Verschiedene: Die zehnte Muse | |
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»Doch« – spricht sie – »es ist besser so,
Als dass wir sie selbst ohne Vorbedacht
Und ohne Nachbedacht essen.
Jetzt können wir unsern deutschen Schmerz
Doch klagen, und das ist lyrisch;
So ohne Vernunft, ist tierisch.«
Schad’ ist’s, dass Adam kein Deutscher war,
Er hätte so lang nicht gebissen,
Bis er die Zähne verloren hätt’ –
Drum lieb’ ich die deutsche Gründlichkeit,
Die leider zu spät geboren;
Hat sie zu kurze Beine auch,
So hat sie doch lange Ohren.
Ein harmloses Rätsel.
Wie heisst der Mann, den Alle lieben,
Die guten Deutschen doch zumeist,
Und der doch nie etwas betrieben,
Was irgend gross und tüchtig heisst?
Denn überall drängt er sich ein,
Lässt in den Sorgenstuhl sich nieder,
In jedem Haushalt muss er sein;
Die Kanzel hat er auch betreten,
Er liest an Universitäten
Und hat im Staatsrat viel Gewicht.
Schlafmütze nennt sich seine Krone;
Er hasst genialen Uebermut;
Wenn jeder stets wie alle thut. –
Wenn einer macht mit hundert Schritten.
Was man mit einem Sprunge kann,
Das sind ihm alte, gute Sitten,
Verschiedene: Die zehnte Muse. Otto Elsner, Berlin 1904, Seite 173. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_zehnte_Muse_(Maximilian_Bern).djvu/179&oldid=- (Version vom 31.7.2018)