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„Etwas höchst Wichtiges!“ betheuerte Madame Töckel, indem sie zugleich versicherte, daß sie nicht wanken noch weichen werde.


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Der unglückliche Töckel öffnete endlich, da die sonst so zarte Stimme der Madame Töckel immer durchdringender wurde, und man kann sich denken, welche Ehestandsscene, die erste zwischen beiden Gatten, nun erfolgte. Sie behauptete, daß sie höchst unglücklich verheirathet sey, da ihr Mann rauche, er habe sie betrogen, er kenne ihre Antipathie gegen das Tabakrauchen, das ihr noch abscheulicher sei, als der Trunk, lieber möge er täglich im Dusel sein; sie beklagte die eben erst aufgesteckten reinen Fenstervorhänge und sich selbst, während er ihr vorwarf, sie habe ihn verrätherisch belauscht, sie habe hier nichts zu suchen, in seiner Stube sei er Herr und könne thun und lassen was er wolle – endlich, nachdem sie einen Strom von Thränen vergossen, und ihres Mannes Zorn gelöscht hatte, verglich man sich dahin, daß es ihm gestattet sein solle, jeden Morgen eine Cigarre der feinsten und wohlriechendsten Art auf seinem Zimmer rauchen zu dürfen, das Pfeifenrohr aber wurde in Beider Dasein auf dem Feuerherde in einem feierlichen Auto da fe verbrannt.

Aber man lasse den Löwen Blut lecken und sein Blutdurst wird wachsen; so auch der Rauchdurst des Herrn Töckel. Er rauchte häufig zwei, drei und vier Cigarren, er begann überhaupt seine Frau zu meiden, er begleitete sie nicht mehr auf ihren Spaziergängen, er ging lieber allein und verpaffte und verpuffte seine Zärtlichkeit vermittelst der Cigarren in die Luft; er blieb selbst Abends nicht mehr zu Hause, sondern begab sich in eine Bierstube, wo er eine neue Geliebte, eine Meerschaumpfeife, und diese ihn unterhielt; er kam häufig mit einem Spitz, d. h. einem Rausch, nach Hause, und entschuldigte sich vor sich selbst mit der Grausamkeit und Hartherzigkeit seiner Frau, welche ihn zu Hause nicht rauchen lassen wolle.

Sie aber behauptete das ganze Haus, die Wäsche, die Betten dufteten nach Tabak, man könne es nirgends mehr aushalten, sie sank in Ohnmacht, wenn er aus der Bierstube nach Hause kam, obgleich er ihr vorhielt, daß sie und andere Damen im Wintergarten, wo Hunderte von Cigarren in Arbeit seien, recht wohl ausdauerten; kurz der häusliche Frieden war untergraben, der Riß wurde weiter und weiter, die Zungen schlugen sich gegenseitig Wunden, die nicht mehr zu heilen waren und immer heftiger bluteten, und immer mehr die edelsten Organe des ehelichen Verhältnisses angriffen – und so trennte man sich endlich, mit beiderseitiger Bewilligung und zu beiderseitigem Vergnügen.

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Er hat nie wieder geheirathet, um seiner alten Geliebten, der Pfeife, ganz und gar leben zu können, und sie durfte nicht darauf rechnen, einen zweiten Mann zu bekommen, da der Fluch auf ihr haftete, wenn auch einen Mann, doch keinen Tabakrauchenden ertragen zu können.

Dies ist die tragische Geschichte von Adalbert Töckel und Seraphine, geborne Pudel, geschiedene Töckel, allen Eheleuten zur Lehr’ und Warnung aufgeschrieben.

Hermann Marggraff.


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Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 164. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/168&oldid=3572766 (Version vom 2.11.2019)