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schon lange Zeit vor dem Feste geübt, damit dabei alles „klappt“. Als Europäer verkleidete Stelzenläufer, in Tierfelle vermummte Gaukler und Clowns in allen möglichen Masken sorgen für die Erheiterung der Festteilnehmer, unter denen jedoch die Mönche auffallenderweise fehlen. Daß Kleidung und Formen der Europäer auch von den Eingeborenen Indiens gern durch Masken oder Puppen lächerlich gemacht und sogar im geheimen, wie ich mich selbst wiederholt überzeugt habe, grimmig mißhandelt und vernichtet werden, scheint den Engländern zu entgehen, die derartige Offenbarungen der Volksseele keiner Beachtung würdigen.

An diesem festlichen Tage pflegte das Sinhalesenvolk dermaßen von buddhistischem Versöhnungsgeiste durchdrungen zu werden, daß es dem gefürchteten Herrscher feierlich und öffentlich nicht nur durch Vertreter alle Härten und Ungerechtigkeiten vergab, sondern für offenbare, schwere Freveltaten des tyrannischen Fürsten sogar Bußübungen vollzog und Opfer darbrachte, ein Brauch; der mit der Herrschaft der eingeborenen Könige erlosch. Uralt und unerklärlich ist auch der Schluß des Festes, wobei einer der Häuptlinge in einem Boote auf den Strom hinausfährt und mit einem Schwertstreich die Wasserfläche zerteilt.

Das Wunderbarste an jenem Zahn, der die bedeutendste aller buddhistischen Reliquien vorstellt, ist aber wohl der Umstand, daß kein gläubiger Buddhist an der Echtheit dieses Heiligtums zu zweifeln wagt, trotzdem feststeht, daß der ursprüngliche Zahn nach mancherlei Irrfahrten als Siegesbeute von den Portugiesen nach Goa verschleppt und dort auf Befehl der Inquisitoren pulverisiert wurde, weil die portugiesischen Befehlshaber Neigung zeigten, ihn den Sinhalesen für ein ungeheueres Lösegeld zurückzugeben. Der jetzige Zahn soll auf wunderbare Weise im Tempel erschienen sein und gilt für echt, aber schon der Augenschein lehrt, daß dieser ungeheure, zehn Zentimeter lange Zahn keinem menschlichen Gebiß entstammen kann.

Der Wihara-Tempel wurde nicht von Sinhalesen, sondern von kriegsgefangenen Portugiesen erbaut und gleicht mit seinen plumpen Mauern, Gräben, Schießscharten und mächtigen Toren mehr einer trotzigen Befestigung, als einer Andachtsstätte; das sich darin abspielende geräuschvolle Treiben und Musizieren von Mönchen und Opfernden gehört ebenso wie die schauderhaften, auf Wandgemälden dargestellten Strafen, die den Missetäter in einem zukünftigen Leben erwarten, zu den stärksten Eindrücken, die dem Ankömmlinge in Asien begegnen. Diesem Tempel gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht, wie dies in der Nähe buddhistischer Tempel gewöhnlich der Fall ist, eine schneeweiß getünchte glockenförmige Dagoba, in deren Kern eine andere Reliquie, ein Fetzen von Buddhas Mönchsgewand eingemauert sein soll.

Derartige Dagobas oder, wie man sie in Indien nennt, Stupas sind das Wahrzeichen von Gegenden mit überwiegend buddhistischen Bewohnern wie Ceylon oder Birma, wo es als ein verdienstliches Werk gilt, sie zu Ehren des Religionsgründers zu errichten. Selbstverständlich hat jede uns unbedeutend

Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/52&oldid=- (Version vom 1.7.2018)