Seite:Friedlaender-Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins.djvu/13

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ein halbes Dutzend lebender Sprachen. Dieser Mann bildete den Hauptanziehungspunkt der jungen homosexuellen Schauspielerwelt. Er war im Theaterleben sehr erfahren, so daß sich die jungen und wohl auch die älteren Schauspieler vielfach bei ihm Rat holten. Sobald die Meininger Hoftheater-Gesellschaft, unter Leitung des Intendanten, Herzogl. Meiningenschen Hofrats Ludwig Chronegk[WS 1], nach Berlin kam, war nach Schluß des Theaters fast die gesamte Hoftheater-Gesellschaft nebst ihrem ungemein leutseligen Intendanten, in der Münzstraße versammelt. Fast alle seine Schauspieler (alt und jung) waren homosexuell. Dieser Schauspielersammelpunkt war derartig bekannt, daß sich auch oftmals eine Anzahl nichthomosexueller Theateragenten einfand, um hier Engagements abzuschließen. Selbstverständlich waren auch viele Nichtschauspieler, aber nur den gebildeten Kreisen angehörende Homosexuelle Besucher dieses Lokals. Der Polizei war der Treffpunkt zweifellos bekannt. Es ging aber derartig anständig zu, zumal an den anderen Tischen anderes Publikum verkehrte, daß an diesem Verkehr niemand Anstoß nehmen konnte. Zu den ständigen Besuchern gehörte auch der ehemalige langjährige Leibdiener von Hermann Hendrichs, Namens E., ein sogenannter „Sechsdreier-Rentier“, der „Die Märchentante“ genannt wurde. Diesen Spitznamen verdankte E. dem Umstande, daß er gern Anekdoten aus dem Leben Hendrichs und anderer homosexueller Schauspieler erzählte.

In dem Münzstraßenlokal traf man auch oftmals italienische Schauspieler und Sänger, zumal Mahortschitsch, der als geborener Triester fließend italienisch sprach, längere Zeit Sekretär einer italienischen Opern-Gesellschaft war, die unter Leitung des Direktors Sazerdotti in der „Philharmonie“ (Bernburgerstraße) Vorstellungen gab. Mahortschitsch, der viele junge

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Ludwig Chronegk (1837–1891), Schauspieler, Direktor und seit 1884 Intendant des Herzoglichen Hoftheaters in Meinigen.