Gräfin Trixchen

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Gräfin Trixchen
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1922
Verlag: Verlag moderner Lektüre G.m.b.H.
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Ein Gesellschaftsroman.
Band 170 der Romanreihe Vergiß mein nicht. Bibliothek der besten Romane.
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[1]
Vergiß mein nicht


Bibliothek der besten Romane


Band 170




Gräfin Trixchen.


Roman von
Walther Kabel.




Verlag moderner Lektüre, G. m. b. H., Berlin S. 14.
Dresdenerstraße 88–89.


[3]
Nachdruck verboten. – Alle Rechte vorbehalten.


1. Kapitel.
Hoffnungen, die sich nicht erfüllten.

Herr Thomas Bellersen, einer der Chefs des Bankhauses Bellersen u. Hord, war soeben mit seiner Tochter von dem Begräbnis des langjährigen Prokuristen der Firma in seine Privatwohnung zurückgekehrt. Margot, das einzige Kind einer freudlosen, durch den frühen Tod Frau Bellersens zum Glück nur kurzen Ehe, ließ sich von dem Stubenmädchen beim Ablegen von Hut und Mantel helfen und folgte dann ihrem Vater in das Speisezimmer, wo der gedeckte Kaffeetisch auf die beiden wartete.

Margot, eine stattliche Erscheinung mit einem bei flüchtiger Beobachtung recht reizvollen Gesicht, schenkte dem Hausherrn die Tasse voll und sagte dazu in ihrer kühlen, abgeklärten Art:

„Pfarrer Götz hat wieder sehr gut gesprochen. [4] Nur hätte er vielleicht die Verdienste Aßmus’ um das Geschäft mehr hervorheben können.“

Thomas Bellersen nickte zerstreut. Die eindrucksvolle Feier auf dem Kirchhof hatte in ihm Gedanken wachgerufen, die seiner lebenslustigen Natur höchst unbequem waren. An Tod und Sterben mochte er nicht denken. Und doch. Wie leicht konnte auch ihn ebensogut wie seinen Prokuristen eines Tages ein plötzlicher Schlaganfall hinwegraffen. Auch Aßmus war ja bis zur letzten Minute vor seinem jähen Ende stets frisch und gesund gewesen, nur – nur ein wenig korpulent und kurzatmig, gerade so wie er selbst. –

Margot hatte dem Vater gegenüber an dem runden Mitteltisch Platz genommen. Träumerisch blickte sie auf die hellen, unregelmäßigen Vierecke, die die Nachmittagssonne des warmen Apriltages auf den dunkelgewachsten Stabfußboden und den bunten, seidig glänzenden Perserteppich zeichnete. Ihre Finger zerbröckelten dabei mit einer gewissen Nervosität einen Keks und schoben die Krümel in gedankenlosem Spiel auf der weißen Damasttischdecke hin und her. Erst nach einer geraumen Weile richtete sie dann wieder das Wort an Thomas Bellersen, der gerade das Kognakgläschen zum zweiten Mal füllte, in der Hoffnung, daß dieses altbewährte Mittel ihm auch heute die trübe Stimmung verscheuchen werde.

„Pa, habt Ihr eigentlich schon beschlossen, wer nun die Stelle Aßmus’ bekommen soll?“ fragte sie mit deutlicher Spannung.

Der Bankier schaute auf. Seine hellen Augen, unter denen dicke Hautfalten wie Säcke lagen, richteten sich mit merkwürdig forschendem Ausdruck auf das junge Mädchen.

„Du zeigst ja mit einem Mal auffallend reges Interesse für die Angelegenheiten des Geschäfts.“ [5] meinte er mit feiner Ironie. „Schon gestern richtetest Du dieselbe Frage an mich. Sollte das vielleicht eine besondere Ursache haben?“

Margots, bei näherem Hinsehen etwas kaltes und hochmütiges Gesicht wurde noch undurchdringlicher. Indem sie leicht, kaum merklich, die Schultern hob, erwiderte sie ruhig:

„Besondere Ursache? – Ich verstehe nicht, was Du damit sagen willst, Pa. Du weißt, ich liebe das Versteckspielen nicht. Also erkläre Dich bitte deutlicher.“

Der Bankier strich sich etwas verlegen den graumelierten Spitzbart glatt.

„Hm – na ja, liebes Kind, ich glaube eben Grund zu der Annahme zu haben, daß Du gern Norgard als neuen Prokuristen sehen würdest. Er ist doch nun einmal Dein – Dein Schützling, was Du kaum bestreiten kannst.“

„Will ich auch gar nicht. Norgard interessiert mich tatsächlich. Ich bin selten einem so intelligenten Menschen begegnet, wie er es fraglos ist,“ meinte sie ehrlich und mit sichtlichem Eifer.

Wieder streiften Thomas Bellersens Augen mit schnellem Blick ihr Gesicht.

„Interesse – hm! – Liebes Kind, wenn eine junge Dame von Deinem Schlage – Du gestattest, daß ich ganz offen bin – sich für einen Mann interessiert, so dürfte das Herz dabei nicht ganz unbeteiligt sein. Diesen Geschmack begreife ich nicht. Mag Norgard auch noch so tüchtig und geistreich sein, er bleibt doch immer ein eigentlich abschreckend häßlicher Mensch. Das talergroße Muttermal auf der linken Kinnseite wirkt wie ein Kainszeichen –“

Margot Bellersens gewöhnlich bleiches Antlitz hatte plötzlich eine rosige, frischere Färbung angenommen. Trotzdem entgegnete sie jetzt ohne jede Spur von Verwirrung:

[6] „Du irrst, Pa. Mein Herz spricht bei diesem Interesse für Norgard vorläufig noch nicht mit. Vorläufig! Mithin gebe ich die Möglichkeit zu, daß ich vielleicht mehr für ihn empfinden könnte, wenn ich eben häufiger Gelegenheit hätte, mit ihm zusammen zu kommen und auch seinen Charakter zu prüfen. Was aber seine Häßlichkeit anbetrifft, nun, in dieser Beziehung pflegen Frauen anders zu urteilen als Männer. Es gibt eine Häßlichkeit, die man auch Eigenart nennen kann.“

Der Bankier schüttelte mit einem Lächeln, das ebenso ironisch wie geringschätzig war, den Kopf.

„Deshalb laufen ja auch unsere deutschen Mädchen so gern allerhand exotischem Gesindel nach!“ sagte er schneidend. „Eigenart! Lächerlich! – Doch – wozu ereifere ich mich? Ich kenne meine Tochter viel zu gut, als daß ich fürchten müßte, sie würde die Extravaganz so weit treiben und dem Sohne eines – Zuchthäuslers ihr Herz schenken.“

Margots Kopf fuhr empor.

„Eines Zuchthäuslers?“ fragte sie hastig. „Aber – davon weiß ich ja bisher merkwürdigerweise nichts, kein Wort hast Du darüber erwähnt –“

„Nun – Norgards Familienverhältnisse kennt hier außer mir nur noch mein Kompagnon Hord. Und wenn ich heute darauf näher eingehe, so geschieht es nur, um Dich rechtzeitig zu warnen. Natürlich verlange ich von Dir strengstes Stillschweigen. – Höre also, inwiefern Fritz Norgard mir näher steht als Du ahnst. – Als ich als Volontär bei Brachholz in Hamburg tätig war, verkehrte ich viel in der Familie des jungverheirateten dritten Kassierers dieser Firma. Schließlich entwickelte sich zwischen mir und jenem Ernst Norgard – daß dies der Vater meinem jetzigen Angestellten ist, wirst Du wohl schon ahnen – eine [7] beinahe herzliche Freundschaft. In der bescheidenen Wohnung des jungen Paares habe ich mich stets sehr wohl gefühlt, zumal Norgards Gattin zu jenen seltenen Frauen gehörte, die einen undefinierbaren Hauch von Behaglichkeit und reiner Lebensfreude um sich verbreiten. Fast ein und ein halbes Jahr währte dieser innige Verkehr, der mir manche genußreiche Stunde vermittelte. Dann kam die Katastrophe. Eines Tages wurde bei einer genauen Kassenrevision festgestellt, daß Ernst Norgard seit längerer Zeit umfangreiche, sehr geschickt verdeckte Unterschlagungen verübt hatte. Die Fehlbeträge beliefen sich auf etwa 300 000 Mark. Der ungetreue Kassierer legte dann nach seiner Verhaftung ein umfassendes Geständnis ab. Er hatte, lediglich um zu Reichtum zu gelangen und um allerhand phantastische Pläne mit Hilfe dieses Geldes ausführen zu können, an der Börse spekuliert, leider stets mit Verlust. Vier Jahre daraus starb er im Zuchthaus. Selbst seine bisherige Unbescholtenheit hatte ihn nicht, da schwere Urkundenfälschungen neben den vielfachen Unterschlagungen vorlagen, vor dieser schwersten der Freiheitsstrafen retten können. Die völlig gebrochene junge Frau zog mit ihrem einzigen Kinde damals sofort von Hamburg fort. Erst vierzehn Jahre später erhielt ich von ihr aus einem kleinen Nest an der polnischen Grenze einen Brief, in dem sie mich bat, ihren Sohn, der gerade das Gymnasium absolviert hatte, bei mir einzustellen, da alle ihre Versuche, ihm anderswo einen Lehrlings- oder anderen Posten zu besorgen, an der Vergangenheit seines Vaters gescheitert wären. Im Gedanken an die Hamburger Zeit schrieb ich, nachdem ich den anfänglichen Widerstand meines Geschäftsteilhabers überwunden hatte, eine freundlich gehaltene, bejahende Antwort. So trat Fritz Norgard, der äußerlich vollständig seinem unglücklichen [8] Vater glich, bei uns als Lehrling ein. Infolge seiner Tüchtigkeit übertrugen wir ihm dann vor zwei Jahren die Stelle des zweiten Kassierers, die er bis heute zu unserer vollsten Zufriedenheit verwaltet hat. – So, mein Kind, das wäre in großen Umrissen die Schicksale der Familie Norgard. Nachzuholen ist nur noch, daß die bedauernswerte Witwe meines einstigen Freundes kurz nach der Abreise ihres Sohnes in jenem posenschen Städtchen starb, wo sie sich mit einem kleinen Papierladen kümmerlich, aber ehrlich ernährt hatte.“

Margot strich sich mit einer ihr selbst wohl kaum bewußten Handbewegung das dunkle Haar aus der Stirn.

„Gestatte mir noch einige Fragen, Pa,“ meinte sie nachdenklich. „Bei Deiner Schilderung ist mir zunächst nicht recht klar geworden, weshalb Ernst Norgard die großen Summen unterschlagen hat. Lebte er denn über seine Verhältnisse, hatte er kostspielige Passionen?“

„Nichts von alledem. Dieser Punkt ist überhaupt nie so ganz aufgeklärt worden. Jedenfalls hat der Defraudant aber vor Gericht immer wieder betont, daß er die ehrliche Absicht gehabt habe, die für seine Börsenspekulationen veruntreuten Summen später, wenn seine Projekte geglückt seien, zurückzuerstatten. Erst habe er mit kleinen Beträgen angefangen, die dann aber infolge seines Pechs, mit dem er spekulierte, schnell ins unendliche gewachsen seien. Welche Projekte er jedoch mit Hilfe der im Börsenspiel erhofften Summen verwirklichen wollte, darüber schwieg er sich so beharrlich aus, daß das Gericht diese Angaben für bloße Erfindung hielt und man ihm schließlich vorwarf, er müsse heimlich teuren Lastern gefrönt haben, eine Unterstellung die auch der Staatsanwalt bei der Verhandlung [9] trotz aller für Norgard überaus günstigen Zeugenaussagen aufrecht erhielt. Jedenfalls habe ich meinen früheren Freund nie für einen direkten Verbrecher gehalten. Er war nur ein charakterschwacher, ehrgeiziger Phantast, ein Mensch, der stets davon sprach, daß ihm noch einmal Millionen in den Schoß fallen würden.“

„Merkwürdig!“ meinte das junge Mädchen sinnend. „Was mag er nur für Pläne gehabt haben? Hat er sich Dir nie anvertraut?“

„Nie. Er war bei all seiner Liebenswürdigkeit recht verschlossen.“

„Und Fritz Norgard sieht ihm so sehr ähnlich, sagtest Du?“

„Vollkommen. Sogar der braune Fleck am Kinn hat sich vom Vater auf den Sohn weitervererbt. Daher nannte ich dieses Mal auch vorhin ein Kainszeichen. Nun – hoffentlich gleicht unser jetziger Kassierer seinem Erzeuger nicht auch in der Charakterveranlagung. Ehrgeizig ist Fritz Norgard ja auch über die Maßen. Aber sonst halte ich ihn für einen kühl abwägenden, nüchternen Menschen.“

„Doch wohl auch für einen zuverlässigen?“ meinte Margot, indem sie wieder das nervöse Spiel mit den Kuchenkrümeln begann.

