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Man kennt diese Theorie: – Die Kolonien sind den großen europäischen Nationen ein Bedürfnis. Diese Kolonien liefern dem Mutterland die Rohprodukte: die Baumwollenfaser, die Naturwolle, die Gewürze usw. Und das Mutterland sendet dafür die Manufakturprodukte, die Brennmaterialien, das alte Eisen in der Form von veralteten Maschinen – kurz alles, dessen es selbst nicht bedarf, das ihm wenig oder nichts kostet, und welches es nichtsdestoweniger in den Kolonien zu einem sehr hohen Preise verkauft.

Dieses war die Theorie, und lange Zeit ist sie auch in Praxis umgesetzt worden. Man gewann große Vermögen in London und Manchester, während man Indien ruinierte. Gehet einmal in das indische Museum von London, und Ihr werdet daselbst unerhörte, unsinnige Schätze erblicken, die in Kalkutta und Bombay von englischen Kaufleuten zusammengerafft worden sind.

Indes andere Kaufleute und andere Kapitalisten, gleichfalls Engländer, kamen auf die sehr natürliche Idee, daß es praktischer wäre, die Bewohner Indiens direkt auszubeuten, anstatt von England jährlich für 5 oder 6 Hundert Millionen Francs zu importieren.

Anfangs hatte man eine Reihe von Mißerfolgen zu verzeichnen. Die indischen Weber – Künstler in ihrem Handwerk – konnten sich nicht in dem Mechanismus der Maschinen zurechtfinden. Die Maschinen, die man von Liverpool gesandt hatte, taugten nichts; außerdem mußte man dem Klima Rechnung tragen, sich den neuen Bedingungen erst anpassen, was heute alles geschehen ist. Heute wird das englische Indien eine mehr und mehr drohende Rivalin der Manufakturen des Mutterlandes.

Heute besitzt Indien 80 Baumwollen-Manufakturen, die fast 60 000 Arbeiter beschäftigen, und im Jahre 1885 hatten diese mehr als 1 450 000 Tonnen Baumwollenzeug fabriziert. Sie exportieren jährlich nach China, nach dem holländischen Indien und nach Afrika – für fast 100 Millionen Francs – von demselben weißen Baumwollenzeuge, welches man die Spezialität Englands nannte. Und während die englischen Arbeiter feiern und dem Elend anheimfallen, sind es die indischen Frauen, die gegen eine tägliche Abfindung von 50 Pfennigen mittels Maschinen die Baumwollenzeuge verfertigen, die in den Häfen des äußersten Orients verkauft werden.

Kurz, der Tag ist nicht mehr fern – und die intelligenten Industriellen verheimlichen es sich nicht – wo man nicht mehr wissen wird, was man mit den „Armen“ tun soll, welche ehemals in England die Baumwolle für den Export spannen. – Doch dies ist nicht alles: aus sehr glaubwürdigen Berichten geht hervor, daß Indien nach Verlauf von 10 Jahren auch keine einzige Tonne Eisen mehr aus England beziehen wird. Man hat die Schwierigkeiten, die sich zuerst für die Verwendung resp. die Verarbeitung der Kohle und des Eisens Indiens boten, überschätzt, und jetzt erheben sich an den Küsten des indischen Ozeans zahlreiche Eisenwerke – Rivalinnen der englischen Eisenwerke.

Die Kolonie macht dem Mutterlande mit ihren Manufakturprodukten Konkurrenz, das ist das Phänomen, das der Oekonomie des neunzehnten Jahrhunderts so recht eigen ist.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 151. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/167&oldid=3128158 (Version vom 21.5.2018)