Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/80

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Vieles hat sich seitdem geändert. Das geflügelte Wort, wonach die Zukunft unseres Volkes auf dem Wasser liegt, ist wahr geworden, am frühesten und deutlichsten dort, wo sich unser Mittelgebirge dem Meere zuneigt. Man fand sich so nahe bei Britannien und den Vereinigten Staaten, daß es notwendig wurde, die Sprache dieser Länder nicht mehr bloß buchmäßig, sondern auch zu mündlichem und brieflichem Verkehr zu erlernen. Jeder Gebildete, namentlich aber jeder Kaufmann, Techniker und Nationalökonom in Preußen wollte sich aufs Englische verstehen und mit englischen Verhältnissen rechnen. Das alte Gymnasium verschloß sich dem Drange der Zeit, anstatt ihn zu veredeln; es hielt sich – außer in einigen maritimen Gauen – den Geist Shakespeares und Carlyles vom Leibe; von den humanités modernes genügten ihm die heimische und die französische: um so mehr wurden Realgymnasien und Oberrealschulen beliebt, besucht und begründet. Man rief nach Lehrkräften des Englischen, und jetzt zogen Massen von Studierenden in die bisher ziemlich stillen anglistischen Hörsäle und Seminare. Eine Woge von Realistik erhob sich in den industriellen Städten. Nachdrücklich forderte man vom einzigen Professor, der an jeder Universität zur Stelle war, daß er nicht bloß für seine Wissenschaft lehre, sondern zugleich für die Schule, für den Nutzen aller, für das nationale Interesse. Zögernd und in halber Weise gab das klassische Gymnasium nach, richtete da und dort, wo der Direktor nicht zu sehr dagegen war, englische Freikurse ein, und erlaubte später an manchen Orten sogar, daß das Englische in den obersten Klassen obligatorisch wurde, wenn auch nur auf Kosten des Französischen. Aber das Opfer, an sich praktisch, kam zu spät – eines Tages stand der lateinlose Abiturient von der Oberrealschule gleichberechtigt innerhalb der philologischen Pforten. In Scharen setzte er sich an das Studium von Jahrhunderten, deren höhere Bildung und schulmäßige Schriften, weil in Latein niedergelegt, ihm verschlossen blieben; er unternahm es, Autoren wie Spenser, Milton, Byron zu ergründen, die sogar mehr Griechisch konnten als Goethe oder Schiller; möglichst ausschließlich aber wandte er sich naturgemäß jenem Studiengebiete zu, in dem allein er sich zu Hause fühlen konnte: dem modernsten. Diese Verhältnisse zusammen verschoben die Basis der Anglistik.

Was taten die Professoren?

Unsere Universitäten genießen nicht die Unabhängigkeit, wie sie etwa Oxford besitzt, das sich selber aus altem Stiftungsvermögen erhält. Sie bekommen vom Staat die Mittel, die Räume, die Hilfskräfte, bis zu einem gewissen Grade sogar die Art des Schülermaterials, insofern sich dies nach den Vorschriften für die Vorbereitsschule und die Abgangsprüfungen gestaltet. Sie sind daher gezwungen – oft ist es ein Glück –, sich viel mehr als z. B. Oxford nach den Bedürfnissen des Staats, nach dem momentanen Gebote des Gemeinwohls zu richten, und sollen dabei doch ihrer rein wissenschaftlichen Pflicht unentwegt treu bleiben. Die anglistischen Professoren nahmen also, der eine mehr, der andere weniger, den Gegenwartsbetrieb in ihr Programm auf und hielten dabei nach Möglichkeit die bisherigen Arbeitslinien fest; sie gaben die mittelalterliche Methode nicht preis, ergänzten sie aber mit der neueren; sie zogen eine neue Front auf, ohne die alte schwächen zu wollen. Man muß es versucht haben, was es heißt, eine lebende Sprache sich selber säuberlich anzueignen, und erst, sie anderen beizubringen, um die

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1209. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/80&oldid=- (Version vom 20.8.2021)