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Wirtschaftspolitik erweitern durch die andere: „Wie bleibt das Volk gesund, um lange leben zu können?“ Industrie und Handel vermehren unseren nationalen Wohlstand in höherem Maße und in geschwinderem Tempo, als es die Landwirtschaft je vermöchte. Ohne eine große und blühende Landwirtschaft an ihrer Seite würde die Industrie aber bald die besten Volkskräfte verbrauchen, ohne sie je ersetzen zu können. Die Landwirtschaft ist Erzeugerin der Volkskraft, die die Industrie verbraucht, der breite Wurzelboden, in dem die hochaufschießenden Bäume Industrie und Handel ruhen und aus dem sie ihre Nahrung ziehen.

Mit Recht bewundern wir an den Industriezentren des Rheinlandes, Westfalens und Sachsens den Schwung, die Energie und das Organisationstalent der Unternehmer; an der Vollendung der industriellen Anlagen die Erfindungsgabe und Kühnheit unserer Techniker und Ingenieure, an der Qualität unserer Industrieerzeugnisse den Fleiß und die Gewissenhaftigkeit des deutschen Arbeiters. Mit Recht sind wir stolz auf die blühende Entwicklung unserer großen und mittleren Städte, die dem Emporkommen von Industrie und Handel ihre rasche Entfaltung verdanken. Wir haben seit dem Ausgang des Mittelalters eine Stadtentwicklung in großem Stil nicht wieder erlebt. Und wie beim Ausgang des Mittelalters sind auch die viel größeren und volkreicheren Städte der modernen Zeit Zentren regen geistigen und künstlerischen Lebens. Es ist unbillig, über die moderne Großstadtkultur in Bausch und Bogen das Verdikt zu sprechen. Unter den kulturellen Einflüssen, die von den großen Städten ins Land dringen, sind gewiß manche, die auf die ursprünglichen Lebensgewohnheiten des Landes schädigend wirken. Aber diese Schäden werden vielfach aufgewogen durch die Erneuerung, die Verfeinerung der äußeren Lebenskultur, die wie in allen Zeiten so auch heute von den großen Städten ausgehen. Gerade wer nicht blind ist gegen die schweren Gefahren einer übertriebenen Verstadtlichung unseres Vaterlandes soll die vielfach hervorragenden Leistungen unserer deutschen Städte auf geistigem und kulturellem Gebiet anerkennen und die Spreu vom Weizen sondern. Es ist auch nicht richtig, die Schäden der Großstadtentwicklung allzu einseitig auf ethischem Gebiet zu suchen. Gesündigt wird intra und extra muros. Es gibt Gerechte und Ungerechte auf dem Lande wie in den Städten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß gerade auf charitativem Gebiet die Städte mit mustergültigen Einrichtungen vorangegangen sind, und daß in der Fürsorge für die unteren Volksklassen Bahnbrechendes von Industrieherren geleistet worden ist.

Die Gefahren der Industrialisierung und damit Verstadtlichung Deutschlands liegen nicht so sehr auf dem schwer zu messenden und schwer zu wertenden Felde geistigen und sittlichen Lebens als auf physischem Gebiet. Die Gesundheit der Männer und die Fruchtbarkeit der Frauen leiden schwer unter dem Einfluß städtischen, insbesondere großstädtischen Lebens. In den Jahren 1876/80 entfielen im Königreich Preußen auf 1000 Frauen bis zu 45 Jahren durchschnittlich jährlich Lebendgeborene in den Städten 160, auf dem Lande 182. In den Jahren 1906/1910 waren die Zahlen gesunken in den Städten auf 117, auf dem Lande auf 168. Das bedeutet für die Städte einen Verlust von 43 Geburten auf 1000 Frauen. Im Stadtkreis Berlin allein sanken die Ziffern in derselben Zeit von 149 auf 84, also um 65. Das rapide

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 104. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/120&oldid=- (Version vom 31.7.2018)