Seite:Friedlaender-Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins.djvu/9

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Obwohl die Schuld Zastrows, das Attentat an dem Knaben Handke begangen zu haben, auf sehr schwachen Füßen ruhte – der Cornysche Mord stand nicht zur Anklage –, bejahten, die Geschworenen, dem Vernehmen nach einstimmig, die Schuldfragen wegen versuchten Mordes und widernatürlicher Unzucht. Die Geschworenen sollen der Ansicht gewesen sein: Wenn der Angeklagte das Attentat am Grünen Weg nicht begangen hat, dann hat er Corny ermordet. Der Gerichtshof verurteilte darauf Zastrow zu 15 Jahren Zuchthaus, 10 Jahren Ehrverlust und Zulässigkeit von Polizeiaufsicht. – Die von seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Holthoff[WS 1], eingelegte Nichtigkeitsbeschwerde wurde vom Obertribunal verworfen. v. Zastrow wurde im Moabiter Zuchthaus, das in der Invalidenstraße neben der Ulanenkaserne gelegen war – es ist jetzt nur noch Gefängnis – interniert. Er wurde mit Dütenkleben beschäftigt. Im Februar 1877 ist v. Zastrow im Zuchthause an der Wassersucht gestorben.

Der Prozeß, die Verteidigung usw. hatten selbstverständlich ein Vermögen gekostet. Der Vater des kleinen Handke klagte außerdem auf dem Zivilwege mit Erfolg auf Entschädigung, da der Knabe an seiner Gesundheit großen, dauernden Schaden erlitten hatte. Die Summe, die Zastrow deshalb zahlen mußte, war nicht gering. Trotzdem hinterließ er noch ein Barvermögen von 60 000 Talern, das zwei entfernte Verwandte in Südamerika geerbt haben. Der Verteidiger Zastrows, Rechtsanwalt Holthoff soll, so wurde mir von bestunterrichteter Seite versichert, bis zu seinem Tode von der Unschuld Zastrows überzeugt gewesen sein.

Daß die Ermordung Cornys, das Attentat auf den Knaben Handke, und ganz besonders der Prozeß der homosexuellen Sache ungemein geschadet haben, ist sehr erklärlich. Einige Zeit nach dem Prozeß, insbesondere

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Aurel Holthoff (1808–1888), Rechtsanwalt und Notar in Berlin, u. a. Verteidiger im Hochverratsprozess gegen Lassalle 1864.
Empfohlene Zitierweise:
Hugo Friedländer: Aus dem homosexuellen Leben Alt-Berlins. Max Spohr, Leipzig 1914, Seite 52. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedlaender-Aus_dem_homosexuellen_Leben_Alt-Berlins.djvu/9&oldid=- (Version vom 31.7.2018)