Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/64

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Und wenn Ihr in die Länder des orientalischen Europas geht, wo sich noch Hochwald im Ueberfluß findet und wo es nicht an Grund und Boden mangelt, so werdet Ihr die Bauern in den Wäldern die Bäume ganz nach ihren Bedürfnissen fällen und soviel Land bestellen sehen, als ihnen notwendig erscheint; sie kommen gar nicht auf den Gedanken, die Baumstämme zu verteilen oder den Grund und Boden in Parzellen zu zerlegen. Das größere Holz wird indes rationsweise verteilt, und der Grund und Boden, entsprechend den Bedürfnissen jeder Wirtschaft, in Parzellen zerlegt werden, sobald an dem einen oder anderen Mangel eintritt, wie dieses schon für Rußland der Fall ist.

In einem Wort: unbeschränkter Genuß alles dessen, was man im Ueberfluß besitzt; rationsweise Verteilung dessen, was bemessen verteilt werden muß. Auf 350 Millionen Menschen, welche Europa bewohnen, befolgen heute noch 200 Millionen diese äußert natürliche Praxis.

Man bemerke auch, daß dieses System gleichfalls in den Großstädten vorherrscht, wenigstens für ein Lebensmittel, das im Ueberfluß vorhanden ist, nämlich für das Wasserleitungswasser.

Solange die Pumpstationen im Stande sind, die Häuser mit Wasser zu versehen, ohne daß man Wassermangel zu befürchten hätte, kommt es keiner Gesellschaft in den Sinn, den Wasserverbrauch einer jeden Wirtschaft zu regulieren. „Nehmet, soviel Euch gefällt“, heißt es hier. Und wenn man fürchtet, daß sich für Paris zur Zeit der großen Hitze Wassermangel einstellen könnte, so wissen die Gesellschaften, daß eine einfache Bekanntmachung von vier Zeilen in den Journalen genügt, um die Pariser zu veranlassen, ihren Wasserverbrauch einzuschränken und nicht mehr zu viel Wasser zu verschwenden.

Aber wenn das Wasser wirklich einmal ausgehen sollte, was würde man tun? Man würde seine Zuflucht zur rationsweisen Zuweisung nehmen! Und diese Maßnahme ist so natürlich, so gleich der menschlichen Empfindung, daß wir in Paris während seiner zwei Belagerungen im Jahre 1871 zweimal zu ihr Zuflucht nehmen sehen.

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Ist es nötig, Details zu geben, Pläne auszuarbeiten, wie sich diese Verteilung vollziehen könnte, und zu beweisen, daß dies gerecht wäre, unendlich viel gerechter, als die heutigen Zustände? Mit diesen Plänen und diesen Details würde es uns ebensowenig glücken, diejenigen Bourgeois zu überzeugen (und diejenigen – leider – verbürgerlichten Arbeiter), welche das Volk als ein Haufen Wilder betrachten, die sich mit dem Augenblick, wo keine Regierung mehr besteht, gegenseitig die Nase abbeißen. Aber man muß niemals das Volk haben beraten sehen. Man würde sonst keine Minute zweifeln, daß es, wenn es Herr wäre, die rationsweise Verteilung selbst vorzunehmen, diese nach den reinsten Gefühlen der Gerechtigkeit und Billigkeit vollziehen würde.

Saget in einer Volksversammlung, daß die Rebhühner für die feinschmeckerischen Nichtstuer der Aristokratie reserviert werden müßten und das Schwarzbrot für die Kranken in den Hospitälern – und Ihr werdet ausgepfiffen werden.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 48. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/64&oldid=- (Version vom 21.5.2018)