Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/255

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am Gehirn weit besser ertragen werden, als man je für möglich gehalten hatte. Die weitere Erforschung gewährte dann in das ganze komplizierte System der Zentren und Leitungsbahnen des Gehirns den Einblick, der uns heute in den Stand setzt, mit großer Sicherheit die Lage eines Krankheitsherdes zu ermitteln. Hatte sich die Chirurgie zunächst darauf beschränkt, Eiterherde im Gehirn an der Stelle einer Verletzung operativ zu eröffnen, so wurde nun, nach dem Vorgange Ernst v. Bergmanns, ein Gebiet nach dem anderen erobert, und die Diagnostik in hohem Maße dadurch gefördert, daß mittels der sogenannten „Gehirnpunktion“ durch feinste Bohrlöcher im Schädel die Punktionsnadel in das Gehirn eingesenkt und krankhaftes Material auch aus versteckten Regionen zutage gefördert wurde.

Mit Hilfe der verfeinerten Diagnostik und Technik gelang es nunmehr, auch eine der schrecklichsten Krankheiten operativ anzugreifen, die ohne Operation mit voller Gewißheit zum Tode führt, die Gehirngeschwulst. Ein Gewächs im Gehirn ist deshalb so unabwendbar tödlich, weil die in der geschlossenen Schädelkapsel ständig wachsende Neubildung den Raum immer mehr beengt und das Gehirn unter schwersten Qualen für den erblindenden Patienten gleichsam erdrückt. Jede gelungene radikale Entfernung einer Hirngeschwulst ist also eine absolute Lebensrettung.

Bis vor wenigen Jahren schien es, als ob wir Geschwülste nur an der Oberfläche des Gehirns, besonders in den Regionen, die die Bewegungen des Gesichtes, der Arme und der Beine regeln, zu erreichen vermöchten; seitdem aber sind wir weit kühner geworden, und es gibt heute nur wenige Gegenden des Gehirns, aus denen nicht schon Geschwülste mit Erfolg entfernt worden wären.

Liegt eine Neubildung an der Oberfläche des Gehirns und ist ihr Sitz aus den Symptomen, vielleicht unter Zuhilfenahme der Gehirnpunktion, mit möglichster Sicherheit festgestellt worden, so eröffnen wir die knöcherne Schädelkapsel mittels elektrisch betriebener Instrumente innerhalb weniger Minuten unter Bildung eines Knochendeckels, der nach Beendigung der Operation wieder eingefügt wird. Die harte Hirnhaut wird durchtrennt und die Geschwulst unter möglichster Schonung der benachbarten Gehirnabschnitte ausgelöst.

Bieten diese Operationen an der Oberfläche des Gehirns keine besonderen Schwierigkeiten, so wird die Situation eine durchaus andere, wenn es sich um Geschwülste handelt, die, bedeckt vom Gehirn, an dessen Unterfläche gelegen sind. So werden heute Neubildungen operiert, die wegen ihrer Lage zwischen dem Kleinhirn und der sogenannten Brücke „Kleinhirnbrückenwinkelgeschwülste“ genannt werden. Diese Geschwülste sind deswegen so gefährlich, weil sie in unmittelbarer Nähe des eigentlichen Knotenpunktes des Lebens, des verlängerten Markes, gelegen sind und bei zunehmender Größe durch Erdrücken des Atmungszentrums töten. Wegen dieser äußerst heiklen Lage muß die Entfernung mit größter Vorsicht geschehen. Vom Nacken her wird die hintere Schädelgrube freigelegt und die harte Hirnhaut unter sorgfältiger Vermeidung der hier gelegenen großen Blutleiter eröffnet. Nun liegt das Kleinhirn zutage, welches die Geschwulst bedeckt; es wird mit großer Vorsicht emporgehoben und nach einwärts verschoben, dann unter künstlicher Beleuchtung die in großer Tiefe gelegene Geschwulst zugänglich gemacht und unter Leitung

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1384. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/255&oldid=3270723 (Version vom 31.7.2018)