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Arbeiter dem Staat, der Monarchie zurückzugewinnen, den nicht sozialdemokratischen Arbeiter von der Sozialdemokratie fernzuhalten. Noch ist eine große Zahl von Arbeitern der sozialdemokratischen Werbung nicht erlegen. Es stehen den 2 530 390 in den sogenannten freien, den sozialdemokratischen Gewerkschaften organisierten Arbeitern noch 1 314 799 in nicht sozialdemokratischen Gewerkschaften und Vereinen organisierte Arbeiter gegenüber. Und zwar:

Katholische Arbeitervereine 545 574
Evangelische Arbeitervereine 180 000
Christliche Gewerkschaften 360 000
Staatsarbeiter- u. Angestelltenverband       120 000
Hirsch-Dunckersche Gewerkschaften 109 225

Hierzu kommen die katholischen und evangelischen Gesellen- und Jugendvereine in einer Gesamtmitgliedzahl von 468 223 und vor allem die große Zahl der in Gewerkschaften noch nicht organisierten Industrie- und Landarbeiter. In der Arbeit der Jugendwehr, des Jungdeutschlandbundes sind wertvolle Ansätze geschaffen zur Fernhaltung der Jugend von den Werbeversuchen der Sozialdemokratie. Ist die sozialdemokratische Organisation auch fest und stark, so sind ihr gegenüber doch schon Organisationen im Werden und Wachsen, die bei geschickter Benutzung zur Basis eines erfolgreichen Kampfes gegen die Sozialdemokratie werden können und neue Organisationen werden sich schaffen lassen. Die Monarchie, die am Anfang des vorigen Jahrhunderts ohne gewaltsame Erschütterung den Übergang gefunden hat vom alten zum neuen Staatswesen, führte ich am 20. Januar 1903 im Reichstag aus, ist auch heute stark und einsichtig genug, um diejenigen Übelstände, die neben vielen Lichtseiten die moderne Entwicklung mit sich gebracht hat, die sich in allen vorgeschrittenen Ländern finden, und die wir zusammenfassen unter dem Namen „soziale Frage“, zu mildern und so weit zu beseitigen, wie dies möglich ist auf dieser unvollkommenen Erde. An diesem Glauben dürfen wir nicht irre werden, trotz oder gerade wegen der Stärke und Anziehungskraft der Sozialdemokratie auf unsere deutsche Arbeiterschaft. Wir führen den Kampf gegen die Sozialdemokratie nicht, um den Arbeiter zu treffen, sondern um den Arbeiter den sozialdemokratischen Umgarnungen zu entziehen und an den Staatsgedanken zu gewöhnen. Wir dürfen den Haß der Sozialdemokratie gegen die besitzenden und gebildeten Volksklassen nicht erwidern mit Haß gegen die in den Bann der sozialdemokratischen Propaganda gezogenen Arbeitermassen. Wir sehen auch im Arbeiter den Mitbürger. Wir ehren auch am Arbeiter Gottes Angesicht. Und was wir zur Erleichterung seiner schweren wirtschaftlichen Lage tun, das tun wir nicht allein der Politik wegen, sondern aus Pflichtgefühl und nach Gottes Gebot. Wir haben gerade seit dem Anfang des neuen Jahrhunderts den großartigen Bau unserer sozialpolitischen Gesetzgebung fortgeführt und zum Teil vollendet, nicht weil wir eine so starke Sozialdemokratie haben, sondern trotzdem wir sie haben. Je reiner unser Gewissen gegenüber der Arbeiterschaft ist, weil wir in großzügiger Sozialpolitik das Menschenmögliche für die Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage tun, mit desto besserem Recht können wir den von der Staatsraison gebotenen Kampf führen gegen die politische Ziele verfolgende Sozialdemokratie.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/112&oldid=- (Version vom 31.7.2018)