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Liste.png Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 9

Der Zopfabschneider vor Gericht.

Im Mittelalter wurden bekanntlich die Verrückten geprügelt, um den Teufel, von dem sie angeblich besessen waren, aus dem Körper zu treiben. Im Sommer 1895 erfuhr man durch den wider Mellage und Genossen vor der Strafkammer zu Aachen geführten Prozeß wegen Beleidigung der Brüder des Alexianerklosters „Mariaberg“ (Siehe erster Band)[WS 1], daß in diesem Kloster noch in der Neuzeit Verrückte geschlagen wurden, weil die Klosterbrüder von der mittelalterlichen Anschauung beherrscht waren, die Verrückten seien vom Teufel besessen und der Teufel müsse durch heftige Prügel aus dem Körper getrieben werden. Allmählich gelangt man aber, auch selbst in den ungebildeten Laienkreisen, zu der Überzeugung, daß Geisteskrankheiten keine Schande seien, sondern eine ebensolche natürliche Grundlage haben wie die körperlichen Krankheiten. Daß den verschiedenen menschlichen Leidenschaften ein gewisser Grad von Geistesgestörtheit zugrunde liegt, ist wissenschaftlich längst nachgewiesen. Der bekannte Nervenarzt Dr. Magnus Hirschfeld (Berlin) hat in seinem Buche: „Die Transvestiten“ in sehr eingehender Weise den erotischen Verkleidungstrieb als eine nicht selten vorkommende unwiderstehliche Leidenschaft nachgewiesen. Weniger harmlos als die Transvestiten sind zweifellos die Leute, die den unwiderstehlichen Trieb haben, Frauen zu stechen oder deren Kleider mit Tinte oder einer ätzenden Flüssigkeit zu bespritzen. „Jack der Aufschlitzer“, der vor einer Reihe von Jahren in Withshapel, einer Vorstadt Londons, sein Unwesen trieb, dürfte ebenso noch in Erinnerung sein, wie der

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Siehe Die Geheimnisse des Alexianer-Klosters Mariaberg. Bruder Heinrich aus Friedländers Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung (Band I) von 1910 (S. 91–135).
Empfohlene Zitierweise:
Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 9. Hermann Barsdorf, Berlin 1913, Seite 284. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedlaender-Interessante_Kriminal-Prozesse-Band_9_(1913).djvu/288&oldid=- (Version vom 1.8.2018)