Der Bankier zog die buschigen Augenbrauen, die seltsamerweise eine bedeutend dunklere Farbe als das Kopf- und Barthaar besaßen und dem Gesicht einen Ausdruck von finsterer Strenge verliehen, vielsagend hoch.

„Sogar für sehr zuverlässig,“ erwiderte er mit eigentümlicher Betonung „Ein Kassierer, der so auffallend aussieht wie Norgard und zudem noch im Antlitz eine so mustergültiges „besonderes Kennzeichen“ mit sich herumträgt, ist ja schon deshalb eine seltene [10] Akquisition, weil er nie daran denken kann, nach Begehung von etwaigen Unregelmäßigkeiten zu fliehen. Die Polizei würde ihn trotz aller Verkleidungskünste sehr bald erwischen. Und deswegen soll Norgard auch Kassierer bleiben. Seiner sind wir sicher, bei der heutigen Unzuverlässigkeit unserer lieben Mitmenschen ein Moment, das man nicht außer acht lassen darf.“

„Und wer wird Prokura erhalten?“ fragte Margot schnell.

„Gerbert, der erste Kassierer, natürlich. – Wer sonst?“

„Also ein Mensch, der nichts als eine Maschine ist, der über keine eigenen Gedanken verfügt, der sich seine jetzige Stellung nur ersessen, nicht durch besondere Fähigkeit erworben hat,“ stieß das junge Mädchen unwillig hervor. „Ich begreife Euch nicht! Nun habt Ihr mal eine frische, talentvolle Kraft, die Euch ungeheuer viel nützen könnte, und trotzdem –“

Thomas Bellersen erhob sich und schob den geschnitzten Eichenstuhl mit einem Ruck ein Stück nach rückwärts, so seinem Kinde jedes weitere Wort abschneidend.

„Der Prokurist der Firma Bellersen u. Hord darf nicht das Kind eines Zuchthäuslers sein,“ sagte er, indem er auf die ins Nebenzimmer führende Tür zuschritt.

„Also doch!“ entfuhr es Margot unwillkürlich. „Armer Norgard! So wirst Du Dich wohl darein finden müssen, daß dieses Bleigewicht eines befleckten Namens Dich überall hindert –“

Der Bankier hörte diesen Ausruf nicht mehr. Und wenn es der Fall gewesen wäre – seine Stimmung würde dadurch kaum besser geworden sein. Diese Teilnahme seines einzigen Kindes für den Sohn seines Jugendbekannten erschien ihm nämlich durchaus [11] nicht so harmlos, als er Margot gegenüber angedeutet hatte. –

Eine halbe Stunde später jagte das Bellersensche Auto über die Kaiserbrücke und durch die Neustadt dem Woltmershauser Kanal zu, in dessen nördlichem, verbreitertem Teile, dem sog. Sicherheitshafen, eine große Anzahl von Privatsegel- und Motorjachten ihren Liegeplatz hatten.

Gegenüber dem Zollamt ließ Margot halten, stiege aus und befahl dem Chauffeur, hier auf sie zu warten. Mit schnellen Schritten eilte sie dann am Bollwerk entlang dem Jachthafen zu, unbekümmert um die Blicke und leisen Bemerkungen der unzähligen Arbeiter, die hier aus den breiten Schuten Fässer und Ballen heraufschafften und am Lande zu ganzen Bergen aufstapelten.

Ihre Vermutung, daß Fritz Norgard den freien Nachmittag, wegen des Begräbnisses hatten Bellersen u. Hord heute schon um zwölf Uhr mittags die Bureaus geschlossen, dazu benutzen würde, um seine Segeljacht „Medusa“ in Stand zu setzen, traf wirklich zu. Als sie jetzt den schmalen, ein Stück in das Hafenbassin hinausgebauten Steg entlangschritt und aufmerksam die Flottille der kleinen, eleganten Fahrzeuge musterte, hatte sie sehr bald den Kassierer erblickt, der gerade eifrig mit einem Pinsel und Farbentopf in den Händen, den Deckaufbau mit frischem weißen Lack überzog. Auf ihr laut schallendes, ganz schiffermäßiges „Boot Ahoi – Ahoi!“ schaute Norgard von seiner Arbeit auf und erkannte sofort auch die Tochter seines Chefs. Ohne sich vorher den Rock überzuziehen, sprang er in das winzige Beiboot seiner Jacht und ruderte auf den Steg zu. Dort angelangt, schlang er das Tau um einen der Pfähle und kletterte auf die Holzbrücke hinauf. Dann stand er ohne Kopfbedeckung, den Oberkörper nur mit einem weißen Sporthemde bedeckt, [12] während ein breiter Westengürtel die blauen Beinkleider festhielt, ihr gegenüber.

Sein eckiges, bartloses und wie aus Stein gemeißeltes Gesicht, in dem eine starke, unschön geformte Nase über einem breiten Munde mit schmalen Lippen saß, verriet auch nicht eine Sekunde etwas wie Überraschung über diesen seltsamen Besuch. Seine Verbeugung war nur knapp, mit der er das junge Mädchen begrüßte, und ebenso kurz war der Satz, mit dem er sie empfing:

„Sie wünschen, gnädiges Fräulein?“

Margot Bellersen kannte seine Art und fühlte sich daher in keiner Weise verletzt. Mit dem Maße, mit dem man Dutzendmenschen mißt, durfte man sich an Fritz Norgard nicht heranwagen.

„Ich möchte Sie auf eine Enttäuschung vorbereiten, Herr Norgard,“ sagte sie, indem sie sich an das Geländer des Steges lehnte und ihn dabei unverwandt anschaute. „Soeben erfuhr ich von meinem Vater, daß Gerbert Prokura erhalten soll.“

Seine Lippen preßten sich einen Moment so fest aufeinander, daß der Mund nur noch als ein schmaler Strich erschien. Dann streckte er ihr die Hand hin.

„Ich danke Ihnen, gnädiges Fräulein. Sie haben mir mit dieser Mitteilung insofern einen großen Dienst erwiesen, als ich es nun so einrichten kann, daß morgen meine Kollegen um die kleine Freude kommen, mich bitter enttäuscht zu sehen. Sie lieben mich ja alle nicht. Ich werde den Gleichgültigen spielen, obwohl ich es dieser Tatsache gegenüber wirklich nicht sein kann.“

Ihre Hände, die einen Augenblick ineinander geruht hatten, lösten sich wieder.

„Sie hatten also gehofft,“ meinte Margot, seine schlanke, muskulöse Gestalt mit schnellem Blick überfliegend.

[13] „Ja, sogar mit Bestimmtheit. – Freilich lauerten neben der Hoffnung auch allerlei Zweifel,“ fügte er mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme, die trotz ihrer Modulationsfähigkeit so gut die wahren Gefühle zu verbergen wußte, hinzu. „In meinem Leben gibt es ein Geheimnis, das mir das Emporsteigen in meinem Beruf erschwert.“

Sie nickte fast unabsichtlich, wobei ihre Mienen deutlich einen Ausdruck von Teilnahme zeigten.

Das entging ihm nicht. – „Sie wissen, gnädiges Fräulein?“ fragte er hastig.

„Seit heute.“

„Und sind trotzdem gekommen?“

„Wie taxieren Sie mich ein?! Meinen Sie, ich wäre so kleinlich, Sie jetzt mit anderen Augen anzusehen als bisher? Für die Vergangenheit sind Sie nicht verantwortlich.“

„Allerdings nicht. Und doch habe ich die Überzeugung, daß gerade meine Vergangenheit es ist, die mir auch jetzt bei der Neubesetzung der Prokuristenstelle hinderlich war. Die meisten Menschen können sich von gewissen Vorurteilen nur schwer freimachen. Und zu diesen Vorurteilen gehört auch, daß man dem Kinde nicht volles Vertrauen schenken zu können glaubt, weil der Vater hochfliegende Pläne mit unrechten Mitteln zu verwirklichen suchte.“

Des jungen Kassierers Stimme sprach auch diese Sätze ohne jede Bitterkeit hin. Nur seine großen, grauen Augen waren jetzt vor innerer Erregung wie verschleiert.

Wieder schaute Margot Bellersen mit einer gewissen Bewunderung in dieses Gesicht mit den scharf markierten Zügen, das, wenn die allzu starke Nase nicht gewesen wäre, so sehr den Köpfen der altrömischen Heerführer geglichen hätte, wie das junge Mädchen [14] diese im vorigen Jahre in den Museen der Tiberstadt in Marmor gehauen bewundert hatte. –

Fritz Norgard erhielt auf seine letzte Bemerkung, die wohl eine Erwiderung erheischt hätte, keine Antwort. So hatte er also richtig vermutet: den Sohn des Zuchthäuslers wollten seine Chefs nicht mit so weitgehenden Vollmachten ausstatten! Deswegen war er übergangen worden. Und Margot Bellersen liebte eben die Wahrheit zu sehr, um diesen ihr fraglos bekannten Hauptgrund für die Ausschaltung seiner Person irgendwie zu bestreiten.

Die beiden, die sich auf dem schmalen Stege gegenüber standen, schwiegen jetzt eine geraume Weile. Jedes hing seinen eigenen Gedanken nach. Schließlich wurde Margot diese drückende Stille jedoch lästig. Und so fragte sie denn, indem sie ihren roten Schirm öffnete, da die Sonne eben hinter der am westlichen Horizont lagernden Wolkenwand hervortrat:

„Wie geht es eigentlich Ihrem Schützling, Herr Norgard? Haben Sie mit meinem Vater noch nicht gesprochen, damit dieser ihm etwas bei seinem Fortkommen hilft?“

„Ich suchte Ihren Herrn Vater allerdings für Gerhard Sicharski zu interessieren, hatte damit aber wenig Glück. Sie wissen ja, gnädiges Fräulein, der Balkankrieg hat uns viele geschäftliche Ungelegenheiten gebracht, und da mag Herr Bellersen wohl den Kopf mit anderen Dingen allzu voll haben.“

Margot nickte zerstreut. Sie hatte diese Zwischenfrage ja nur als Übergang auf ein anderes Thema benutzen wollen. Etwas zögernd sagte sie nun:

„Waren es eigentlich völlig undurchführbare Ideen, Herr Norgard, für die Ihr armer Vater seinen ehrlichen Namen preisgab? – Verzeihen Sie schon meine Indiskretion. Aber ich kann mir nicht recht vorstellen, [15] daß er ein so unpraktischer Phantast gewesen sein soll, wie mein Pa annimmt.“

Fritz Norgard streifte ihr Antlitz mit schnellem, forschendem Blick. – Fragte sie hier etwa im geheimen Auftrage ihres Vaters? Wollte man ihn vorsichtig ausholen, ihm ein Geheimnis entreißen, dessen Wert nur er selbst kannte? – Doch nein. Margot Bellersen hatte ihn ja vom ersten Tage ihrer Bekanntschaft an in deutlicher Weise ausgezeichnet und ihm wiederholt zu verstehen gegeben, daß sie auf ihn große Stücke hielt. Sie meinte es gut mit ihm, ohne Frage. Und daher begann er ihr jetzt, freilich nur mit allgemeinen Redensarten, anzudeuten, daß das, was Ernst Norgard, der einstige Kassierer von Brachholz in Hamburg, als sein Geheimnis sorgsam behütet hatte, ein durchaus auf realem Boden stehendes Unternehmen gewesen sei, zu dessen Verwirklichung allerdings ein Kapital von etwa zweimalhunderttausend Mark gehört haben würde. –

Noch eine Viertelstunde etwa währte diese Unterredung, die für beide Teile von den weitgehendsten Folgen sein sollte. Dann verabschiedete Margot Bellersen sich von Norgard mit einem festen Händedruck und kehrte zu dem wartenden Auto zurück.

Sinnend schaute der junge Kassierer ihr nach. Jetzt, wo der Zauber ihrer Gegenwart nicht mehr wirkte, erschien ihm so manches an diesem Besuch, den die vielumworbene Tochter seines Chefs ihm hier im Jachthafen so ohne Rücksicht auf die in der alten Handelsstadt geltenden strengen, gesellschaftlichen Formen abgestattet hatte, wieder recht merkwürdig. War sie wirklich nur gekommen, um ihm mitzuteilen, daß der Posten des Prokuristen für ihn verloren gegangen sei? Hatten nicht doch vielleicht andere Motive bei dieser Unterredung mitgesprochen? – Recht unzufrieden [16] begab er sich an Bord seines kleinen Fahrzeuges zurück, um seine Malerarbeit wieder aufzunehmen.

