Seite:Friedlaender-Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins.djvu/4

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Jedenfalls kann uns das Vorkommnis nicht veranlassen, einer so tüchtigen Kraft, ja eines so phänomenalen Menschen zu entraten. Die geschlechtliche Betätigung ist schließlich Geschmacksache und sollte jedem Menschen, soweit er nicht fremde Interessen verletzt, überlassen werden. Ich würde allerdings einem solchen Manne meine Tochter nicht zur Frau geben.“ (Lassalle war wohl unvermählt, er hatte aber eine uneheliche Tochter, die noch leben und mit einem Bürgermeister im Rheinland verheiratet sein soll.) – Bekanntlich wurde Dr. v. Schweitzer einige Jahre nach Lassalles Tode Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und in Barmen-Elberfeld zum Reichstagsabgeordneten gewählt. – Die Homosexuellen Berlins hatten bereits in den 1860er Jahren ihre Zusammenkünfte und auch ihre Bälle. Berlin war damals noch keine Weltstadt; es herrschten gewissermaßen kleinstädtische, gemütliche Zustände, die auch auf den Verkehr unter den Homosexuellen nicht ohne Einfluß blieben. In den Lokalen der Homosexuellen ging es sehr gemütlich zu, zumal sich die Leute fast sämtlich kannten. Auf den Bällen herrschte die fröhlichste Heiterkeit. Man wähnte sich auf einem großen Familienball. Allmählich schien auch damals eine freiere Auffassung über das Wesen der Homosexualität Platz gegriffen zu haben. Als Ende der 1860er Jahre eine Regierungskommission mit der Abfassung des neuen, d. h. des jetzigen Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund betraut wurde, erstanden Bedenken, die homosexuelle Betätigung unter Strafe zu stellen, zumal in einigen deutschen und ausländischen Staaten eine solche Strafbestimmung nicht bestand. Die Kommission ersuchte die wissenschaftliche Deputation für das Medizinalwesen, bekanntlich die oberste Medizinalbehörde der Preußischen Monarchie, der Männer, wie Rudolf Virchow, v. Langenbeck[WS 1] usw. angehörten, um ein Gutachten. Die

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Bernhard von Langenbeck (1810–1887), Professor der Chirurgie in Berlin.
Empfohlene Zitierweise:
Hugo Friedländer: Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins. Max Spohr, Leipzig 1914, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedlaender-Aus_dem_homosexuellen_Leben_Alt-Berlins.djvu/4&oldid=- (Version vom 1.8.2018)