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der Kirche zu den Fürsten und dem Staate erneuert und besteht bis auf den heutigen Tag. Diese Form hat der Kirche manche Kraft und manchen Segen genommen, z. B. den einer rechten brüderlichen Zucht; aber sie hat in der Hand Gottes zur Völkermission gedient und wird wohl bleiben, bis diese Aufgabe erfüllt ist. Der lutherischen Kirche hat dies Verhältnis zu den Fürsten in der Reformation genützt; sie ist dadurch zu einem gesicherten Rechtsbestand gekommen, später aber auch geschadet, weil die Fürsten ihre Macht mißbrauchten und die Kirche durch Unglauben verderbten. (cf. oben.)

 Neben den Staatskirchen haben je und je Freikirchen bestanden, die alle im wesentlichen Brüderkirchen waren. Dahin gehört vor allem die Herrnhuter Brüdergemeinde. In neuerer Zeit gibt es auch in der lutherischen Kirche freie, von dem Staat unabhängige Gemeinden. Die letzte Zeit, die eine Zeit der Christenverfolgung sein wird, wird ohne Zweifel die freie Form bringen. Betrüben wir uns nicht, wenn die staatskirchliche Form fällt, sie hat dann ihre Dienste gethan. Vertrauen wir, daß Gott seine Kirche auch ohne Schutz des Staates erhalten kann (Amerikanische Kirche), und bauen wir die Kirche, wenn sie auch ecclesia pressa ist, mit aller Zuversicht; sie ist dann auch mancher lästigen Fessel los. Leiden wir mit der Kirche, machen wir ihre Not zu der unsrigen, wie es unsere Pflicht ist, so werden wir mit ihr und in ihr bleiben und das Reich ererben. –


VIII.
Die individuelle Ausprägung des göttlichen Ebenbildes in der Lehre von der individuellen Freiheit des einzelnen Christen und der Kirche.


§ 60.
Allgemeines.

 Dieser Hauptteil unterscheidet sich von den beiden vorhergehenden so: dort sind die allgemeinen Grundzüge der Neugestaltung und Durchbildung des christlichen Lebens gegeben worden, wie sie für jeden Christen passen und als allgemeines Gesetz der Notwendigkeit sich aufdrängen. Würde es weiter nichts geben, so würde das göttliche Ebenbild sich in allen Christen gleichmäßig darstellen. Aber es gilt nicht nur auf die notwendige Gleichheit im Wesen, sondern auch auf die Mannigfaltigkeit in der Erscheinung zu sehen. Wenn im Vorhergehenden