Margot Bellersen aber lehnte in den Polstern ihres Autos wie eine Königin, stolz und unnahbar, und um ihren Mund spielte ein feines, siegesgewisses Lächeln.




2. Kapitel.
Höheres Streben.

„Außerdem sind auch noch die Gummischeiben an den Wasserleitungshähnen im Badezimmer zu erneuern. Das Wasser tropft fortwährend –“

„Wird alles bestens besorgt werden, Exzellenz,“ dienerte Friedrich Sicharski eifrig.

„Morgen!“

„Morgen, Exzellenz.“

Die breite Haustür des vornehmen Hauses, in dem der Direktor der Kaiserlichen Werft die erste Etage bewohnte, fiel langsam hinter dem Grafen Sarma ins Schloß, und Sicharski, der nun schon sechs Jahre lang die Portierstelle im Hause bekleidete, ging wieder an seine gewohnte Morgenarbeit.

Am Abend vorher war ein reichlicher Frühjahrsregen hergekommen, und da hatte der große Bernhardiner [17] des Geheimen Regierungsrates Marx wieder mit seinen nassen Pfoten den von den breiten Plüschläufern nicht geschützten Teil des marmornen Flurbodens übel beschmutzt. Brummend und leise vor sich hin fluchend, rieb Sicharski die Flecken fort.

„Rücksichtslose Bande! Könnten auch den Köter über die Hintertreppe hinaufbringen! Sollten nur mal selbst den Dr… reinmachen. – Da würden sie erst merken, wie unsereinem mit Recht die Galle ins Blut steigt.“

Unter diesen und ähnlichen Selbstgesprächen erledigte der Portier, ein grauhaariger, breitschultriger Mann mit einem unfreundlichen Gesicht, die Reinigung des Haupteingangs.

Als er sich dann gerade anschickte, den in die Tür des Fahrstuhles eingelassenen Spiegel zu säubern, betrat durch den auf den Hof mündenden Eingang ein junger, schlanker Mensch den Flur.

„Morgen, Vater.“

Der Alte knurrte irgend etwas Unverständliches in seinen struppigen Vollbart.

Gerhard Sicharski, der den linken Arm in einer Schlinge trug, ließ sich durch die unfreundliche Begrüßung nicht weiter die Laune verderben.

„Falls Du etwas in der Stadt zu besorgen hast, ich gehe nachher aus,“ meinte er so nebenbei, indem er mit einer gewissen Eitelkeit sein Bild im Spiegel des Aufzuges betrachtete.

„Solltest Dich auch lieber hier nützlich machen,“ brummte der Portier ungehalten. „Bei Sarmas sind die Gummischeiben zu erneuern, und außerdem –“

„Du vergißt, daß ich augenblicklich ein halber Krüppel mit meinem verletzten Arm bin,“ unterbrach der junge Schlossergeselle ihn in einem Ton, der, ohne gerade respektlos zu sein, doch ziemlich energisch klang.

[18] Friedrich Sicharski rieb wütend mit dem Wolllappen auf dem Spiegelglase umher.

„Krüppel?! Lächerlich! Du scheust Dich nur, gerade bei Exzellenzens solche kleine Hilfeleistungen auszuführen. Das paßt Dir nicht – die jungen Damen könnten womöglich –“

„Vater, bitte – unterlaß diese Sticheleien! Ich denke, ich unterstütze Euch dadurch, daß ich Euch die Hälfte meines Lohnes übergebe, wohl genügend. Du kennst meine Absichten. Ich will nicht ewig das bleiben, was ich heute bin. Derartige Arbeiten, wie Du sie mir heute wieder zumutest, verletzen allerdings meinen Stolz. Trotzdem – ich werde Dir die Kleinigkeiten abnehmen. Erst möchte ich aber Kaffee trinken.“

„Jetzt um ein halb neun! Nette Ordnung. Na, Du pflegst Dich jetzt wenigstens ordentlich aus. Ich habe mein Lebtag noch nicht bis acht Uhr früh im Bett liegen können.“

Gerhard Sicharski preßte die Lippen zusammen. Die heftige Antwort, die ihm schon auf der Zunge schwebte, unterdrückte er wohlweislich.

„Du irrst,“ erwiderte er dann sehr ruhig. „Ich bin bereits seit sechs Uhr tätig gewesen.“

„Wohl wieder in den Büchern studiert?! Netter Unsinn! Wird Dir nie gelingen, Dein feines Examen abzulegen. Zeitvertrödelung, weiter nichts.“

„Das alles bleibt abzuwarten,“ erklärte der junge Mensch gleichmütig und schritt auf die Tür zu, die direkt vom Vorflur in das Wohnzimmer des Portiers führte. –

Frau Anna Sicharski, Gerhards Mutter, hatte schon die Kaffeekanne zurechtgestellt und empfing nun den einzigen Sohn mit einem herzlichen Händedruck.

„Hast wieder mit Vatern Streit gehabt, nicht wahr?“ fragte sie aufseufzend, indem sie ihm den Teller [19] mit den zwei belegten Butterbroten näher vor seinen Platz am Tische schob.

Gerhard, ein wirklich auffallend hübscher Mensch, dem in seinem gutsitzenden blauen Jackettanzug, der tadellos weißen Wäsche und dem schwarzseidenen Bindeschlips niemand den einfachen Schlossergesellen ansah, machte eine beruhigende Bewegung mit der Hand.

„Rege Dich nicht auf, Mutter,“ sagte er, sich die eine Brotschnitte mit Messer und Gabel zerteilend. „Vater wird mich von meinem Vorhaben doch nicht abbringen. Gestern abend hat Norgard mich ganz eingehend im Französischen geprüft und war sehr zufrieden mit mir. Ich schaffe das Einjährigen-Examen bestimmt, meinte er. Nur im Englischen hapert es noch hie und da. Deswegen wünschte ich auch, ich würde meines Armes wegen noch zwei Wochen auf der Krankenliste bleiben. Dann könnte ich auch die Lücken im Englischen ausfüllen.“

Mutter Sicharski, eine korpulente, peinlich sauber gekleidete Frau mit grauem, gescheiteltem Haar, hatte ihren Staublappen wieder zur Hand genommen und fuhr damit über die Tasten des Pianinos hin, so daß Töne von aufdringlichem Mißklang das für eine Portierwohnung recht geschmackvoll eingerichtete Zimmer erfüllten. Dann wandte sie sich wieder dem Sohne zu.

„Was meinst Du eigentlich, Gerhard,“ fragte sie mit leichter Verlegenheit, „ob zwischen Trude und Herrn Norgard sich nicht so etwas wie eine – eine Liebschaft anspinnt?“

Der junge Schlosser lachte hell auf. „Mutting, weiß der Himmel, überall witterst Du künftige Ehen! – Nein, wenn Norgard auch sehr liebenswürdig zu Gertrud ist, die Gedanken schlage Dir nur aus dem Kopf. Auf meinen Freund Norgard – ich bin stolz darauf, daß ich ihn so nennen darf, hat schon eine andere abonniert, wenn ich so sagen darf, und zwar Fräulein [20] Bellersen. Gestern hat sie ihn sogar im Jachthafen aufgesucht –“

„Die –!“ Frau Sicharski brachte in diesem einzigen Wörtchen klar zum Ausdruck, was sie von der Dame hielt, die ihr von den häufigen Besuchen bei Exzellenz Sarma, mit dessen Töchtern sie verkehrte, wenigstens dem Äußeren nach bekannt war.

„Ja – die, Mutting! Eine stolze Schönheit, der man ein Vermögen von einer runden Million nachsagt, das sie von ihrer früh verstorbenen Mutter geerbt hat, mithin eine etwas bessere Partie als Gertrud Sicharski, Buchhalterin bei Jakob u. Sohn, Zucker en gros, mit 140 Mark Monatsgehalt!“

Das alte Frauchen seufzte. „Nun, eine Schönheit ist Norgard ja auch keineswegs,“ suchte sie sich zu trösten. „Allerdings – Trude zeigt trotzdem viel Interesse für ihn,“ setzte sie nachdenklich hinzu. „Er hat ja auch trotz der mächtigen Nase und trotz des braunen Kinnfleckes wirklich etwas an sich, das – das –“

„Imponiert, willst Du wohl sagen, nicht wahr? Oder gut Deutsch ausgedrückt, das Achtung einflößt.“

Sie nickte eifrig. „Ja, und dabei ist es noch so ein guter Mensch! Für Dich war es doch ein großes Glück, daß er vor drei Jahren die Wohnung im Gartenhause bezog und Ihr Euch auf diese Weise kennen lerntet.“

„Mit der Bezeichnung „gut“ ist Norgards Charakter noch lange nicht genügend gewürdigt,“ meinte der Schlosser fast begeistert. „Wer hätte wohl, wie er es getan hat, einem armen, begabten Portierssohn kostenlos unterrichtet! Wer würde seine freie Zeit wie er für einen anderen so selbstlos opfern! – Und doch – ein Jammer ist’s – gerade die schätzen ihn am niedrigsten ein, auf deren Urteil es ankommt. Die Prokuristenstelle hat er nicht erhalten, obwohl er sicherlich die einzig geeignete Person für den Posten war.“

[21] Frau Sicharski war wie versteinert. „Und er hatte doch so bestimmt darauf gerechnet, wie Du mir erzähltest. Der arme Norgard! – Tausend Mark mehr Gehalt hätte er dann bekommen.“ fügte sie sinnend hinzu und dachte dabei an ihre Tochter. Denn so ganz hatte sie den Gedanken, daß aus den beiden ein Paar werden könnte, doch noch nicht aufgegeben.

Ihr Sohn schob jetzt die Tasse und den Teller zurück.

„So,“ meinte er, „nun werde ich Vater den Gefallen tun und oben bei Sarmas neue Gummischeiben an den Wasserleitungshähnen aufsetzen. Und dann muß ich zur Stadt. Ich will dem Vorsitzenden der Regierungskommission, vor der das Examen zur Berechtigung für den einjährigen Dienst abzulegen ist, meine Meldung persönlich übergeben.“

Er hatte sich erhoben und reichte der Mutter die Hand.

„Adieu denn, Mutting; zum Essen bin ich pünktlich wieder da.“

Sie aber schien von irgend einem Gedanken so völlig in Anspruch genommen zu sein, daß sie seine für einen Handwerker fast zu fein gebaute Hand ganz übersah.

„Wie, Gerhard,“ fragte sie fast entsetzt, „Du willst zu Sarmas, um! – Nein, das darf nicht sein, auf keinen Fall! Und wenn ich selbst die Arbeit erledigen müßte – für Dich ist das nichts! Wie stehst Du denn Fräulein Beatrix gegenüber da, mit der Du doch –“

Unter seinem unwilligen Blick schwieg sie erschreckt.

„Mach’ nicht ein so finsteres Gesicht, Junge,“ meinte sie dann mit einem verlegenen Lächeln. „Ich weiß, was ich weiß. Letztens, als ich im Treppenaufgang des Gartenhauses die Fenster putzte, stand Fräulein [22] Trixchen auf dem kleinen Balkon des Küchenausbaus und winkte und lächelte irgend jemandem zu, der sich in der vierten Etage des Gartenhauses befinden mußte. – Gerd, Gerd, wohin soll das nur führen?! Ein halbes Jahr lang sehe ich nun schon so verschiedenes was –“

Weiter kam sie nicht. Mit einem „adieu Mutting“ war der junge Kunstschlosser aus dem Zimmer hinausgeeilt. Und wenige Minuten später klingelte er oben in der zweiten Etage an der Tür, neben der ein Messingschild mit der Aufschrift „Graf Sarma, Kontreadmiral“ hing.

Ein zierliches Stubenmädchen mit einem pikanten Gesicht, dem das weiße Häubchen vortrefflich stand, öffnete ihm. Und die ganze Zeit über, während Gerhard Sicharski im Badezimmer zu tun hatte, blieb die fesche Hedwig in der Nähe und suchte stets aufs neue eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen. Der junge Mann aber zeigte sich so zurückhaltend, daß sie schließlich nur noch aus dem Wunsche heraus, ihm mit ihrer Gegenwart lästig zu fallen, im Korridor blieb und ihn hin und wieder etwas höchst überflüssiges fragte.

Gerade als Gerhard dann die Wohnung wieder verlassen wollte, öffnete sich eine der in den langen Korridor einmündenden Türen, und Beatrix v. Sarma, eine trotz ihrer siebzehn Jahre bereits voll erblühte, eigenartig schöne Mädchenknospe, trat, zum Ausgehen angezogen, heraus.

