Seite:Geistliche Oden und Lieder-Gellert.djvu/43

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Die Wachsamkeit.

Nicht, daß ichs schon ergriffen hätte;
Die beste Tugend bleibt noch schwach;
Doch, daß ich meine Seele rette,
Jag ich dem Kleinod eifrig nach.

5
Denn Tugend ohne Wachsamkeit

Verliert sich bald in Sicherheit.

     So lang ich hier im Leibe walle,
Bin ich ein Kind, das strauchelnd geht.
Der sehe zu, daß er nicht falle,

10
Der, wenn sein Nächster fällt, noch steht.

Auch die bekämpfte böse Lust
Stirbt niemals ganz in unsrer Brust.

     Nicht jede Besserung ist Tugend;
Oft ist sie nur das Werk der Zeit.

15
Die wilde Hitze roher Jugend

Wird mit den Jahren Sittsamkeit;
Und was Natur und Zeit gethan,
Sieht unser Stolz für Tugend an.

     Oft ist die Aendrung deiner Seelen

20
Ein Tausch der Triebe der Natur.

Du fühlst, wie Stolz und Ruhmsucht quälen,
Und dämpfst sie; doch du wechselst nur;
Dein Herz fühlt einen andern Reiz,
Dein Stolz wird Wollust, oder Geiz.

Empfohlene Zitierweise:
Christian Fürchtegott Gellert: Geistliche Oden und Lieder. in der Weidmannischen Handlung, Leipzig 1757, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Geistliche_Oden_und_Lieder-Gellert.djvu/43&oldid=- (Version vom 1.8.2018)