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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1870)

Seiten dieser in einiger Entfernung befindlichen Leute ausgeführten Manipulationen zu meinem Schrecken überzeugten, daß es hier nicht auf Hülfe der Verwundeten, vielmehr auf Plünderung abgesehen sei. Im Bivouac hatte man von der Art und Weise, wie diese Schakale und Hyänen der Schlachtfelder mit hülflosen Verwundeten verfahren, schreckliche Dinge berichtet, weshalb mich ein unbeschreibliches Gefühl der Angst vor diesen Räubern befiel, welche ihr scheußliches Gewerbe in meiner Nähe auszuführen eifrig bemüht waren. Daß auch ich den Händen dieser Rotte nicht entgehen würde, schien mir um so gewisser, als ich auf einer busch- und baumfreien Anhöhe lag und somit leichter bemerkt werden konnte. Neben der Besorgniß für mein nur noch schwaches Leben befürchtete ich insbesondere den Verlust meiner Uhr, welche ich als theures Andenken an meine verstorbene Mutter, die mir an meinem Confirmationstage ein Geschenk damit gemacht hatte, stets bei mir trug.

Wie könnte ich dieses Kleinod am sichersten verbergen, damit es nicht eine Beute der raubgierigen Plünderer werde? – Indem ich noch eifrig bemüht war, diese Frage zu beantworten, hatten die Räuber ihren Weg bereits nach meinem Lager eingeschlagen. Indeß schien es, als ob ein seitwärts liegender Gegenstand ihre Aufmerksamkeit noch fesselte, da der ganze Räuberzug einige Secunden anhielt und unverwandt nach der linken Seite der eingeschlagenen Richtung hinblickte. In diesem Augenblicke war ich so glücklich, für meine Uhr einen Versteck zu entdecken. So schnell es meine Kräfte erlaubten, griff ich in die Tasche und versenkte das theure Andenken in das Ohr des todten Pferdes, welches mir bis dahin zum Kopfkissen gedient hatte. Die bis jetzt ausgestandene Angst und die gesteigerte Aufregung, dabei die Anstrengung der schwachen Kräfte bewirkten eine nochmals eintretende Ohnmacht, noch ehe die Räuberschaar in meine unmittelbare Nähe gelangte. Als ich erwachte, war die Sonne bereits über das blutgetränkte Schlachtfeld emporgestiegen. Außer meiner Börse, deren Inhalt circa acht Thaler und einige Silbergroschen betrug, vermißte ich gleichzeitig eine bis zur Hälfte gefüllte Feldflasche mit Liqueur. Neben mir standen meine Stiefel, welche wahrscheinlich in der Meinung, es könnten in denselben Werthgegenstände verborgen sein, von den Räubern abgezogen, aber nicht mitgenommen wurden. Meine Uhr fand ich unversehrt im Ohre des Pferdes!

Erst mit dem Beginn der Mittagszeit schlug für mich die Stunde der Erlösung, da ich um diese Zeit beim Aufsuchen der Verwundeten entdeckt und von hülfebringenden Menschenhänden dem Schlachtfelde entrückt wurde.

Rhein im October 1870.

J. A. D.“


Ein Erinnerungsblatt für die Opfer von Laon. Im Kugelregen, im Sturm der Schlacht den raschen Tod erleiden, – da es auf der Welt doch einmal gestorben sein muß – das nennt Jedermann einen seligen Tod, wie bittere Thränen auch den Gefallenen beweinen. Aber einem Mord erliegen, ahnungslos dem Leben plötzlich entrückt werden, das ist grauenvoll, das erschüttert unsere Seele, so oft wir an ein Opfer solcher Missethat gedenken.

Das Grauenvollste dieser Art in unserem furchtbaren Kriege vollbrachte der Teufel der Rachgier bei der Uebergabe von Laon am neunten September. – Die braven deutschen Soldaten, welche dort ihr Ende fanden, verdienen ein Erinnerungsblatt um so mehr, als auch ihnen die freudigen Ehren des Siegers gebührt hätten, die so manche Brust ihrer Kampfgenossen schmückt. Jetzt ruhen ihre zerschmetterten Glieder in der fremden Erde, wo Niemand einen Kranz auf ihre Gräher legt.

