Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/46

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nur Alliierte oder Feinde sein.“ Daß sie Alliierte bleiben, liegt im wohlverstandenen Interesse beider Länder. Italien und Deutschland sind durch so viele und schwerwiegende Momente, die Abwesenheit jeder nationalen Rivalität und – da die Erinnerung an den Kampf im Teutoburger Wald und die Schlacht bei Legnano doch weit zurückliegt – auch aller störenden Reminiszenzen, durch die Gleichartigkeit ihres geschichtlichen Werdegangs und durch gemeinsame Gefahren, die sie in gleicher Weise bedrohen könnten, so augenscheinlich aufeinander angewiesen, daß sie sich immer wieder zusammenfinden werden. Wir neigen dazu, unser Verhältnis zu Italien, das, entgegen der landläufigen Ansicht über den Charakter beider Völker, bei uns mehr mit dem Gefühl, in Italien mehr mit dem Verstande genommen wird, bisweilen zu ungünstig zu beurteilen, bisweilen etwas überschwenglich aufzufassen. Italien hat weder in Algesiras, noch mit seiner Tripolisexpedition, noch kurz vorher, bei der Entrevue von Raccionigi daran gedacht, sich von uns zu trennen. Um die Haltung Italiens auf der Konferenz von Algesiras ist ein üppiger Legendenkreis gewoben worden. Man hat behauptet, Italien habe uns in Algesiras im Stich gelassen oder gar uns gegenüber ein falsches Spiel gespielt, und diese Meinung hat bei uns eine Zeitlang ein unbegründetes Mißtrauen gegen Italiens Bündnistreue hervorgerufen. Tatsächlich haben die italienischen Vertreter in einigen mehr nebensächlichen Fragen mit den Westmächten und gegen uns gestimmt. Diese Abstimmungen wurden von der französischen Presse mit Geschick aufgegriffen und der Welt als Schwenkung Italiens vom Dreibund zu Frankreich verkündet. In anderen und wichtigeren Fragen hat Italien in Algesiras unseren Standpunkt unterstützt und gefördert. Das hat unser Vertreter in Algesiras, Herr von Radowitz, immer anerkannt und sich wiederholt gegen die nach seiner Überzeugung ungerechten Angriffe gewandt, die gegen die Stellungnahme Italiens auf der Konferenz gerichtet wurden. Ich kam seinem Wunsche nach, als ich im November 1906 im Reichstag den gegen Italien erhobenen Vorwürfen entgegentrat. Herr von Radowitz hat auch später sein Urteil über die italienischen Delegierten dahin zusammengefaßt, daß sie in der Form vielleicht zu sehr geneigt gewesen wären, das italienisch-französische Verhältnis in möglichst freundlichem Licht erscheinen zu lassen, in der Sache aber uns gute Dienste geleistet hätten. Die gegenteilige Auffassung ist ebensowenig begründet wie der in Rußland vielfach verbreitete Glaube, daß Fürst Bismarck auf dem Berliner Kongreß Rußland getäuscht und verraten habe. Auch das Tripolisunternehmen, das dem italienischen Volke Gelegenheit bot, einen glänzenden Beweis seiner patriotischen Solidarität und moralischen Einheit zu geben, ist namentlich anfänglich in einem Teil unserer Presse nicht richtig beurteilt worden. Italien hat auch Interessen, die außerhalb des Rahmens des Dreibundes liegen. Wir selbst haben selbständige Interessen jenseits der Dreibundpolitik, sie fehlen auch Österreich nicht. Das hat Fürst Bismarck bisweilen mit Schärfe betont. Der Dreibund hätte nicht so unverkümmerte Dauer gewonnen, wenn er eine absolute Bindung der verbündeten Mächte in allen ihren Unternehmungen, auf allen ihren politischen Wegen verlangen wollte. Cum grano salis kann hier wieder eine Tatsache des innerpolitischen, unseres nationalen staatlichen Lebens, vergleichsweise zur Charakterisierung des Dreibundes

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/46&oldid=- (Version vom 31.7.2018)