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hager und nicht mehr jung. Die Dienerschaft nannte sie Christina Dmitrijewna, und Koroljow erriet, daß es die Gouvernante war. Sie war offenbar, als die gebildetste Person im Hause, beauftragt, den Arzt zu empfangen; sie fing jedenfalls sofort an, in großer Hast die Ursachen der Krankheit mit kleinlichen, überflüssigen Details darzulegen, doch ohne zu erwähnen, wer krank sei und um was es sich eigentlich handle.

Der Doktor und die Gouvernante saßen und sprachen, und die Frau des Hauses stand unbeweglich bei der Tür und wartete. Koroljow erfuhr aus dem Gespräch, daß die Patientin die einzige Tochter und Erbin der Frau Ljalikow, Lisa, ein etwa zwanzigjähriges junges Mädchen sei; sie sei schon seit langem krank und hätte sich von verschiedenen Aerzten behandeln lassen; in der letzten Nacht, vom Abend bis zum Morgen, hätte sie solches Herzklopfen gehabt, daß kein Mensch im Hause geschlafen habe; man hätte gefürchtet, sie könnte sterben.

„Man kann wohl sagen, daß sie schon seit der frühesten Kindheit kränkelt,“ berichtete Christina Dmitrijewna mit singender Stimme, sich jeden Augenblick die Lippen mit der Hand wischend. „Die Aerzte sagen, es seien die Nerven; als sie aber klein war, haben ihr die Aerzte die Skrofeln ins Innere gejagt, und ich glaube, das Ganze kommt davon.“

Nun ging man zu der Kranken. Schon ganz erwachsen, groß und gut gebaut, doch unschön und der Mutter ähnlich, mit den gleichen kleinen Augen und der unverhältnismäßig kräftig entwickelten unteren Gesichtshälfte, unfrisiert, bis zum Kinn unter der Bettdecke steckend, machte sie im ersten Augenblick auf Koroljow den Eindruck eines unglücklichen, armen Geschöpfes, das man hier aus Mitleid aufgenommen habe,

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 199. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/199&oldid=- (Version vom 31.7.2018)