Des jungen Kunstschlossers tiefe Verbeugung erwiderte sie heute jedoch nur mit einem flüchtigen Neigen ihres Kopfes. Und ihre Stimme klang recht gereizt, als sie dann dem Stubenmädchen zurief:

„Hedwig, Sie hätten auch besser getan, im Salon Staub zu wischen, anstatt sich hier zu unterhalten. Mama fragte schon zwei Mal nach Ihnen.“

Worauf die Zofe schleunigst verschwand.

[23] Auch Gerhard packte seine Schraubenschlüssel, die er zu seiner Arbeit nötig gehabt hatte, zusammen und öffnete mit einem „Adieu, gnädiges Fräulein“ die Korridortür. Aber so sehr er auch die Ohren spitzte, kein Gegengruß wurde ihm zuteil. Verstimmt stieg er in das Erdgeschoß hinab und legte die Geräte in die kleine, unter der Treppe befindliche Kammer, wo Portier Sicharski allerhand Werkzeuge aufbewahrte. Dann suchte er sein eigenes Zimmer auf, das er der in der vierten Etage des Gartenhauses wohnenden verwitweten Rechnungsrätin Gruber abgemietet hatte. Dies war ein kleiner, einfenstriger Raum, den Gerhard sich aber mit allerhand selbst gerahmten, mit Geschmack ausgewählten Bildern, trotz der wenigen Möbelstücke, recht behaglich hergerichtet hatte. Nachdem er sich die Hände sorgfältig gewaschen und sein leicht gewelltes, gescheiteltes Haar nochmals übergebürstet hatte, machte er sich auf den Weg nach der Stadt. –

Eine Stunde später, gegen halb elf Vormittags, betrat er die Räume der in dem alten Franziskaner-Kloster untergebrachten Städtischen Gemäldegalerie. Die weiten, kühlen Säle waren fast vollkommen leer. Nur wenige Fremde standen hie und da vor einem der im Kataloge besonders hervorgehobenen Bilder. – Ohne die hier ausgestellten Kunstschätze irgendwie zu beachten, eilte der junge Mann in das letzte der großen Gemächer, in dem neben einigen italienischen Meistern, auch Rubens’ „Ratssitzung“, der Stolz der Xer Galerie, hing. Aber je mehr er sich dem sog. „Meister-Saal“ näherte, desto zögernder wurden seine Schritte. Schließlich überwand er aber doch diese Anwandlung von Kleinmut und betrat den Raum, in dem zur Zeit nur eine einzige Person anwesend war, ein junges Mädchen, das halb verborgen hinter einer Staffelei saß. Jetzt hörte die eifrig mit dem Anfertigen einer Kopie des Rubensschen Gemäldes Beschäftigte die [24] Schritte. Mit einem Ruck fuhr ihr von einer krausen Lockenflut umgebenes Köpfchen, auf der ein schlichter Strohhut mit einem schwarzen Seidenband thronte, hinter der Staffelei hervor, um aber sofort wieder zu verschwinden, so daß Gerhard Sicharski nicht einmal Zeit fand, einen Gruß anzubringen. Unschlüssig stand er da. – Und wieder grübelte er darüber nach, aus welchem Grunde Beatrix v. Sarma ihn gerade heute mit so auffälliger Kälte behandelte.

Da erklang auch schon ihre Stimme mit einem Ton leichter Gereiztheit:

„Anscheinend haben Sie schon eingesehen, wie unpassend es war, daß Sie sich mit Hedwig heute früh so lebhaft unterhielten. Anders kann ich mir jedenfalls Ihr Zögern, mir pflichtschuldigst einen guten Morgen zu wünschen, nicht erklären.“

Wirklich – er hatte richtig vermutet! – Also das war’s, was ihm ihre Ungnade eingetragen hatte. Nun, diese Verstimmung ließ sich schnell beseitigen. War er doch völlig schuldlos an diesem Vorfall, der eine so starke Verstimmung bei ihr hervorgerufen hatte.

Mit wenigen Schritten stand er neben ihr. Und in Sätzen, die sich förmlich überstürztem, erklärte er ihr, daß er alles getan habe, um die aufdringliche Kammerzofe zur Einstellung ihrer Plauderversuche zu bewegen.

„Ungezogen konnte ich dem Mädchen gegenüber doch nicht werden,“ fügte er zum Schluß hinzu. „Ich befand mich ja in einer fremden Wohnung, wo ich nichts zu befehlen hatte. Außerdem –“ Er stockte in leichter Verlegenheit.

„Nun, außerdem?“ fragte sie jetzt endlich zu dem neben ihr Stehenden aufblickend. „So sprechen Sie doch weiter.“

Unter dem Banne dieser Augen, die ihm schon [25] wieder in alter Güte und Herzlichkeit entgegenstrahlten, fand er den Mut, den immerhin recht heiklen letzten Grund für seine dem Stubenmädchen gegenüber gezeigte Langmut vorzubringen.

„Ja, außerdem möchte ich mir gerade die Kammerzofe nicht zur Feindin machen. Sie ließ nämlich heute eine Bemerkung fallen, aus der klar hervorging, daß – daß ihr bekannt ist, wie oft wir uns hier schon getroffen haben, gnädiges Fräulein. Und wenn sie uns nun verrät, so wird – so dürfte, hm, ja, das doch für uns große Unannehmlichkeiten zur Folge haben. Die Ihrigen werden es nie und nimmer billigen, daß Sie sich soweit herablassen, einen Kunstschlosser Ihren Freund zu nennen.“

Beatrix v. Sarma zuckte nur leicht die Achseln, als ob sie dadurch andeuten wollte, daß sie weder die intrigante Zofe, noch ihre Familie weiter fürchte. Dann legte sie Palette und Pinsel beiseite, rieb sich die Finger flüchtig mit dem Farbentuche ab und streckte Gerhard die Rechte mit einem Lächeln hin, das sein Herz höher schlagen ließ.

„Ihre Aufklärungen genügen mir vollkommen,“ sagte sie, ihm aufmunternd zunickend. „So – und nun, nachdem der Friede wieder geschlossen ist, bitte – ein anderes Gesicht, mein Herr!“ fügte sie scherzend hinzu.

Wenige Minuten später war zwischen den beiden gesellschaftlich so ganz verschiedenen Kreisen angehörenden jungen Leuten eine eifrige Unterhaltung im Gange. Gerhard Sicharski erzählte, daß er soeben seine Meldung zum Examen eingereicht habe und daß er wahrscheinlich schon Anfang Juni zur Prüfung einberufen würde. Dann sprach er von etwas anderem, von den großen Hoffnungen, die er an die Vollendung seines neuen Motor-Modells knüpfte.

„Wenn ich nur etwas mehr freie Zeit hätte,“ meinte [26] er aufseufzend. „Aber am Tage bin ich ja vollständig durch den Dienst auf der kaiserlichen Werft in Anspruch genommen. Eigentlich war es ja ein Glück, daß ich mir unlängst den Arm verletzte. So habe ich doch jetzt wenigstens einige Wochen ganz für mich.“

Fast unwillig schüttelte Beatrix v. Sarma da den Kopf.

„Sie sollen so nicht sprechen! Der Unfall hätte auch schlimmer ablaufen können, hätte Ihnen dauernden körperlichen Schaden zufügen können.“ Ehrliche Besorgnis um sein Wohlergehen klang aus ihren Worten heraus. Und dann fuhr sie fort „Wäre es denn nicht möglich, daß Sie sich einmal für längere Zeit ganz freimachten, um an Ihrer Erfindung und an der Vervollständigung Ihres Wissens ausschließlich zu arbeiten?“

Ein bitteres Lächeln spielte um seinen schön gezeichneten Mund. „Dazu gehört Geld, gnädiges Fräulein. Wovon sollte ich leben? Ich bin ja auf meiner Hände Arbeit angewiesen, bin arm, ebenso wie meine Eltern.“

Nachdenklich schaute sie vor sich hin. Dann kam einer der Galerie-Diener in ihre Nähe, so daß sie eine Weile von gleichgültigen Dingen sprechen mußten. Als der Mann sich wieder entfernt hatte, nahm sie das alte Thema wieder auf.

„Wenn Sie wirklich von dem Motor so viel erhoffen, so vertrauen Sie sich doch einem reichen Fabrikanten an. Zeigen Sie diesem Ihre Zeichnungen, reichen Sie ihm alle Einzelheiten ein. Vielleicht läßt der Herr sich dann dazu herbei, Ihnen ein kleines Kapital vorzuschießen.“

Doch der junge Kunstschlosser hatte gegen diesen Vorschlag seine schwerwiegenden Bedenken.

„Alles recht schön, aber – wenn ich nun an einen Mann gerate, der den Wert meiner Erfindung sofort [27] richtig eintaxiert und mir dann die Früchte meiner Arbeit dadurch raubt, daß er meine patentamtlich noch nicht geschützte Idee später als seine eigene ausgibt?! Derartige Fälle sind schon vielfach vorgekommen. Dann müßte ich kostspielige Prozesse anstrengen, hätte vielleicht nichts als Ärger und Sorgen. – Nein, bevor ich nicht das Patent für den Motor in der Tasche habe, unternehme ich nichts, um durch die Erfindung zu Geld zu gelangen. Zuviel steht dabei auf dem Spiel –“

„Soviel ich weiß, gehört zu Erlangung eines Patentes ebenfalls eine bestimmte Summe,“ meinte sie eifrig.

„Allerdings. Die will mir jedoch mein Bekannter, Herr Kassierer Norgard, vorschießen. Er ist es auch, der mir durchaus ein Darlehn aufdrängen wollte, damit ich eine Zeit lang meinen Studien leben könnte. Das lehnte ich jedoch ab. Ich will soweit wie möglich aus eigener Kraft mich emporarbeiten. Nur die Patent-Unkosten, die muß ich ja notwendig von ihm annehmen.“

Beatrix v. Sarma schaute zerstreut auf ihre halbfertige Kopie, die sie in Originalgröße angelegt hatte. Plötzlich war ihr nämlich ein Gedanke gekommen. Und diese Idee füllte ihr Denken so vollständig aus, daß sie kaum mehr recht auf das hinhörte, was Gerhard Sicharski ihr weiter zu erzählen hatte.

Der junge Mann merkte bald, daß seine Mitteilungen nicht mehr das Interesse bei ihr erweckten wie zu Anfang. Und in der Annahme, daß diese seine persönlichen Angelegenheiten sie vielleicht doch langweilen könnten, begann er von etwas anderem zu sprechen, von dem Rubensschen Bilde, das ihnen gegenüber an der Wand hing. – Inzwischen war Beatrix aber auch über ihre Absichten mit sich ins Reine gekommen. Ihr Plan mußte glücken. Und ganz fröhlich stimmte sie [28] dieser schnelle Entschluß. Es trieb sie jetzt förmlich nach Hause. Am besten war es wohl, wenn sie das sofort ausführte, was sie vor hatte. Sonst kamen ihr inzwischen vielleicht wieder allerlei Bedenken.

Und so erklärte sie dem jungen Manne denn ziemlich unvermittelt, daß sie schleunigst aufbrechen müsse.

„Ich denke soeben daran. Ich habe ja daheim noch einen Geburtstagsbrief an eine Pensionsfreundin[1] zu schreiben,“ log sie tapfer, obwohl ihrer geraden, aufrichtigen Natur jede Unwahrheit verhaßt war.

Gerhard merkte sehr gut, daß dies nur ein vorgeschobener Grund war. Und mit ehrlich betrübtem Gesicht schaute er sie an, als sie ihm ihre zarte Hand zum Abschied reichte.

„Habe ich Sie durch irgend etwas verletzt, gnädigges Fräulein?“ fragte er ängstlich.

Sie schüttelte eifrig den Kopf.

„Nein. Höchstens dadurch, daß Sie mich trotz meiner Bitte noch immer mit gnädiges Fräulein anreden. Beatrix heiße ich, und für meine guten Bekannten einfach und schlicht – „Fräulein Trix“! Merken Sie sich das! – Und nun – leben Sie wohl. Übermorgen bin ich wieder hier.“

Fröhlich und leichten Herzens verließ Gerhard Sicharski die Ausstellungsräume. Hatte er doch heute wie so oft schon aus gelegentlichen Gesprächen mit Beatrix v. Sarma neuen Mut und neue Zuversicht für sein ehrgeiziges Vorhaben, sich durch eisernen Fleiß eine angesehene Stellung und Reichtum zu erwerben geschöpft. Ein hohes Ziel schwebte ihm ja außerdem noch vor. Und dieses Ziel war nichts geringeres als dieselbe junge Dame, deren freundschaftliche Teilnahme ihm ein Spiel des Zufalls vermittelt hatte.