Wie äußerten sich über das Ereigniß die Franzosen, soweit die Presse den Geist derselben vertritt? Ohne die Untersuchung abzuwarten nahmen sie das Scheußlichste als wahr an und priesen es als heroische That. Wir haben schon so viel die Menschenwürde Beschämendes in dem unglücklichen Lande erfahren, Nichtswürdigeres noch nicht, als hier die Presse verbrochen hat. Sie setzt insgesammt – mit einer einzigen Ausnahme – voraus, der Commandant habe capitulirt, zuvor aber schon die Mine bereitet gehabt und die Preußen nur in der Absicht in die Citadelle gelockt, um sie in die Luft zu sprengen. Und einen solchen Act des niederträchtigsten Verrathes und der elendesten Hinterlist nennt die „Independance Belge“ möglichst frivol ein heroisches Auskunftsmittel; der „Electeur Libre“ ruft voll Begeisterung aus: „Wir schreiben mit Stolz den Namen des Generals Theremin und bedauern nur, daß wir nicht auch den Namen des einfachen Soldaten kennen, dieses unbekannten Heros, der das Feuer an das Pulver gelegt hat.“ – „Ein Land“ – stimmt die „France“ ein – „wo solche Thaten geschehen, wird nie der fremden Invasion sich beugen. Das Alterthum bietet nichts Größeres, die Geschichte des Commandanten von Laon wird zur Legende werden!“ – Und „Siècle“ vollendet den Triumphchor mit dem Aufruf: „Ehre diesen würdigen Waffenbrüdern der glorreichen Vertheidiger von Straßburg! Sie haben sich um die Republik verdient gemacht.“ – Armes Frankreich, wenn dein Volk nicht besser ist, als seine Presse! –

Nach dem Berichte des Herzogs Wilhelm von Mecklenburg, welcher selbst am Schenkel verwundet worden war, stellte sich der Verlust auf unserer Seite so heraus: ein Officier todt, acht Officiere verwundet, vierunddreißig Unterofficiere und Soldaten todt, dreiundsechszig Unterofficiere und Soldaten verwundet, sieben Pferde todt. Den Verlust der Mobilgarden (etwa vierhundert) und der Einwohner in der Stadt, deren der Citadelle zunächst liegender Theil stark zertrümmert war, schätzt man auf mehr als Siebenhundert. Die Schuld an dem großen Unglück so vieler Menschen wird auf einen Artilleristen geworfen, der schon einige Tage vor dem Heranrücken der Deutschen äußerte: „es sei möglich, daß man bald viel von ihm reden werde“ – und der seitdem verschwunden ist.

Unsere Todten sind begraben; sie ruhen beisammen und an ihrem rechten Flügel ein Fähndrich und der Hauptmann der Artillerie, Mann. Zum Gedächtniß Aller sei das Bildniß dieses einzigen Officiers der todten Schaar hierher gesetzt. Er erhalte das dankbare Andenken an die braven Männer, welche mit ihm in so grauenvoller Weise für das Vaterland gefallen sind.

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Hauptmann Mann.




