Seite:Gräfin Trixchen.pdf/52

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verlebt hatte, folgte ebenso schnell eine vollständige Ernüchterung. Jetzt, wo er in Ruhe nochmals die Ereignisse dieses Abends überschaute, bemächtigte sich seiner immer mehr ein Gefühl des Mißbehagens. Manches in Margots Benehmen, in dem Entgegenkommen, das sie ihm gegenüber bewiesen hatte, erschien ihm jetzt gekünstelt, schätzte er beinahe auf schlaue Berechnung ein. Und so sehr er sich auch abmühte, um diese kritischen Gedanken durch die Erinnerung an ihre Zärtlichkeiten zu verscheuchen, er wurde das Empfinden, daß nicht lediglich die Liebe ihr Verhaltem geleitet habe, nicht los. Am unzufriedensten war er aber darüber, daß er, der kühle, klare Kopf, sich so leicht von ihr sein bisher so sorgsam behütetes Geheimnis hatte entreißen lassen. – Frauenlippen! Weibesnähe! Die hatten also auch ihn besiegt.

Er lachte ärgerlich auf. Er hätte eben vorsichtiger sein sollen, hätte sich Margot Bellersen nicht sofort mit seinen tiefsinnigen Gedanken anvertrauen dürfen.

In seiner Junggesellenwohnung angelangt, deckte er sich selbst den Abendbrottisch und verzehrte mit geringem Appetit den Rest seiner Vorräte, kalten Aufschnitt und die letzten drei Ölsardinen aus einer kleinen Büchse. Dazu trank er wie immer ein Glas Fruchtlimonade.

Erst gegen halb zehn begab er sich nach oben zu Gerhard Sicharski, der in der Etage über ihm wohnte. Es war ihm in seiner heutigen Gemütsverfassung nicht angenehm, daß er dort mit seines Schützlings Schwester zusammentraf, die, dem aufgeschlagen auf dem Tisch liegenden Atlas nach zu urteilen, den Bruder soeben einem kleinen Vorexamen in Geographie unterworfen hatte.

Gertrud Sicharski, die dank der Unterstützung einer wohlhabenden Taufpatin die höhere Töchterschule und später auch die Handelsschule besucht und durch

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Walther Kabel: Gräfin Trixchen. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1922, Seite 52. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Gr%C3%A4fin_Trixchen.pdf/52&oldid=3325347 (Version vom 1.8.2018)