[29]
3. Kapitel.
Eine Mutter.

„Mama, darf ich nähertreten?“

Beatrix hatte ihren Lockenkopf durch die geschlossenen Portieren gesteckt, die das Baudoir der Gräfin Sarma von dem benachbarten Salon trennten.

„Bitte, Kind – Du störst mich nicht.“

Mit schnellen Schritten stand das junge Mädchen neben dem Diwan, auf dem ihre Mutter ruhte, eine trotz ihrer fünfzig Jahre noch immer schöne Frau, in deren Antlitz nur ein Zug von schmerzlichem Unbefriedigtsein die Harmonie störte.

Beatrix küßte die Gräfin zärtlich auf den Mund und ließ sich dann auf der Kante des Ruhebettes nieder.

„Schon zurück aus dem Museum, Wildfang?“ fragte Frau v. Sarma mit einer gewissen Neugierde, indem sie die Hand ihres Lieblingskindes in der ihren behielt. „Wie weit bist Du denn mit der Kopie des Rubens, Kleines? Geht Dir die Arbeit flott von der Hand?“

„Danke, Mama. – Ich bin zufrieden.“ Dann kam eine kleine Verlegenheitspause. „Mich führt heute ein besonderer Wunsch zu Dir,“ fuhr sie darauf fort und schlug die Augen unsicher zu Boden.

„Nun, und was wäre das für ein Wunsch?“ [30] meinte bie Gräfin, die Hand ihrer jüngsten Tochter aufmunternd drückend.

Beatrix zögerte. Ganz sicher war sie doch nicht, wie die Mutter über ihren merkwürdigen Plan denken und wie sie dessen Vorgeschichte auffassen würde.

„Ich möchte Dir einmal eine kleine, harmlose Novelle erzählen,“ begann sie diplomatisch. „Darf ich?“

„Aber gewiß,“ erwiderte Frau v. Sarma etwas erstaunt. Sie ahnte jedoch schon, daß Beatrix wieder irgend etwas besonderes im Schilde führte. Wenn sie ein Gespräch so auf Umwegen einleitete, steckte stets noch eine bisweilen nicht gerade angenehme Überraschung dahinter.

„Es war einmal ein junges Mädchen,“ begann Beatrix vorsichtig jedes Wort abwägend.

„Das dürftest wohl Du selbst sein, Wildfang,“ unterbrach die Gräfin sie lächelnd.

„Bitte, Mama – dann komme ich nie zu Ende, wenn Du derartige Zwischenbemerkungen machst. – Also es war einmal ein junges Mädchen, das wohnte mit ihren vornehmen Eltern erst kurze Zeit in einer Hafenstadt in einem neuen, modernen Hause. Dieses Haus hatte auch einen Fahrstuhl. Aber das kleine Fräulein durfte ihn nur benutzen, wenn von den Portiersleuten jemand mitfuhr. So hatte es der gestrenge Vater befohlen, da er fürchtete, seinem Töchterchen könnte in dem Aufzug ein Unglück zustoßen. Eines Tages nun kam das Fräulein, als es erst zwei Wochen in dem neuen Hause wohnte, mit Paketen beladen heim und war sehr, sehr müde. Und deshalb wollte es sich die Treppen sparen, klopfte bei dem Portier an und ließ sich dann von dem Sohne des Portiers, der gerade in der Loge anwesend war, nach oben fahren. Das Unglück wollte es nun, daß zwischen der ersten und zweiten Etage die Sicherungen des elektrischen Antriebes durchbrannten und die beiden mit dem Fahrstuhl [31] sozusagen zwischen Himmel und Erde fest saßen – eine ganze halbe Stunde lang, bis der Mechanismus wieder in Ordnung gebracht worden war. So mußte denn das Fräulein mit dem Portierssohn wohl oder übel diese Zeit über in dem engen Kasten als Gesellschafter vorlieb nehmen. Und da merkte –“

„Kind, nun wollen wir den Novellenstil bei Seite lassen,“ unterbrach die Gräfin gütig. „Also Du warst mit dem jungen Sicharski, der nebenbei ein selten hübscher Mensch ist, im Fahrstuhl eingeschlossen. Und da –“

„Ja, da merkte ich, Mama, daß Gerhard Sicharski nicht nur äußerlich recht gut aussieht, sondern auch über innere Eigenschaften verfügt, die ich ihm nie zugetraut hätte, da ich ja bereits wußte, daß er als Kunstschlosser auf der Kaiserlichen Werft beschäftigt ist und er mithin nur eine gute Volksschulbildung besitzen konnte. Zu meinem Erstaunen zeigte er sich nun bei dieser Gelegenheit, eben als wir so unfreiwillige Gefangene waren, in der Unterhaltung so gewandt und bewies auch so tadellose Umgangsformen, daß ich Dir gar nicht zu schildern vermag, wie überrascht ich war. Zeitweise vergaß ich ganz, daß ich den Sohn unseres Portiers vor mir hatte. Und – ich weiß nicht, wie es kam – aber mit einem Mal fühlte ich für ihn so etwas wie ein Interesse, fragte ihn nach diesem und jenem und erfuhr so, daß er einer von den seltenen Menschen ist, die sich trotz der widrigsten Verhältnisse, gestützt auf nichts anderes als ihren guten Kopf und ihre Energie, um jeden Preis aus ihrem Kreise emporarbeiten und etwas höheres erreichen wollen.“

Nachdem Beatrix jetzt die erste Scheu überwunden hatte, berichtete sie der gespannt zuhörenden Gräfin alles, was sie von Gerhard Sicharski wußte, von seinen Hoffnungen, seinen Zukunftsplänen und den Erwartungen, die er an seine Erfindung knüpfte.

[32] „Es ist ein ganz neuartiger Flugmaschinen-Motor, den er konstruiert hat,“ erzählte sie mit vor Eifer geröteten Wangen. „Er will ein Patent darauf nehmem. Und sein Freund Norgard, ein Bankbeamter, der bei uns hier im Gartenhause wohnt, hat gemeint, er könnte damit ein schwerreicher Mann werden, eben wenn der Motor sich bewähren sollte.“

Beatrix machte eine kleine Pause. Sofort benutzte Frau v. Sarma die Gelegenheit, um mit einem forschenden Blick in das Gesicht ihrer Jüngsten zu fragen:

„Und das alles hat der junge Mensch Dir in der halben Stunde anvertraut, Kind? – Oder habt Ihr Euch nachher auch noch anderswo gesprochen?“

Beatrix senkte zunächst den Kopf. Dann aber blickte sie die Mutter offen an und erwiderte:

„Du weißt, Mama, ich lüge nicht gern. Und deshalb erspare mir eine Antwort und begnüge Dich damit, daß ich Dir versichere, daß uns lediglich abermals ein Zufall zusammengeführt hat.“

Doch die Gräfin gab sich damit nicht zufrieden.

„Kind, ich muß klar sehen in dieser Sache,“ meinte sie ernst. „Der Eifer, mit dem Du den jungen Sicharski hier mir gegenüber als ein seltenes Talent hinstellst, kommt mir recht verdächtig vor. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß – daß die Liebe zwischen zwei völlig ungleichen Menschen, was die gesellschaftliche Stellung anbetrifft, zarte Bande gewoben hätte, die, wenn sie erst zu stark geworden sind, sich schwer zerreißen lassen. – Ich bin ganz offen, Kleines. Wozu auch um den Kernpunkt einer Sache herumreden?! Also – in dem Bewußtsein, daß Dir hier vielleicht eine Gefahr droht, eine Gefahr, die Deinen Seelenfrieden stören und Dich unglücklich machen könnte, will ich und darf ich mich mit Andeutungen nicht abspeisen lassen. Du kennst Deinen Vater, Kleines. Nie würde er [33] zugeben, daß seine Tochter einen Mann heiratet, der aus einfachen Kreisen stammt, niemals. Nur um Dich vor Enttäuschungen zu behüten, verlange ich volle Offenheit. – Wo hast Du mit dem jungen Sicharski zum zweiten Mal gesprochen?“

„Es war eine Woche nach unserer ersten Unterhaltung im Fahrstuhl,“ berichtete sie freimütig, „damals als am Sonntag Vormittag die beiden Zeppelin-Luftschiffe über unserer Stadt erschienen. Ich war auf das Dach unseres Hauses gestiegen, um von dort die stolzen Luftkreuzer genauer und besser beobachten zu können, wie Du Dich erinnern wirst. Und da traf ich mit Gerhard Sicharski zusammen. Er grüßte, und unwillkürlich kamen wir ins Gespräch. – Hierauf vergingen zwei Monate, bevor ich wieder Gelegenheit hatte, mich mit ihm zu unterhalten. Kurz vor Weihnachten begegnete ich ihm wieder an einem Sonntag Vormittag im Städtischen Museum. Und dort sind wir in letzter Zeit drei Mal zusammen gewesen. Er hat sich nämlich den linken Arm verletzt und ist vorläufig dienstfrei. Auch heute war er in der Gemälde-Ausstellung und leistet mir eine halbe Stunde etwa Gesellschaft.“

Die Gräfin schüttelte langsam den Kopf.

„Kind, Kind, wie konntest Du nur! Welcher Leichtsinn! Wenn der Papa davon erfährt, dann kannst Du Dich auf eine böse Szene gefaßt machen. Du hättest Dich zurückhaltender zeigen müssen, hättest den jungen Menschen in seine Schranken zurückweisen, ihm zu verstehen geben sollen, daß es von ihm fast eine Dreistigkeit ist, sich Dir in dieser Weise zu nähern.“

Beatrix v. Sarma richtete sich aus ihrer lässigen Haltung höher auf.

„Du irrst, Mama, Gerhard Sicharski trifft kein Vorwurf. Von Dreistigkeit kann nicht die Rede sein. Er hat sich so zurückhaltend benommen, wie es ihm [34] zukommt. Ich war es stets, die ihn zuerst ansprach. Mir allein kannst Du Vorwürfe machen –“

„So sage mir doch nur, Kind, liebst Du den jungen Mann etwa?“ fragte Gräfin Sarma ängstlich. „Wenn ich nur hätte ahnen können, daß Du kleiner Leichtsinn derartige Streiche begehen würdest, ich hätte Dich noch ein Jahr in der Pension gelassen,“ fuhr sie erregt, aber nicht unfreundlich fort. „Jedenfalls verbiete ich Dir hiermit, daß Du –“

„Mama, bitte, bitte, sprich nicht aus, was Du eben sagen wolltest,“ flehte Beatrix, indem sie sich vor dem Diwan auf die Knie gleiten ließ. „Sieh, ich bin doch kein Kind mehr, Mama. Ich werde im Herbst achtzehn Jahre. Du weißt, daß ich trotz meiner Ausgelassenheit, trotz der gelegentlichen kleinen Torheiten, die ich mir aus Übermut zu schulden kommen ließ, alles andere als oberflächlich bin, daß ich stets Interesse für wissenschaftliche und künstlerische Dinge in einem Maße besessen habe, wie man dies bei den jungen Mädchen unserer Kreise immerhin nicht oft findet. Fasse das, was ich soeben sagte, nicht falsch auf. Ich will mir selbst wahrhaftig kein Loblied fingen, ich will Dich nur darauf aufmerksam machen, daß wenn Beatrix v. Sarma für einen Mann stärkere Teilnahme zeigt, schon etwas mehr dabei mitsprechen muß, als nur – eine Backfischtorheit. – Laß mich ausreden, Mama, ich bitte Dich herzlich darum. Ich habe ja niemanden außer Dir, dem ich mich anvertrauen kann. – Mein Gefühl sagt mir, daß Gerhard Sicharski es im Leben zu etwas bringen wird. In ihm stecken alle jene Eigenschaften: Zähe Energie, schnelle Auffassungsgabe, selbständiges Denken und ein unbezähmbares Verlangen, um jeden Preis vorwärtszukommen. Den einen kleinen Mangel, den er jetzt noch besitzt, ein recht geringes Selbstbewußtsein und allzu große Bescheidenheit höher Stehenden gegenüber, wird er im Laufe der [35] Zeit schon noch ablegen. Mit einem Wort: ich glaube an seine Zukunft. Und deshalb möchte ich ihm den Weg, den er jetzt so mühsam weiterverfolgt, erleichtern. Ihm müssen die Mittel geboten werden, daß er seine jetzige Stellung aufgeben und als freier Mann seinem Ziele nachstreben kann. Sein Freund Norgard hat ihm ein Darlehn zu diesem Zweck angeboten. Gerhard Sicharski lehnte die Annahme ab. Aus eigener Kraft will er hochkommen. Dabei bedenkt er nicht, daß ihm dann kostbare Jahre verloren gehen, daß er seine Kräfte unnötig zersplittert. Deshalb muß ein anderer Weg gefunden werden, ihm die Mittel sozusagen aufzuzwingen, die er so notwendig braucht. Ich habe mir nun folgendes überlegt, Mama. Von Großmutter Lüders, deren Liebling ich stets war, habe ich vor zwei Jahren ein Kapital von 75 000 Mark geerbt, dessen Verwaltung nach den Bestimmungen der Erblasserin bis zu meiner Volljährigkeit Dir allein zusteht. Ich möchte Dich nun bitten, dreitausend Mark von diesem Kapital abzuheben und diese Summe unter beliebigem Namen Gerhard Sicharski zuzustellen. Dieser wird, wenn wir die Sache nur einigermaßen geschickt anfangen, nie und nimmer ahnen, wer der großmütige Spender ist.“

Und Beatrix entwickelte der Mutter nun in allen Einzelheiten dieselbe Idee, mit der sie sich vorher im Meisterzimmer der Gemäldeausstellung so eingehend beschäftigt hatte.

