Seite:Die Erotik (Andreas-Salome).djvu/32

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Erlebens, als letzte Akzente seiner Intensität an sich. So, als würde, auf dem Weg zu immer fruchtbarerer Entladung, immer schaffenderm Sein, unser Selbst steril, wenn es sich nicht auf seinen Gipfelpunkten geheimnisvoll von neuem geteilt fühlte in die ursprüngliche Zweiheit seiner Basis, die allein seine Einheit verbürgte. So, als ob etwas von den Sinnbildern uranfänglicher Gottheit, unter tausend wechselnden Verkleidungen und Verfeinerungen, hindurch ginge durch alles noch, Weggenosse allen Menschen und Zeiten: als ob die Schöpferkraft selber nur sei die Kehrseite einer Anbetung, – und das letzte Bild für alles Geschehen eine vermählende Befruchtung und Empfängnis.


EROTIK UND RELIGION

DASS RELIGION zu demjenigen gehört, was am verschiedenartigsten definiert, dessen Wesen von jeher auf die widersprechendsten Weisen erklärt wird, mag wohl an diesem Grade liegen, worin sie ihrem Grundaffekt nach eins ist mit unsern intimsten Lebensaffekten überhaupt, – mit solchen innern Tatsachen, durch die wir selber stehn und fallen: die ebendeshalb nicht die Distanz zu sich freizugeben scheinen, welche theoretische Feststellungen erst ermöglicht.

So ist auch das Erotische dem Religiösen zunächst unmittelbar einverleibt und dieses ihm, auf Grund jener Lebenssteigerung an sich schon, der Innen und Außen fruchtbar erregend zum Bewußtsein gelangen, – wobei sich diese vermählende Kraft, diese erhöhte Lust des Lebens, Wollens, zur engern leiblichen oder geistigen Wollust spezialisiert hat.

Empfohlene Zitierweise:
Lou Andreas-Salomé: Die Erotik. Frankfurt am Main 1910, Seite 32. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Erotik_(Andreas-Salome).djvu/32&oldid=- (Version vom 18.8.2016)