Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/120

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Nun, das praktische Leben hat auch hier schon gezeigt, daß man sehr gut einer Regierung entbehren kann, hier wie anderswo. Die freie Vereinbarung, die freie Organisation ersetzen diesen teuren und schädlichen Apparat und leisten Besseres.

*

Man weiß, daß die Kanäle für Holland das sind, was für uns die Straßen. Man weiß auch, welcher Verkehr auf den Kanälen herrscht. Was man bei uns auf gepflasterten Wegen oder Schienen transportiert, wird in Holland auf Kanälen befördert. Hier wäre also der Ort, wo man sich schlagen könnte, um seine Schiffe denen Anderer zuvorkommen zu lassen. Hier wäre der Ort, wo eine Regierung eingreifen müßte, um Ordnung im Verkehr zu schaffen.

Nichts von dem ist der Fall. Die Holländer waren praktischer; seit langer Zeit schon haben sie anderen und besseren Rat gewußt: sie schufen Gilden, Syndikate von Schiffern. Dies waren freie Assoziationen, welche den Bedürfnissen der Schiffahrt selbst entsprungen waren. Die Reihenfolge der Schiffe regelte sich auf Grund einer gewissen Einschreibetabelle, alle Kähne wurden abgefertigt in der Reihe, wie sie gekommen waren. Keiner durfte dem andern zuvorkommen unter Strafe, aus dem Syndikate ausgeschlossen zu werden. Niemand durfte an einer Landungsstelle länger als eine bestimmte Anzahl von Tagen stehen, und wenn er innerhalb dieser Zeit keine Waren zum Verladen fand, so war es allerdings sein Schade, er mußte leer abfahren und den Platz Neuankommenden überlassen. Eine Versperrung war also vermieden, selbst als die Konkurrenz der Unternehmer – die Folge des individuellen Eigentums – intakt blieb. Schaffet dieses ab, und das Einvernehmen wird ein noch viel herzlicheres und ein für Alle gerechteres werden.

Man wird sagen, daß nicht jeder Eigentümer eines Kahnes dem Syndikate anzugehören brauchte. Das war allerdings seine Sache, doch die meisten zogen es vor, sich ihm anzuschließen. Diese Syndikate boten und bieten noch heute so große Vorteile, daß sie sich über den Rhein, die Weser, die Oder bis nach Berlin hin ausdehnen. Die Schiffer haben nicht gewartet, bis der große Bismarck Holland für Deutschland annektierte und einen Ober-Haupt-General-Staats-Kanal-Navigationsrat ernennen würde, der ebenso viele Tressen getragen hätte, als sein Name lang war. Sie haben es vorgezogen, sich auf internationalem Wege zu verständigen. Doch noch mehr haben sie geleistet: eine Anzahl von Seglern, welche den Dienst zwischen den Häfen Deutschlands, Skandinaviens wie auch Rußlands versehen, haben sich diesen Syndikaten angeschlossen, um eine Regelung des Verkehrs im baltischen Meerbusen und eine Harmonie in diese „chassé croisé“[WS 1] von Schiffen zu bringen. Frei entstanden, sich rekrutierend aus freien Mitgliedern, haben diese Assoziationen mit Regierungen nichts zu schaffen.

Es ist möglich, sogar sehr wahrscheinlich, daß auch hier das Großkapital das kleine unterdrückt. Es ist auch möglich, daß das Syndikat die Tendenz hat, sich zu einem Monopol umzugestalten, – namentlich wenn der Staat ihm seine Vormundschaft angedeihen läßt. Vergessen wir nicht, daß diese Syndikate nur eine Assoziation repräsentieren,

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Kommen und Gehen
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 104. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/120&oldid=- (Version vom 21.5.2018)