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Fenster sind geöffnet. Himmel! zwanzig Grad Kälte und die Fenster geöffnet! Eine wichtige Entdeckung, die zu weiteren Enthüllungen führen muß.

Aber für heute schweigt sie; man ist zärtlich gegen einander, doch gezwungener und kälter als sonst, denn sie hat etwas auf dem Herzen, was sie auch gerne auf der Zunge haben möchte, und er hat etwas auf dem Gewissen, was er lieber ganz auf dem Ungewissen haben möchte.

Andern Tags ist er wieder auf dem Arbeitszimmer. Er hat sich das Wort gegeben, nicht zu rauchen; aber die Pfeife sieht ihn heute noch viel schmachtender und trauriger an als gestern, gerade wie eine verlassene Geliebte, welche alle ihr zu Gebote stehenden Mittel der Coquetterie aufwendet, um ihren grausamen Liebhaber abermals in ihr Netz zu ziehen. Er kann nicht widerstehen; er stopft, glimmt an und raucht in vollen Zügen gerade wie gestern; das Verbrechen wächst; jeder Zug ein Frevel; und Zug auf Zug und Frevel auf Frevel! Er öffnet die Fenster, er hüllt sich tief in Pelz und Schlafrock, er friert, daß ihm die Zähne klappern; aber er raucht doch; und der Unglückliche ahnt nicht, daß Seraphine durch das Schlüsselloch ihn beobachtet.

Beim Mittagessen hält er sich von seiner Frau möglichst ferne; sie aber thut höchst unbefangen, zärtlich, schmiegt sich an ihn, er rückt fort, sie ihm nach.

„Warum fliehst Du mich, Lieber?“ sagt sie vorwurfsvoll – jetzt umschlingt sie ihm, er hält den Athem an, sie aber nähert ihr Spürnäschen seinen Haaren.


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„Schrecklicher Mensch!“ ruft sie plötzlich und fährt zurück. „Leibhaftiger Tabaksduft! Unglücklicher! Du rauchst wohl?“

Verlegen wie er ist, stammelt er etwas von einem Freunde, der ihn besucht und in seinem Arbeitszimmer eine halbe Cigarre geraucht habe. Sie schüttelt ungläubig den Kopf, läßt sich aber für heute noch beschwichtigen, um den Hauptausbruch ihres Zorns auf eine gelegenere Zeit aufzusparen. Doch tritt wieder eine merkliche Verstimmung ein.

Und so kam der dritte Tag.

Adalbert Töckel kämpfte wie ein Held mit sich selbst und mit der Pfeife, die, ihres Triumphs gewiß, heute verlockender und verführerischer aussah, als je, wenn auch weniger schmachtend und betrübt sehnsüchtig. Aber er konnte in der Nähe seiner Geliebten nicht arbeiten, er dachte an sie, er liebäugelte mit ihr. Nach einer Stunde meinte er: für alle Fälle stopfen kannst du sie, das wird dir auch deine Frau nicht verargen.

Gedacht, gestopft! –

Er hatte heute eine neue Sorte Tabak. Wie mag er schmecken? Die Wißbegierde wuchs: und eh’ er selber noch wußte, wie es kam, duftete ihm das Aroma des edelsten Varinas um die Nase, die sich auf diesem höchsten Stadium ihrer Glückseligkeit fast in einen Verklärungsschimmer zu hüllen schien. Ein Engelslächeln spielte um seine Lippen, über seine Wangen zuckte es wie das Roth der ersten Jugendliebe.[1] Gerade die Heimlichkeit, das Verbot steigerten den Genuß. Die Thür war abgeriegelt, sogar das Schlüsselloch heute mit Papier verstopft.


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Plötzlich klopfte es. Herr Töckel fuhr zusammen, und zitterte heftig. Wer klopft? rief er unmuthig.

„Oeffne doch, lieber Mann!“ klang die zarte Stimme Seraphinens, die sich auf Socken herbeigeschlichen hatte; „was für Heimlichkeiten treibst Du denn, daß Du Dich einschließest?“

Entsetzt schleuderte Adalbert die Pfeife auf den Boden, daß der Kopf zerbrach und die Asche umherstaubte.

„Weib!“ rief er zornig, und es war das erste Mal, daß er sein liebes Frauchen mit Weib anredete, „Du weißt, wie ungern ich mich in meinen Arbeiten stören lasse. Was führt Dich zu mir?“ –

  1. In der Vorlage hier ohne Punkt.
Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 163. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/167&oldid=3572769 (Version vom 2.11.2019)