Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/433

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Augenblicklich haben ja die katholischen Provinzen noch wesentlich höhere Fruchtbarkeitsziffern als die protestantischen – man vergleiche die über 180 Westpreußens und Posens mit den nur 119 Hessen-Nassaus! –, aber auf die „schiefe Ebene“ sind auch sie bereits geraten. Ebenso geht auch die Fruchtbarkeit des Landes, nicht bloß die der Städte zurück, wie wir gleichfalls der preußischen Statistik entnehmen können. Auf 1000 weibliche Personen im Alter von über 16 bis 45 Jahren entfielen durchschnittlich jährlich lebend Geborene:

in den Jahren       in den Städten       auf dem Lande
1876/80 160,6 182,9
1891/96 140,7 181,9
1901/05 129,1 178,7
1906/10 117,6 168,8

Bis 1905 „hielt“ sich also das Land einigermaßen. Seitdem ist der Rückgang der Geburten kein wesentlich geringerer mehr als in den Städten. Das Land beginnt sich offensichtlich die städtischen Sitten anzueignen, wennschon es noch immer von einer um 43,5% stärkeren Fruchtbarkeit ist.

Schließlich stellt auch die Zugehörigkeit zur slavischen Rasse in Deutschland keinen Damm gegen den Geburtenrückgang dar, wie ein Vergleich von Westpreußen und Posen mit rein deutschen Provinzen lehrt. Der Rückgang ist – absolut gesehen – in den polnischen Landesteilen nur um ein weniges geringer als in Ostpreußen und in der Rheinprovinz.

So sehen wir also die Geburten allerwärts, bei Deutschen und Polen, Katholiken und Protestanten, in Stadt und Land den Rückgang aus den bisherig innegehabten Positionen antreten. Wo der Rückgang enden wird, ist nicht zu erkennen.

Zur Würdigung der kommenden Entwicklung.

Die Frage, ob diese Aussicht als erfreulich oder unerfreulich anzusprechen ist, fällt aus dem Rahmen des Bevölkerungsproblems, wie es hier gedacht und zur Bearbeitung gestellt ist. Wenn ihr doch einige Worte gewidmet werden sollen, so mag kurz gesagt sein, daß sozial gegen den Geburtenrückgang, wenn er sich in Grenzen hält, nichts einzuwenden sein würde, national dagegen die kommende Entwicklung zweifellos Gefahren in sich birgt. Hauptsächlich ist das der Fall mit Rücksicht auf die Vermehrungstendenz der Bevölkerung Rußlands, welche der Rationalisierung noch auf längere Zeit hinaus verschlossen bleiben dürfte. Der Bevölkerungsvorsprung Rußlands gegen Deutschland, heute schon volle hundert Millionen, hat die Aussicht der Verdoppelung in absehbarer Zeit. Und wenn auch die Interessensphären Rußlands und Deutschlands vorläufig sich nicht eigentlich kreuzen, kann das doch in der Zukunft, zumal wenn die Produktivkräfte Chinas zur Entfaltung kommen, und bei anderen Gelegenheiten der Fall sein, wenn Deutschland Weltmacht bleiben will.

Durch den Geburtenrückgang erwachsen den zur Wahrung des nationalen Interesses berufenen Faktoren sonach ernste Aufgaben. Das Wichtigste hat freilich als versäumt zu gelten, denn nach dem Satz „Principiis obsta“ wäre das Mögliche vorzukehren

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 870. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/433&oldid=3270273 (Version vom 31.7.2018)