„Kind, Du bringst mich durch diesen Vorschlag, der sich nur hinter dem Rücken Deines Vaters ausführen läßt, in arge Verlegenheit,“ begann die Gräfin nach einer Weile, indem sie sinnend ihr Kind betrachtete, das ihr in jeder Linie des eigenartig reizvollen Antlitzes vollkommen glich. „Ich halte es für ein Unrecht, wenn wir vor Papa irgendwelche Geheimnisse haben. Anderseits ist es auch unmöglich ihn einzuweihen. [36] Er würde für diese von Dir beabsichtigte Hilfsaktion, um es ganz klar auszudrücken, auch nicht das geringste Verständnis zeigen, würde sie einfach verbieten. Mithin ließe sich die Angelegenheit nur nach Deinem Wunsche ordnen, wenn wir uns über diese Bedenken hinwegsetzten. Ich selbst kenne ja den jungen Sicharski nicht, nur vom Ansehen. Immerhin traue ich Dir soviel Menschenkenntnis zu, daß Du Dich nicht durch sein vorteilhaftes Äußere blenden läßt und daher dort besondere Eigenschaften siehst, wo vielleicht lediglich ein gewisses Phrasenheldentum obwaltet. Nehmen wir also an, Gerhard Sicharski wäre einer derartigen Unterstützung in jeder Beziehung würdig. Dann ist es ein gutes Werk, einem solchen Manne die Wege zu ebnen. Und aus diesem Gesichtspunkte heraus will ich Deine Bitte erfüllen. Ganz wesentlich beeinflußt diese meine Entscheidung auch die Erinnerung an den Entwicklungsgang meines eigenen Vaters. Du weißt, liebes Kind, daß der jetzige Geheime Kommerzienrat v. Lüders seine Laufbahn als einfacher Kesselschmied begonnen hat und heute der Besitzer der größten Maschinenfabriken im Königreich Sachsen ist. Auch mein Vater fand in der Person einer älteren Dame, der er als 22 jähriger das Leben rettete, eine verständnisvolle, warmherzige Gönnerin, die ihm die Mittel gab, um seine Pläne zur Ausführung bringen zu können. Damals, als Dein Vater mich heiratete, hießen wir noch schlicht bürgerlich Lüders, damals betrachtete man mich in der gräflichen Familie Sarma noch halb und halb als einen Eindringling, mit dem man sich nur abfand, weil er Millionen mit in die Ehe brachte. Nun, den Namen einer Gräfin Sarma führe ich jetzt zu Recht, aber innerlich bin ich den Anschauungen unserer Kreise in den meisten Stücken doch fremd, bin ich Heinrich Lüders’, des – Emporkömmlings Tochter geblieben. Und darum: Gerhard [37] Sicharski soll das Geld erhalten. Mehr noch. Ich werde ihm einen Empfehlungsbrief an meinen Vater mitgeben. Dem soll er sich anvertrauen. Heinrich Lüders liest sofort jedem Menschen auf dem Grunde der Seele. Ich bin gespannt, wie er Deinen Schützling beurteilen wird.“

Beatrix Gesicht hatte bei den letzten Sätzen einen Ausdruck schwerer Enttäuschung angenommen. Als die Mutter jetzt schwieg, sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme:

„Mama, ich ahne, was Du vorhast. Du willst uns trennen. Gerhard Sicharski soll fort von hier. Der Empfehlungsbrief ist das Lockmittel, das ihn nach Dresden führen soll.“

Und nach einher kleinen Pause setzte sie hinzu: „Hast Du auch daran gedacht, Mama, daß mein Schützling sofort merken muß, von wem das Geld herrührt, wenn Du ihm ein an Großvater Lüders gerichtetes Schreiben übergibst? Dann muß er sich ja das Richtige zusammenreimen, und die Folge wird sein, daß er das Geld sofort zurückgibt. Denn – fragt er mich direkt nach dem unbekannten Spender, eben ob ich es gewesen sei, so kann ich doch nicht lügen. Ich würde mich auch fraglos verraten, würde verlegen werden. Nein, Mama, Deine Person muß hier vollkommen ausscheiden. Siehst Du das ein?“

Gräfin Sarma nickte seufzend. Und dann sagte sie, indem sie sich neben ihre Jüngste setzte und diese sanft an sich zog:

„Kind, so unrecht hast Du nicht mit Deinen Bedenken. Und doch möchte ich nur zu gern, daß Gerhard Sicharski vorläufig unsere Stadt verläßt. Ich darf nicht dulden, daß Ihr beide weiter zusammenkommt. Du bist noch zu jung, um Deine Zukunftshoffnungen jetzt schon an einen Menschen zu ketten, der sich erst noch eine Stellung erringen soll“ – Sie [38] schwieg eine geraume Weile. „Was meinst Du, Kleines, wenn Du einmal Großpapa Lüders für längere Zeit besuchen wolltest? Er würde sich doch sehr freuen. – Bitte, keine Widerrede, Kind. Ich meine es nur gut mit Dir. Ihr müßt fürs erste getrennt werden. Es ist wirklich besser so. Dein Gehorsam wäre der beste Dank für mein Entgegenkommen, das ich in dieser Sache Dir zuliebe bewiesen habe.“

Da schlang Beatrix die Arme um der gütigen Mutter Hals und küßte sie innig auf den Mund.

„Gut, Mama, ich werde mich fügen. Ich weiß ja, daß ich Gerhard nicht vergessen werde,“ sagte sie leise.

„So liebst Du ihn wirklich so sehr?“

„Über alles, Mama,“ war die offene Antwort.

Wieder seufzte die Gräfin sorgenvoll auf. Sie ahnte, daß es noch harte Kämpfe geben würde, bevor sich ihres Lieblings Hoffnungen erfüllen, wenn diese überhaupt je Wirklichkeit wurden.




4. Kapitel.
Am Wendepunkt des Lebens.

Gräfin Sarma hatte sich sofort, nachdem ihre Tochter sie verlassen hatte, an ihren zierlichen Damenschreibtisch gesetzt und an ihren Vater nach Dresden einen langen, eingehenden Brief geschrieben, der bereits eine Stunde später als „Eilbrief“ zur Post gegeben wurde.

Der Erfolg blieb auch nicht aus. Am übernächsten Morgen traf bei Sarmas ein Schreiben des Geheimen Kommerzienrates v. Lüders ein, in dem dieser seinen Schwiegersohn bat, er möchte ihm doch Beatrix [39] für längere Zeit nach Dresden schicken. „Ich fühle mich seit dem Tode meiner Gattin recht einsam,“ hieß es in dem Briefe, der wie alle schriftlichen Ergüsse des Großindustriellen sich durch Kürze und Sachlichkeit auszeichnete. „Ich würde Beatrix dann im Sommer mit nach Norwegen nehmen, wo ich mir die Kraftanlagen in Telemarken ansehen und später bis zum Nordkap gehen will.“

Graf Sarma, der seinem millionenschweren Schwiegervater nie eine Bitte abschlug, verfaßte eigenhändig die Antwort. Und so begann man denn sofort die Vorbereitungen für Beatrix’ Abreise zu treffen. –

An demselben Morgen erlebte Gerhard Sicharski eine Überraschung, die ihn im ersten Augenblick völlig aus dem seelischen Gleichgewicht brachte. Er saß gerade über seiner englischen Grammatik und repetierte eifrig Vokabeln, als es an die Tür seines kleinen Zimmers klopfte. Auf sein Herein erschien ein Geldbriefträger, der nach kurzem Gruß ihm einen schweren, mit Siegeln verschlossenen Brief hinreichte.

„Hier – bitte quittieren.“

Der junge Kunstschlosser befand sich wie im Traum. Noch immer starrte er auf die Adresse des Briefes, auf die oberste Aufschrift. „Inhalt: Dreitausend Mark.“ – Die Adresse stimmte ganz genau, kein Zweifel. Wer aber konnte ihm nur das Geld zugeschickt haben, wer? Es kam aus Berlin. Als Absenderin war die Deutsche Bank auf dem Umschlag vermerkt.

Und wieder mahnte der Geldbote.

„Bitte – quittieren – hier. – So, danke.“

Und dann war Gerhard allein. Mit bebenden Händen schnitt er den Umschlag auf, zog eine Menge Banknoten heraus, zuletzt auch ein Schreiben der Bank, das folgendermaßen lautete:

[40]

 „Geehter Herr!

Im Auftrage eines Herrn, dessen Namen wir nicht nennen dürfen, übersenden wir Ihnen anbei dreitausend Mark, die Sie dem Wunsche des Spenders gemäß in Ihrem Interesse verwenden sollen. Wir versichern noch, daß unser Auftraggeber nicht in Ihrer Heimatstadt wohnt. – Hochachtungsvoll – Deutsche Bank, Berlin.“

Wenige Minuten später war Gerhard schon in der kleinen Portierwohnung unten.

Frau Sicharski, die gerade mit dem Putzen der Kartoffeln für die Mittagsmahlzeit beschäftigt war, fiel vor Schreck das Messer aus der Hand, als ihr Sohn ihr das Päckchen Banknoten zeigte. Dann aber flossen Tränen der Freude reichlich über ihre Wangen.

„Mein Jung’, mein Jung’, – nun kannst Du ja endlich daran denken, Deine Pläne zur Vollendung zu bringen,“ meinte sie mit vor Rührung zitternder Stimme. „Wer aber mag Dir nur diese Summe zugewendet haben? Hast Du keine Vermutung in dieser Beziehung?“

Gerhard schüttelte den Kopf. „Keine, Mutter. „Erst dachte ich an Fritz Norgard. Aber in dem Schreiben der Bank steht ja ausdrücklich, daß der Auftraggeber kein Bewohner unserer Stadt ist. Natürlich werde ich Norgard trotzdem fragen.“

„Und – und Fräulein v. Sarma?“ meinte Frau Stcharski zögernd.

Gerhard lächelte. „Mutter, wo soll wohl eine siebzehnjährige junge Dame eine derartige Summe herbekommen? Zumal sie sich doch niemandem anvertrauen könnte, zu welchem Zwecke sie das Geld haben wollte! – Nein, hier kommt nur Norgard in Frage. Ich nehme an, daß er, ohne mir etwas davon zu sagen, irgend einen reichen, auswärtigen Herrn auf mich aufmerksam [41] gemacht hat.“

„Ja – so wird es wohl sein. – Und was gedenkst Du nun zu tun, Gerhard?“

Der junge Kunstschlosser lachte fröhlich heraus. „Arbeiten werde ich droben in meinem Zimmer, arbeiten, wie nie zuvor! Vollenden werde ich mein Modell, und dann – dann –“ Sein Gesicht wurde ernst. In seine Gedankenreihe hatte sich plötzlich eine Erinnerung eingedrängt. Er dachte an die letzte Unterredung mit Beatrix. Heute war ja der Tag, wo sie sich wieder in der Ausstellung treffen wollten. Fast erschreckt zog er seine Uhr. – Es war Zeit, daß er aufbrach.

„Leb’ wohl, Mutter. Ich muß in die Stadt –“

Er küßte sie auf die Stirn, und dann stürmte er in sein Zimmer hinauf. Wie er gerade die Treppe des Gartenhauses emporhastete, traf er mit seinem Vater zusammen.

„Na, Herr Gelehrter, so eilig?!“ meinte der alte Sicharski, der eben in die Treppenlampe einen neuen Glühstrumpf einsetzte, bissig.

