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Nro. 17.
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Die magischen Küsse.
Schluß.


Jeden Augenblick meinte er, jetzt müsse Marie in dem blauen Hauskleide mit der weißen Schürze, die große Suppenschüssel in der Hand, durch diese Thüre eintreten. Aber viele Stunden waren nach dem Maßstabe seiner Ungeduld schon vergangen, und noch immer kam sie nicht; sie wird doch nicht krank sein! dachte er plötzlich. Ein Pruhsten und Schnauben und ungleichmäßiges Fußtappen zeigte an, daß der krummbeinige Martin, wie gewöhnlich, seine Promenade unter den Fenstern des Refektoriums mache, damit die Morgensonne, wie er sich auszudrücken pflegte, die bösen Nebel vom vorigen Tage zerstreuen möchte. „Heh Martin, Martin!“ schrie Franz, und ehe noch eine Antwort erfolgen konnte, war er gewandt durch’s Fenster an dem dichten Epheugeflechte, die, wegen des hohen Fundaments nicht unbeträchtliche Höhe, hinabgeklettert. Marie ist doch nicht krank? wollte er fragen, aber so wenig er sonst in dem Augenblicke zum Lachen aufgelegt war, der Anblick des guten Martin war gar zu komisch. Martins gestriger Rausch mußte tüchtig gewesen sein, denn die Kleider hatten den höchst möglichen Grad von Knappheit erreicht. Wie eine Ente wankte der Alte daher in den mehr als chinesisch engen Schuhen; die gleich Trico anschließenden Hosen zeigten die kreisförmige Bildung dieses charakteristischen Körpertheils Martins in seiner ganzen Schönheit, die Aermel endlich reichten kaum bis zum Ellenbogen und der schmale Streif, welcher vom Rückenstück übrig war, zog die Schultern des alten Knaben zurück, daß ein Rekrut, der reiten lernt, daran hätte ein Beispiel nehmen können.

„Ihr habt gut lachen in Euern bequemen Kleidern,“ sagte Martin unwirsch, „aber das wird schon aufhören, wenn der Martin nicht mehr zu Markte gehen und Speisen für Euch holen kann! in den Kleidern halt’s der Teufel aus, und gestern sind mir schon die Buben bis eine halbe Stunde von der Stadt nachgesprungen, so daß ich ihnen zuletzt in der Wuth ein Ei um’s andere an den Kopf warf.“

„Sei nur ruhig, Alterchen,“ tröstete ihn Franz, „ich schenke dir meine Sonntagskleider, denn ich komme ja doch nicht unter die Leute. Nur den Tag, wann ich mit der Marie zur Kirche gehe, um mich trauen zu lassen, mußt du mir sie wieder leihen. Aber sprich, weißt du nicht, was es mit der Marie ist, daß sie noch immer nicht herunter kommt von ihrer Schlafstube?“

„Na, was solls denn sein,“ brummte Martin, und machte wieder einen vergeblichen Versuch, sich etwas bequemer in seiner sammtnen Behausung einzurichten. „Schon seit zwei Stunden habe ich vor ihrem Gesinge nicht mehr schlafen können. Erst ein Morgenlied und dann ein Duzend Schelmenlieder, und das Blitzmädel hat eine so helle Stimme, daß weit und breit im Walde die Vögel antworteten. Für Euer Anerbieten mit den Kleidern danke ich, aber wißt Ihr denn nicht, daß wenn ich nur einen Tag andere Kleider als die ererbten

Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/133&oldid=3034151 (Version vom 17.8.2017)