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ausgingen. Ganz nahe war schon 1863 Adolf Baeyer diesem Ziel gekommen, der das Uramil in Pseudoharnsäure überführte, aus der E. Fischer und L. Ach 1895 durch Wasserentziehung Harnsäure bereiten lehrten. 1898 gelang es E. Fischer, den Grundkörper dieser Gruppe, das Purin selbst, und schließlich auch alle anderen oben genannten Verwandten der Harnsäure synthetisch darzustellen.

Thyrojodin. Adrenalin.

Auf tierphysiologischem Gebiet sind zwei Entdeckungen von hervorragender Bedeutung anzuführen. 1905 entdeckte E. Baumann das Vorkommen von Jod in der Schilddrüse. Es gelang ihm, eine 9proz. Jod enthaltende organische Substanz unbekannter Struktur, das Thyrojodin, herauszuarbeiten und so eine wissenschaftliche Grundlage für die medizinische Behandlung der Schilddrüsenerkrankungen zu schaffen. 1901 isolierte der Japaner Jokichi Takamine aus dem Nebennierenextrakt in reinem Zustand das Adrenalin oder Suprarenin, wie Otto von Fürth diese merkwürdige Substanz nannte, mit der er sich schon früher beschäftigt hatte. Hermann Pauly einer- und der Engländer Jowett andererseits klärten 1904 die Konstitution des Adrenalins auf, der Chemiker Friedrich Stolz der Höchster Farbwerke gewann es in demselben Jahre synthetisch. Das Adrenalin ist physiologisch und pharmakologisch von hervorragender Wichtigkeit, da es selbst in sehr geringen Mengen eine hochgradige Steigerung des Blutdruckes, verbunden mit einer Kontraktion der peripheren Gefäße hervorruft.

Tier- und Pflanzenfarbstoffe.

Schwierige chemische Aufgaben bilden die Blut- und Gallenfarbstoffe, ferner das Chlorophyll, die Cholsäure, das Cholesterin, sehr verwickelt zusammengesetzte Substanzen, über die eine Reihe ausgezeichneter Arbeiten von Marchlewski aus Krakau, Piloty, Willstätter, Diels, Abderhalden, Windaus u.a. vorliegen, ohne daß dadurch die Konstitution der genannten Verbindungen weit genug aufgeklärt worden wäre, um an ihre Synthese herangehen zu können. Indessen glaubt man die Verwandtschaft von Bilirubin, Hämoglobin und Chlorophyll dadurch erwiesen zu haben, daß man aus ihnen chemisch nahe miteinander verwandte Substanzen erhalten hat. Während im Hämoglobin Eisen vorhanden ist, enthält, wie Willstätter 1906 bewies, das Chlorophyll Magnesium als wesentlichen Bestandteil.

Eine ähnliche Verwandtschaft, wie sie zwischen Blutfarbstoff und Chlorophyll besteht, findet sich öfter bei Tier- und Pflanzenstoffen. So ist der Farbstoff der Cochenille-Schildlaus, die Karminsäure, ein mit dem Alizarin, das im Krapp vorkommt, verwandtes Anthrachinonderivat, wie Dimroth kürzlich fand. Der antike Purpur, aus dem Sekret der Purpurschnecke gewonnen, ist, wie 1909 Paul Friedländer bewies, identisch mit einem synthetisch dargestellten Dibromindigo, also dem Indigo der Indigoferaarten ganz nahe verwandt. 1890 gelang es Heumann, auf Grund der von A. Baeyer analytisch und synthetisch 1880−1882 abgeleiteten Konstitution die erste Darstellungsmethode des Indigos in der Alkalischmelze von Phenylglyzin oder Phenylglyzinorthokarbonsäure und darauf folgende Oxydation zu ermittel, die in verschiedenen Formen zu technisch brauchbaren Verfahren der Indigogewinnung in deutschen Teerfarbenfabriken ausgebildet wurde. Die gelben Farbstoffe des Gelbholzes: Morin, des Wau: Luteolin, der Querzitronrinde:

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1308. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/179&oldid=- (Version vom 31.7.2018)