Heute focht diese Unfreundlichkeit den jungen Schlosser nicht weiter an.

„Gelehrter?! Das will ich ja erst werden, Vater,“ erwiderte er übermütig. Und dann zog er die Banknoten aus der Tasche und erzählte fliegenden Atems alles, was der heutige Morgen ihm gebracht hatte.

Der Alte blieb brummig wie immer.

„So, so – also mit der Stellung auf der Kaiserlichen Werft soll es nun vorbei sein,“ knurrte er. „Schade für uns. Da werden wir wohl keinen Pfennig Unterstützung von Dir mehr zu sehen bekommen.“

Gerhards frohe Stimmung drohte zu schwinden.

„Ihr erhaltet wie bisher Eure sechzig Mark monatlich von mir,“ erklärte er kurz und setzte dann seinen Weg fort. –

[42] Elf Uhr war’s! Immer wieder schritt Gerhard Sicharski durch die langen Säle des Städtischen Museums, blieb hier und dort vor einem Bilde stehen und tat, als ob er es eifrig betrachtete. Und doch waren seine Gedanken ganz wo anders. – Beatrix v. Sarma kam nicht. Was mochte sie heute bei dem prächtigen Frühlingswetter nur abgehalten haben, ihre Malstunde in der Galerie wahrzunehmen?

Wieder verging eine halbe Stunde. Gerhards Hoffnung war auf den Nullpunkt gesunken. Und gerade heute erschien sie nicht, gerade heute, wo sie an seiner Freude teilnehmen sollte, wo er sich fest vorgenommen hatte, zum ersten Mal seine Scheu zu überwinden und sie Trix – Fräulein Trix, zu nennen, wie sie es längst gewünscht hatte. – Mit all diesen Vornahmen war es nun nichts – leider! Schließlich gab er denn auch wirklich das längere Warten auf. Gedrückt schlich er davon. Und die Galeriediener, die ihn vom Ansehen bereits recht gut kannten, schauten ihm lächelnd nach:

„Ein verpaßtes Rendezvous,“ sagte einer der Leute zu seinem Kollegen. Und der nickte verständnisinnig. Wurde die Ausstellung doch häufig genug von Liebespaaren als Promenadenraum benutzt. –

Als Gerhard sein Stübchen betrat, sah er sofort den mattblauen Briefumschlag, der sich auf der roten Löschblattunterlage seines Schreibtisches so scharf abzeichnete.

Wie ein jäher Schreck durchzuckte es ihn da. Er wußte sofort, von wem dieses Schreiben stammte, dem dasselbe diskrete Parfüm anhaftete, das auch Beatrix’ zierliches Persönchen stets so lockend umwebte.

Und dann las er ihre Abschiedsworte, las sie immer wieder:

 „Lieber Freund!

Sie werden heute vergeblich auf mich gewartet [43] haben. Ich durfte nicht kommen. Morgen früh verreise ich auf ein halbes Jahr. Behalten Sie mich in gutem Andenken, wie auch ich dies tun werde. Und: alles Gute wünsche ich Ihnen für die Zukunft. Mögen Sie viel, viel Glück bei dem haben, was Sie erstreben. – Adieu, lieber Freund, ich werde auch fernerhin Ihr guter Engel bleiben, wie Sie mich so oft genannt haben. Und hin und wieder soll ein kurzer Kartengruß Ihnen mitteilen, wie es geht Ihrer

Trix v. S.“     

Lange saß Gerhard Sicharski zusammengesunken da in seinem einfachen Holzstuhl mit dem gestickten Rohrgeflecht. Lange sann und grübelte er über den Inhalt dieser Zeilen nach. – War dies vielleicht ein Abschied für immer? War dies das Ende aller seiner Hoffnungen, in denen Beatrix eine so große Rolle gespielt hatte? Hatte sie vielleicht mit einem Male eingesehen, daß der – der einfache Kunstschlosser doch nie und nimmer zu ihr passen würde?! – Nein – nein! Nie und nimmer besagten das diese Abschiedsworte! Da stand ja so klar und deutlich: „Ich werde auch fernerhin Ihr guter Engels bleiben.“

Plötzlich war aller Kleinmut aus Gerhards Herz geschwunden. Fast zärtlich faltete er den Brief wieder zusammen, schob ihn in den Umschlag und barg diesen in seiner Brieftasche. Und dann trat er ans Fenster, öffnete es und schaute hinüber nach der zweiten Etage des Vorderhauses. Doch Beatrix war nirgends zu erblicken. Trotzdem ging Gerhard nachher frohen Herzens in die Wohnung seiner Eltern hinab. Dort traf er seine Schwester Gertrud an, eine Blondine mit einem sanften, gütigen Gesicht, die nun seit einem Jahr, eben seit sie bei der Firma Jakob u. Sohn Buchhalterin geworden war, bei einer älteren Dame in der [44] Nähe des Geschäftes wohnte, die nicht gern allein sein wollte und von dem jungen Mädchen daher nur einen ganz geringen Pensionspreis forderte.

Gertrud Sicharski stand mit ihrem Bruder auf sehr gutem Fuße und beglückwünschte ihn sofort herzlich zu der Geldsumme, die ihm nunmehr ein energisches Betreiben seiner Studien ermöglichen würde. Als bei der nun folgenden Unterhaltung, an der sich nur der alte Sicharski nicht beteiligte, gelegentlich Fritz Norgards Name genannt wurde, huschte eine flüchtige Röte über Gertruds feinliniges Gesicht, was ihre Mutter mit einer gewissen Genugtuung feststellte.

Das junge Mädchen hatte heute seinen freien Nachmittag und blieb daher auch zum Mittagessen da. Die Portionen fielen, weil sie nur für drei berechnet waren, infolgedessen etwas knapp aus. Gertrud wollte dies aber dadurch wieder ausgleichen, daß sie schnell noch nach der nahen Konditorei hinüberlief und zum Nachtisch einige Stückchen Obsttorte mit Sahne einkaufte, die im Verein mit dem von Gerhard gespendetem echten Bier, der Mahlzeit das Gepräge einer bescheidenden Feier gab. Nachher mußte sich dann Frau Sicharski in ihren Sonntagsstaat werfen und ihre Tochter begleiten.

„Wir werden in die Vorstadt mit der Elektrischen fahren und dort einen Kaffeegarten besuchen,“ erklärte Gertrud resolut. „Das Wetter ist heute so prächtig und Mutter muß einmal an die frische Luft. Um halb sechs sind wir wieder hier. Dann kannst Du ausgehen, Vater, wenn Du Lust hast, und wir beide sehen hier nach dem Rechten.“

Nachdem die beiden Frauen sich entfernt hatten, suchte Gerhard sein Zimmer wieder auf. Bis fünf Uhr arbeitete er ohne Unterbrechung. Dann kleidete er sich zum Ausgehen an, um Fritz Norgard nach Geschäftsschluß [45] vor der Bank von Bellersen u. Hord zu erwarten.

Der Kassierer war aufs freudigste überrascht, als sein Schüler und Schützling ihm von der hochherzigen Geldspende erzählte. Als Gerhard aber eine Andeutung machte, daß er wohl nur Norgard allein dieses Glück zu verdanken habe, lehnte der eine solche Vermutung rundweg ab.

„Nein, lieber Gerhard, da sind Sie wirklich im Irrtum. Ich habe nur meinen Chef, Herrn Thomas Bellersen, für Sie zu interessieren gesucht. Der hat aber den Kopf mit geschäftlichen Sorgen so voll, dass er das längst wieder vergessen haben dürfte.“

„Mir ganz unverständlich, wer sonst an meine Person gedacht haben könnte,“ meinte der junge Kunstschlosser nachsinnend. „Was meinen Sie, Fritz,“ setzte er nach einer Weile hinzu, „ob ich nun das Geld wirklich für mich verbrauchen darf?“

„Aber selbstredend, lieber Freund, selbstredend! Sie werden sofort Ihre Stellung auf der Werft kündigen, und dann wird nach einem Programm, das wir beide entwerfen wollen, systematisch weitergearbeitet. Bei der nötigen Sparsamkeit können Sie mit dem Gelde gut ein Jahr auskommen. Und in der Zeit läßt sich vieles erreichen.“ –

Eine Viertelstunde später saßen sie zusammen in einem bescheidenen Restaurant an einem in einer Nische stehenden Tische, wo Norgard regelmäßig seine späte Mittagsmahlzeit einzunehmen pflegte. Ihr leise geführtes Gespräch drehte sich lediglich um die Zukunft des jungen Kunstschlossers. Jeden einzelnen Punkt beleuchteten sie von allen Seiten. Es gab da manches, was sehr zu überlegen war, besonders hinsichtlich der Fertigstellung des Motor-Modells, an dessen einzelnen Teilen Gerhard bisher nach seinen Zeichnungen in den Übermittagsstunden in den Werkstätten der Werft gearbeitet [46] hatte. Diese Gelegenheit, all die komplizierten Maschinen mitbenutzen zu können, fiel nun fort, wenn er seine Stellung in dem Staatsbetriebe kündigte. Die beiden Freunde kamen überein, daß Gerhard sich die noch fehlenden Teile in verschiedenen Fabriken nach genauen Skizzen herstellen lassen sollte, was nicht allzu teuer werden konnte. Bei einer einzelnen oder vielleicht zwei Firmen die Motorteile in Auftrag zu geben, war eben zu gewagt, da die Ingenieure zu leicht aus den Skizzen die ganze Konstruktion des neuartigen Motors hätten erkennen können.

Gegen halb sieben trennten die Freunde sich dann. Norgard fuhr noch nach dem Jachthafen hinaus, um ein wenig an der Verschönerung seiner „Medusa“ zu arbeiten, während Gerhard nach Hause wanderte, um sich wieder hinter seinen Büchern zu vergraben.

Norgard benutzte bis zur Kaiserbrücke die elektrische[2] Straßenbahn. Als er dort ausstieg, um zu Fuß über die sog. Speicherinsel den Woltmershauser Kanal zu erreichen, kam ihm plötzlich in ziemlich langsamem Tempo ein offenes Auto entgegen, in dem Margot Bellersen saß. Kaum hatte sie Norgard erblickt, als sie ihm auch schon zuwinkte und gleichzeitig dem Chauffeur einen kurzen Befehl zurief.

Der elegante, lange Mercedes-Wagen hielt mit einem Ruck, und Maraot sprang leichtfüßig auf die Bordschwelle, noch bevor Norgard ihr behilflich sein konnte.

„Wohin, Herr Norgard?“ fragte sie, indem sie einen etwas burschikosen Ton anschlug, der nur zu ihrer stolzen Schönheit nicht recht paßte.

„Meiner „Medusa“ will ich den Rest der Tageshelle widmen,“ erwiderte der Kassierer, indem er ihre Hand mit kräftigem Druck umspannte.

„Wieder Anstreicher spielen,“ warf sie neckend hin.

„Nein, das ist erledig. Die Segel müssen mal [47] gründlich nachgesehen werden.“

Sie merkte nur zu gut, daß er ihre in dem modernen, engen Kostüm so vorteilhaft zur Geltung kommende Figur mit einem schnellen, bewundernden Blick streifte.

„Nehmen Sie mich mit. Bis halb neun habe ich Zeit,“ sagte sie einfach. Und wandte sich, ohne seine Antwort abzuwerten, an den Chauffeur und befahl nachlässig:[3]

„Um viertel neun kommen Sie mich abholen, Reinicke, verstanden?“

„Jawohl, gnädiges Fräulein, um viertel neun Osteingang Kaiserbrücke,“ wiederholte der frühere Gefreite des Kraftfahrbataillons militärisch.

Eine knappe Viertelstunde später befanden sich die beiden an Bord der kleinen, schmucken Jacht, die Fritz Norgards einzige kostspielige Leidenschaft darstellte.

Nachdem er ihr eines der Polsterkissen aus der Kajüte auf die Steuerbank gelegt hatte, zog er sich ungeniert Rock und Weste aus und begann seine Arbeit, die ihm noch immer Zeit ließ, mit ihr über alles mögliche zu plaudern.

Margot hatte sich von ihm sein Zigarettenetui reichen lassen und paffte nun mit Behagen den Rauch einer leichten Türkischen in die stille, abendliche Luft. Das malerische Bild, das sich hier von der Mitte des Jachthafens ihren Augen darbot, die von der untergehenden Sonne bestrahlten Fahrzeuge aller Art, dahinter die riesigen Lagerspeicher mit den Getreide-Elevatoren, das alles interessierte sie weit weniger als der Mann, der da mit muskulösen Armen die weißen Segel auf Deck ausbreitete und hie und da einen kleinen Schaden ausbesserte. Sein häßlicher Charakterkopf mit der hohen, breiten Stirn und den grauen, großen Augen darunter, seine geschmeidige Gestalt, die weit eher einem Seemann von Beruf, als [48] einem Bücherwurm von Bankbeamten zu gehören schien, rief in ihr ganz eigene Gedanken wach.

