Seite:Fliegende Blätter 1.djvu/144

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Der Franzose hat sich jedoch verrechnet; einige nationale Gerichte trennen uns für immer von Frankreich und werden unsere Selbstständigkeit retten: das preußische Gericht: Schinken mit Sauerkraut und Erbsen, die sächsischen Schweinsknöchelchen, die bayerischen Spanferkel und Dampfnudeln u. s. w. Welcher geistreiche Kopf hätte wohl auch einen gegründetern Anspruch auf ein Zweckessen, als der erste Erfinder und Bereiter der menschheitbeglückenden Dampfnudeln?

„Meine Herren!“ könnte etwa der Hauptzweckesser und Haupttoastbringer das Festmahl einleiten: ,,wir feiern heute eine der wichtigsten Erfindungen, womit die Menschheit gesegnet worden ist, zugleich eine ächt nationale Erfindung, die Erfindung der Dampfnudeln. Wenn es auch wahr seyn sollte, was man hier und da lesen kann, daß der Dampf zuerst von Engländern, Franzosen und Nordamerikanern im Großen, z. B. bei Dampfmaschinen, Dampfschiffen, Dampfspritzen, Dampfgeschützen u. s. w. angewendet worden ist: so hat doch ein Deutscher das Verdienst, die segensreichen Wirkungen des Dampfes zuerst erprobt zu haben, indem er Nudeln durch Dampf bereitete und so der Erfinder der berühmten Dampfnudeln geworden ist.“

Dieser Schritt mußte geschehen, ehe man daran denken konnte, Dampfmaschinen, Dampfschiffe, Locomotiven u. s. f. zu erfinden, und sie werden mir daher Recht geben, wenn ich behaupte, daß die Dampfnudel innerhalb der Entwickelung menschlicher Thätigkeiten eine weltgeschichtliche Stellung einnimmt. Auf dem durch die Dampfnudeln vorgezeichneten Wege werden unsre Nachkommen fortschreiten, sie werden für die Schriftsteller die so höchst nothwendigen Dampffedern, für die Virtuosen die monströsen Dampfklaviere, für die Schneider die Dampfnadeln, für die Clienten die Dampfprozesse, für die Maler die Dampfpinsel, für die Diplomaten die Dampfnoten, für die kleinen Knaben die Dampfsteckenpferde und für die kleinen Mädchen die Dampfpuppen erfinden. Der unbekannte großherzige Erfinder der Dampfnudeln lebe hoch!“

Ich füge nichts weiter hinzu. Unsere deutschen Zweckesser werden wissen, was sie zu thun haben.


H. Marggraff.




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Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/144&oldid=- (Version vom 21.5.2018)