen, ihrer Gangart physische Unsauberkeit, Trunksucht, Nervosität und innere Unsicherheit an.

Der Wagen rollte durch das Fabrikstor. Zu beiden Seiten huschten kleine Arbeiterhäuser, Frauengesichter, Wäsche und Bettdecken vor den Türen vorbei. „Obacht!“ schrie der Kutscher, ohne die Pferde anzuhalten. Da ist der geräumige Hof ohne Gras, und darin stehen fünf, voneinander entfernte, riesengroße Gebäude mit Kaminen, Lagerschuppen, Baracken, und alles ist grau, wie mit Staub überhaucht. Hie und da sind ärmliche Gärtchen und grüne und rote Dächer der Beamtenhäuser zu sehen. Der Kutscher hielt plötzlich vor einem frisch mit grauer Farbe gestrichenen Hause; davor befand sich ein kleiner Vorgarten mit staubbedecktem Flieder, und auf der gelben Freitreppe roch es stark nach Farbe.

„Bitte, Herr Doktor,“ sagten einige Frauenstimmen im Flur und im Vorzimmer; auch Seufzer und Flüstern waren zu hören. „Bitte, wir haben Sie kaum erwarten können… ein wahres Unglück. Wollen Sie, bitte, hier eintreten.“

Frau Ljalikow, eine ältere korpulente Dame im schwarzen Seidenkleid mit modernen Aermeln, doch nach dem Gesicht zu schließen eine einfache, ungebildete Person, sah den Arzt besorgt an und wagte nicht, ihm die Hand zu reichen. Neben ihr stand ein weibliches Wesen mit kurzem Haar, mit einem Zwicker auf der Nase, in einer buntfarbigen Bluse,

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 198. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/198&oldid=- (Version vom 31.7.2018)