Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/414

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Licht einer Idee rückt. Er ist durch und durch Dramatiker, eine schroffe nordische Mannesgestalt, ein grübelnder Kopf, der das leidenschaftliche Herz wie bei sich selbst, so auch bei seinen Helden zurückdrängt. Sein „Pantragismus“, d. h. die Überzeugung des tragischen Grundcharakters alles Geschehens in der Welt, ruht auf der philosophischen Idee des Zwiespaltes (Dualismus) zwischen Einzelwillen (Individuum) und Weltwillen (Naturnotwendigkeit, Naturgesetz). Kraft setzt sich in der Tragödie gegen Kraft; die Maßlosigkeit hebt sich selbst auf; der einzelne geht unter, die Idee, für die er stritt, triumphiert. Das Versöhnende liegt darin, daß der einzelne in tapferem Kampfe erliegt und die höhere Macht (nicht der Gegenpartei, sondern) der sich durchsetzenden, die Gegensätze vereinenden Idee anerkennt, ja stolz ist, ihren Sieg vermittelt zu haben. Das Drama – sagt Hebbel in klarem Bilde – stellt die beiden Kreise auf dem Wasser dar, die sich eben dadurch, daß sie einander entgegenschwellen, zerstören und in einem großen einzigen Kreise, der den zerrissenen Spiegel für das Sonnenlicht wieder glättet, zergehen. – Die Alten durchwandelten, so lautet ein anderes, höchst bezeichnendes Wort, mit der Fackel der Poesie das Labyrinth des Schicksals. Wir Neueren suchen die Menschennatur, in welcher Gestalt der Verzerrung sie uns auch entgegentrete, auf gewisse ewige und unvergängliche Grundzüge zurückzuführen. Der Dramatiker soll der Menschheit das Bild ihres edleren Selbst vorhalten und ihr zu klarerem Selbstbewußtsein über sich und das Ewige in ihr verhelfen. – Solche Gedanken brechen sich endlich verheißungsvoll auch bei heutigen Dramatikern allmählich Bahn. Auch die herbe Schönheit, die ernste Weihe und Wucht der Hebbelschen Lyrik ist erst unserer Zeit aufgegangen.

Otto Ludwig.

Otto Ludwig galt eine Zeitlang als ein gleichberechtigter Nebenbuhler Hebbels. Bei näherer Betrachtung jedoch ergibt sich, daß er als ein wesentlich episches Talent sich vergeblich mühte, über den auf natürliche Enge eingeschränkten poetischen Realismus hinweg zu der „idealen Tragödie“ emporzugelangen. Seine dichterische Natur leistet das Größte in der Verlebendigung und Plastik des einzelnen; die großzügige, einwandfreie Fügung eines dramatischen Aufbaus war ihm nicht gegeben. Er mühte sich, dem „einzigen Shakespeare“ es gleichzutun und „das Poetische und Theatralische innigst mit dem Charakteristischen zu verbinden“, und Herrliches hat er darin geleistet; mehr und mehr jedoch überwucherte auch bei diesem Talent die Erkenntnis (Theorie) die künstlerische Kraft; deren Selbstzersetzung bezeugen die „Shakespearestudien“. In der Dorfidylle feierten Ludwigs poetischer Realismus und sein feiner Humor die schönsten Siege und weckten reichste Nacheiferung.

Die Ewigkeitswerte der älteren Kunstrichtung.

Auf dem Boden der Lyrik und Novelle wurde Eduard Mörike erst von Storm und seinen Freunden auf den rechten Platz hinter Goethe gesetzt, und erst nach ihren 70. Geburtstagen fanden Storm und Groth die verdiente Würdigung; Keller und Meyer und Fontane und Marie v. Ebner, Greif und Heyse schufen rüstig weiter; Spitteler wurde nicht nach Verdienst gewürdigt, voll entfalteten sich

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1543. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/414&oldid=3270879 (Version vom 31.7.2018)