Die große Bitte an alle deutschen Kinder, zur Aufrichtung eines Christbaums für die armen Kinder und Waisen des Kriegs, hat in ganz Deutschland Anklang gefunden, wie die Zuschriften von Nord und Süd uns beweisen. In dem praktischen Leipzig ist aus der Mitte der Bürgerschaft ein Ausschuß zusammengetreten zu dem Zwecke, die Kinder bei ihrem Unternehmen mit Rath und That zu unterstützen und ihnen die Arbeit dabei leicht und lieb zu machen. Selbst in der größten Stadt kann bei gehöriger Theilung der Arbeit Bedarf und Deckung der Bescheerung binnen acht Tagen klar sein, so daß über etwaige Ueberschüsse zu Gunsten der armen Kinder in den zerstörten Städten Elsaß-Lothringens noch rechtzeitig verfügt werden kann. – Sehr erfreulich ist’s, daß für diese die erste Liebesgabe aus den Sparbüchsen einging; die Zuschrift von lieber Kindeshand lautet: „Unseren kleinen deutschen Schwestern und Brüdern in Elsaß und Lothringen zur Weihnachtsfreude von Laura, Hermann, Heinrich und Willi aus Bockenem.“




Ein wirklich gutes Bilderbuch ist oft genug und am meisten jetzt, in den Vorwochen des Groß und Klein erfüllenden Weihnachtsfestes, der Gegenstand eifrigster Nachforschung. Diese den Kinderfreunden zu erleichtern, machen wir heute auf den „Orbis pictus, Bilderbuch zur Anschauung und Belehrung. Bearbeitet vom Oberschulrath Dr. C. F. Lauckhardt“ (Leipzig, Günther) dringend aufmerksam. Was den Erwachsenen unter unseren Lesern einst das vielgelesene und geliebte „Bertuch’sche Bilderbuch“ war, ist den Kindern heute der „Orbis pictus“, der mit seinen sechshundert trefflichen Bildern und mit seinem sinnigen, schlichten, den Kindergeist ebenso belehrenden, als unterhaltenden Text, einen solchen Reichthum von Anschauungen und Anregungen aus der ganzen Welt bietet, wie kein anderes Bilderbuch unserer Tage. Es ist in drei Abtheilungen zu haben und so recht geeignet, die Kinder als ein guter Freund in Scherz und Ernst bis zu den reiferen Jahren treu zu begleiten. Daß das vorzügliche Buch soeben in zweiter Auflage erschienen ist, spricht am besten für seinen Werth.


Kleiner Briefkasten.

Frau A. G. in Zittau. Besten Dank für die gute Meinung, die Sie von uns haben. Aber nachdem wir schon zum Oeftesten erklärt haben, daß wlr uns auf Rücksendung von Gedichten unter keinen Umständen einlassen, so bedauern wir lebhaft, selbst Ihrem Appell an unsere „Ritterlichkeit“ gegenüber hart bleiben zu müssen. Zürnen Sie nicht, verehrteste Frau und langjährige Abonnentin.

S. in Gdf. Von allen Tragödien des unglücklichen Grabbe möchten wir doch dem „Hannibal“ und der „Hermannsschlacht“ den Preis ertheilen. Eine vollständige Sammlung seiner Werke ist übrigens für nur einen Thaler neuerdings bei Ph. Reclam erschienen, herausgegehen und eingeleitet von R. Gottschall, der dem Ganzen eine ausführliche und werthvolle Charakteristik des Dichters vorausgeschickt hat.

A. S. in L. Nein, Manuscript vernichtet.

M. Solfrank in R. Ihr Artikel wurde von uns hereits unterm 16. Mai an Sie remittirt, kam aber zurück mit der amtlichen Bemerkung: „Ohne Standesangabe nicht zu bestellen.“ Wir ersuchen Sie darum um Ihre genaue Adresse, worauf Ihnen das Manuscript gegen Rückersatz der doppelten Portokosten zur Verfügung steht.


Zweitausensiebenhundert Thaler für die Wittwen und Waisen unserer Wehrleute sind mir aus Lyons (Clinton County, Iowa), als Ergebniß einer Sammlung dort lebender Deutscher, namentlich Schleswig-Holsteiner, soeben durch Herrn H. A. Henningsen zugegangen. Für diese reiche Gabe herzlich dankend quittirt vorläufig

Ernst Keil. 

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. - Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Die Gartenlaube (1870). Leipzig: Ernst Keil, 1870, Seite 832. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_832.jpg&oldid=3497050 (Version vom 9.3.2019)