Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/549

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junge Kaufmann, wenn ihn am Werktag die Arbeit und am Sonntag der Sport oder die Marschübung und das Manöverieren im Gelände vollauf in Anspruch nehmen und müde machen, noch Zeit und Kraft finden, um ein gutes Buch zu lesen oder – was doch auch Menschenrecht und Bildungspflicht ist – in der Stille zu sich selber zu kommen? Und auch das Familienleben protestiert gegen das Übermaß jugendlicher Vereinsbildung. Ob es wertvoller ist, Weihnachten im Elternhaus oder zum Skilaufen auf dem Feldberg zu verbringen, wird man doch fragen dürfen. Wir wollen jedenfalls den Ruhm, das Volk der Denker und der Dichter zu sein, nicht um ein Linsengericht preis- und darangeben an das neumodische Streben und an den leidenschaftlichen Ehrgeiz, im Sport und im Kriegsspiel die ersten zu werden und den englischen Rekord zu brechen. Das eine tun und das andere nicht lassen, ist hier, so trivial es klingt, doch der Weisheit letzter Schluß.

Studentische Korporationen.

In diesem Zusammenhang ist auch noch an ein anderes jugendliches Vereinswesen zu erinnern, an die studentischen Korporationen, die freilich zunächst als reine Privatsache angesehen werden könnten und höchstens durch die Teilnahme der Bevölkerung in kleinen Universitätsstädten an der Romantik dieser bunten Mützen und Bänder oder durch die mehr oder weniger humorvolle Beachtung, die die Polizei ihrem lustigen Treiben zu schenken pflegt, mit der Öffentlichkeit sich berühren. Aber wenn wir an die Entstehung der deutschen Burschenschaft denken und an den Einfluß, den ihr Fest auf der Wartburg im Jahre 1817 und der Kampf der Regierungen gegen ihren Patriotismus auf unsere innerdeutsche Politik ausgeübt hat und der in den Karlsbader Beschlüssen am deutlichsten und für das geistige und politische Leben unseres Volkes so verhängnisvoll in die Erscheinung getreten ist, oder an das Großziehen antisemitischer Tendenzen im Verein deutscher Studenten in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, so werden wir in ihnen doch auch ein Stück des öffentlichen Lebens verkörpert finden. Bismarck hat einmal das Fraktionswesen unserer Parlamente nicht bloß mit diesen studentischen Verbindungen und mit ihrem Korporationsegoismus und Korporationspartikularismus verglichen, sondern es direkt aus der Gewöhnung daran im akademischen Leben abgeleitet. Bei dem Übergewicht, das die Akademiker bald als der vornehmste bald als der wirklich führende Stand in unserem deutschen Beamtenstaat lange Zeit wenigstens gehabt und schwerlich schon ganz verloren haben, ist das ja nur natürlich. Umgekehrt hat noch neuerdings ein Führer der Demokratie das studentische Verbindungsleben als eine treffliche Vorschule für die Tätigkeit in den öffentlichen Körperschaften bis zum Reichstag hinauf und ganz direkt als gute Vorbereitung für das öffentliche Leben gerühmt und auch den Geist ehrlicher Toleranz gegen Andersmeinende von seiner Studentenzeit hergeleitet. Und wenn dieses studentische Korporationswesen heute nicht mehr bloß der Träger der alten romantischen Burschenherrlichkeit ist, sondern in ihm auch ganz moderne sittlich-soziale Aufgaben und das Bemühen um den Erwerb allgemeiner Bildung energisch in die Hand genommen werden, so muß der Öffentlichkeit an ihm und an der ganzen akademischen Lebensfreiheit und ihrer Erhaltung ebenso gelegen sein, wie sie in der wissenschaftlichen Lehrfreiheit der Professoren und in der Lernfreiheit der

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1678. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/549&oldid=- (Version vom 4.10.2020)