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Gambrinias.
(Fortsetzung.)

III. Gesang.
Wie König Gambrinus auf dem Throne sitzt und Rath hält.


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Im reichgeschmückten Saale da saß der Held Gambrin,
Wie prangt er im Ornate, in Sammt und Hermelin!
Den Scepter in der Rechten, am Haupt die güld’ne Kron’,

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Ein Humpen frischen Bieres stand links auf seinem Thron’!

Der war mit güld’nen Leisten und Buckel reich verziert,
Des Königs Lieblingswappen im Schild’ er oben führt.
Zur Linken und zur Rechten auf Säulenschaften sitzt
Ein Löw’ und Hirsch, gar künstlich aus Elfenbein geschnitzt;

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Der Bock im Frontispice schloß die symbol’sche Terz.

Im Fußgestelle prangten aus reinstem Silbererz
Durch Meisterhand vollendet vom Fuße bis zum Kopf
Ein Paar Caryatiden – Haarbeutel und der Zopf.
Dahinter eine Tafel gesenket in die Wand,

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Der Bräuerkunst Mysterium in Mitte hierauf stand.

Zu beiden Seiten las man in Lettern pur von Gold –
Die wackern Namen Aller, die dem Gewerke hold.
Hier waren sie geschrieben – je nach der Qualität;
Die Zunft der Münchner Bräuer an aller Anfang steht. –

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So saß der Held Gambrinus auf seiner Väter Thron,

Hieß da zusammenkommen die Großen seiner Kron’;
Und als er so befohlen, da kamen auf sein Wort
Die Mannen hergezogen von Süden und von Nord:
Voran Herr Bock als Fiedler, des Königs lust’ger Rath,

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Ein Sachse, aber säßig zu München in der Stadt.

An seiner grünen Seite ein edeler Cumpan,
Braunbier aus München, dem es noch keiner vorgethan!
Am Hute die Citrone hierauf der Schwabe kam,
Noch triefend von dem Wasser, da er den Lech durchschwamm.

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Ihm folgt mit ernster Miene das sinnigste Gebrau,

Der Großcomthur des Reiches – St. Salvator aus der Au;
Darauf Jungfräulein Gose und Meister Puff aus Hall,
Braunschweiger Mumme trippelt daneben allzumal;
Aus Brandenburger Landen Herr Mord und Todtschlag kam,

110
Wie schaut er d’rein so grimmig – der Recke, sonst so zahm!

Da war in deutschen Landen kein Markt und keine Stadt,
Die ihren Deputirten nicht abgeordnet hat,
Aus Halberstadt und Jena, aus Marburg und aus Kehl,
Ja – Lübeck selbst, das freie, schickt seinen Israel.

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     Doch – eh’ es ging zum Rathe, da hielten sie Gelag,

Daß man in fernen Landen noch lange davon sprach,
Von all’ dem Staat und Aufwand, von Speis’ und Lustbarkeit,
Davon des Königs Säle verhallten weit und breit.
Denn also ward’s gehalten zu allen Zeiten gleich,

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Daß man zuerst gegessen im heil’gen deutschen Reich,

Eh’ man zum Consultiren und zum Berathen ging,
Dieweil ein leerer Magen sei gar ein arges Ding.
     Und aber – nach zwölf Monden und einen vollen Tag
Fand man, daß causa belli ganz klar am Lichte lag!


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Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 2). Braun & Schneider, München 1846, Seite 014. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_2.djvu/18&oldid=- (Version vom 12.12.2020)