Sie sprachen von alltäglichen Dingen; von der Geschäftslage, von Theater und Konzerten, dem neuesten Sensationsprozeß und der ersten Segelregatta des Jachtklubs, die am 6. Mai zu Ehren des Deutschen Kronprinzen stattfinden sollte. Erst allmählich bekam die Unterhaltung ein mehr persönliches Gepräge. Margot Bellersen fragte, ob er sich nun schon damit abgefunden habe, daß Gerbert und nicht er selbst Prokurist geworden wäre.

„Längst, gnädiges Fräulein,“ erwiderte er, indem er mit starkem Segelzwirn einen Riß am Haupttau des Großsegels reparierte. „Gerbert hat es auch schlecht angetroffen,“ fuhr er fort. „Gerade jetzt herrscht ja eine Unsicherheit und eine Nervosität auf dem Geldmarkt, die es nicht leicht macht, die richtigen Dispositionen zu treffen.“

Etwas in der Art, wie er das Letzte sagte, ließ sie stutzig werden, zumal er schon vorhin eine ähnliche Bemerkung hatte fallen lassen.

„Wollen Sie etwa andeuten, daß die Geschäfte im allgemeinen schlecht gehen?“ fragte sie mit einer leisen Furchtempfindung.

„Sie gehen sogar sehr schlecht.“ Er rollte erst das Großsegel zusammen und fügte dann hinzu: „Ich möchte mich über diesen Punkt aber nicht weiter auslassen. Wer weiß, ob das Ihrem Herrn Vater recht ist.“

Das unbestimmte Angstgefühl wuchs immer mehr in der Seele der jungen Dame, die ja auch an anderen Anzeichen gemerkt hatte, daß die Firma Bellersen u. Hord einer Krise entgegenging.

„Da mögen Sie vielleicht das Richtige vermuten,“ meinte sie jetzt scheinbar gleichgültig. „Papa spricht ja mit mir höchst ungern über geschäftliche Dinge. Und [49] trotzdem – ich will klar sehen. – Haben Bellersen u. Hord größere Verluste gehabt?“

Fritz Norgard hatte sich aufgerichtet und zeigte jetzt auf eine Schar von Möwen, die mit gellendem Geschrei immer wieder auf einen Gegenstand herabstießen, der keine dreißig Schritte von der Jacht entfernt im Wasser schwamm.

„Arme Wasserratte,“ sagte er mitleidig. „Sehen Sie nur, gnädiges Fräulein, immer wieder sucht das Tier sich durch Tauchen seinen geflügelten Verfolgern zu entziehen. Dem ungleichen Kampf werde ich doch ein Ende machen –“

Im Augenblick war er die Kajütentreppe hinabgeeilt und kehrte jetzt mit einem Revolver in der Hand zurück.

Mit dem Knall des Schusses stob die Möwenschar auseinander, so daß die Wasserratte ungestört ihren Weg quer über das Hafenbassin fortsetzen konnte. „Vielleicht ein liebeglühender Rattenjüngling, der der Angebeteten am anderen Ufer einen Besuch abstatten will,“ scherzte Norgard, die Waffe fortbringend.

Als er wieder auf Deck erschien, schaute Margot ihn mit einem absichtlich übertrieben, erstaunten Gesicht von oben bis unten an.

„Wie – Sie als Kraftnatur verfügen auch über derartige mitleidige Regungen?“ fragte sie, verwundert den Kopf schüttelnd.

„Warum nicht? Alles zu seiner Zeit! Ich kann aber auch ebenso unbarmherzig hart sein,“ setzte er gleichgültig hinzu.

Sie hatte sich in die Steuerbank weit zurückgelehnt und die in zierlichen Halbschuhen steckenden Füße von sich gestreckt. Dabei war der Saum ihres Rockes etwas hochgezogen worden, so daß die schlanken Fußknöchel und ein Teil des durchbrochenen [50] Strumpfes sichtbar wurden.

Unwillkürlich nahm Norgard das Bild dieses jungen, so nachlässig dasitzenden schönen Weibes mit einem Gefühl einer unbestimmten Unruhe in sich auf. Seine Blicke, die sie wie taxierend musterten, begegneten jetzt den ihren. Wie ein Flimmern war es in ihren Pupillen, wie ein lockendes Gleißen. Er merkte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, wie Gedanken in ihm wach wurden, die er bisher weit von sich gewiesen hatte.

Und ihre Blicke ließen ihn nicht los. Wie magnetisch angezogen trat er näher und setzte sich dicht neben sie auf das Deck.

„So, das ist nett von Ihnen,“ meinte sie, als er jetzt schnell nach dem Zigarettenetui griff, um den Zauber dieser Minute gewaltsam zu zerstören. „Wenn Sie immer hin und herlaufen, habe ich nichts von Ihnen. Das bleibt immer eine halbe Unterhaltung.“

Ein Streichholz flammte auf. Aber sie wollte nicht, daß er sich ihr auf diese Weise entwand.

„Geben Sie mir auch Feuer – so, danke –“

Sie nahm ihm die glimmende Zigarette einfach aus der Hand. Dabei streiften ihre Finger die seinen, blieben einen Moment wie liebkosend darauf liegen.

Eine heiße Blutwelle schoß ihm ins Gesicht. Und dann – dann stieß er fast keuchend hervor. als sie ihn wieder so übermütig und doch mit scheinbarer Zärtlichkeit fest anblickte:[4]

„Margot – ich bin nicht der Mann, der mit sich spielen läßt, ich nicht –“

Er befand sich wie in einem Rausch. Seine Rechte hatte ihr Handgelenk umspannt. Und so zog er sie immer näher zu sich heran.

Da sprang sie verwirrt auf und, als flüchte sie vor ihm, eilte sie die schmale Treppe zu der kleinen Kajüte hinab. In der Tür blieb sie stehen. Und wie [51] abwehrend die Hände erhebend, bat sie leise:

„Bringen Sie mich an Land zurück. Ich fürchte mich vor Ihnen –“

Da stand er schon vor ihr, ganz dicht, daß sie notwendig noch einen Schritt zurücktreten mußte.

Jetzt konnte niemand von den anderen Jachten sie mehr beobachten. Und da sagte er wieder mit seiner betörend weichen Stimme, die vor innerer Erregung bebte:

„Margot – spielen Sie mit mir nicht! Ich warne Sie –“

Ein Lächeln lag um ihre frischen Lippen, ein Sirenenlächeln, das lockte und unendlich viel versprach. Und da riß er sie in seine Arme. Willenlos lag sie an seiner Brust. Seine Lippen suchten die ihrem und in einem Kuß, der Fritz Norgard vollends die Besinnung raubte, fesselte sie ihn an sich für immer, wie sie hoffte, für immer, wenn er ihre Erwartungen erfüllte. –

Erst gegen dreiviertel neun, als es bereits völlig dunkel geworden war, stieg Margot Bellersen an der Kaiserbrücke in ihr Auto. Norgard hatte sich schon eine Strecke vorher von ihr verabschiedet.

Dann fuhr sie heim. Wieder lag das Siegerlächeln um ihren Mund, ein Lächeln des Triumphes, nicht des Glücks.




5. Kapitel
Spekulation nicht Liebe.

Fritz Norgard wanderte langsam durch die abendlich stillen Seitenstraßen auf Umwegen heim.

Auf die eine Stunde heißer Leidenschaft, die er soeben in der engen Kajüte seiner verschwiegenen Jacht [52] verlebt hatte, folgte ebenso schnell eine vollständige Ernüchterung. Jetzt, wo er in Ruhe nochmals die Ereignisse dieses Abends überschaute, bemächtigte sich seiner immer mehr ein Gefühl des Mißbehagens. Manches in Margots Benehmen, in dem Entgegenkommen, das sie ihm gegenüber bewiesen hatte, erschien ihm jetzt gekünstelt, schätzte er beinahe auf schlaue Berechnung ein. Und so sehr er sich auch abmühte, um diese kritischen Gedanken durch die Erinnerung an ihre Zärtlichkeiten zu verscheuchen, er wurde das Empfinden, daß nicht lediglich die Liebe ihr Verhaltem geleitet habe, nicht los. Am unzufriedensten war er aber darüber, daß er, der kühle, klare Kopf, sich so leicht von ihr sein bisher so sorgsam behütetes Geheimnis hatte entreißen lassen. – Frauenlippen! Weibesnähe! Die hatten also auch ihn besiegt.

Er lachte ärgerlich auf. Er hätte eben vorsichtiger sein sollen, hätte sich Margot Bellersen nicht sofort mit seinen tiefsinnigen Gedanken anvertrauen dürfen.

In seiner Junggesellenwohnung angelangt, deckte er sich selbst den Abendbrottisch und verzehrte mit geringem Appetit den Rest seiner Vorräte, kalten Aufschnitt und die letzten drei Ölsardinen aus einer kleinen Büchse. Dazu trank er wie immer ein Glas Fruchtlimonade.

Erst gegen halb zehn begab er sich nach oben zu Gerhard Sicharski, der in der Etage über ihm wohnte. Es war ihm in seiner heutigen Gemütsverfassung nicht angenehm, daß er dort mit seines Schützlings Schwester zusammentraf, die, dem aufgeschlagen auf dem Tisch liegenden Atlas nach zu urteilen, den Bruder soeben einem kleinen Vorexamen in Geographie unterworfen hatte.

Gertrud Sicharski, die dank der Unterstützung einer wohlhabenden Taufpatin die höhere Töchterschule und später auch die Handelsschule besucht und durch [53] ihren Verkehr und ihre geschäftliche Tätigkeit sich eine wohltuende gesellschaftliche Sicherheit erworben hatte, konnte es zu ihrem eigenen Ärger nicht vermeiden, daß ihr beim Anblick Fritz Norgards helle Röte ins Gesicht flutete. Zum Glück konnte er dies beim Scheine der billigen Petroleumlampe, die dazu noch eine grüne Arbeitsglocke besaß, kaum bemerkt haben.

Die Begrüßung zwischen den beiden jungen Leuten, fiel heute etwas kühler und weniger kameradschaftlich aus als sonst. Auch Gerhard merkte sehr bald, daß der Kassierer sich in ziemlich gedrückter Stimmung befand. Und mit der Offenheit, die ihn in allem auszeichnete, fragte er dann auch sehr bald:[5]

„Fritz, ist Ihnen etwas Unangenehmes passiert? Als wir uns nachmittags, eigentlich war es ja schon abends, trennten, lag diese tiefe Längsfalte noch nicht auf Ihrer hohen Denkerstirn.“ – Absichtlich hatte er einen scherzhaften Ton angeschlagen. Aber Norgard ging nicht darauf ein.

„Mir ist allerdings etwas begegnet, das besser nicht geschehen wäre,“ erwiderte er in Erinnerung an seine vorschnelle Vertrauensseligkeit. „Aber ich trage selbst die Schuld daran. Und daher deutet die Stirnfalte lediglich an, daß ich mit mir selbst unzufrieden bin, recht sehr sogar. – Doch, sprechen wir von anderen Dingen. – Wie geht es Ihnen eigentlich, Fräulein Gertrud? Wir haben uns lange nicht gesehen.“

Sie hatten sich auf die drei vorhandenen Stühle um den Tisch gesetzt, den Gerhard in die Mitte des kleinen Zimmers rückte, und begannen nun eine Unterhaltung, der heute zum ersten Mal etwas gezwungenes anhaftete.

Norgard war sichtlich zerstreut und starrte immer wieder sinnend vor sich hin. Als sich Gertrud Sicharski dann kurz nach zehn Uhr verabschiedete, um ihr in einem entfernten Stadtteil gelegenes Heim aufzusuchen, [54] bot der Kassierer ihr in seiner selbstverständlichen Art seine Begleitung an.

„Bitte – nicht ablehnen, Fräulein Gertrud,“ fügte er hinzu. „Ich muß noch ein Stück laufen. Die Abendluft wird mir gut tun. Außerdem können Sie zu dieser Stunde nicht mehr allein nach Hause gehen, bezw. fahren. Heute finden überall die großen Protestversammlungen gegen das Vorgehen der Arbeitgeber im Baugewerbe statt, und da werden die Straßen voll von erregten Leuten sein.“ –

So wanderten die beiden denn neben einander durch die stille Vorstadt. Je mehr sie sich aber dem Hohen Tore, dem Zugang zu der eigentlichen Stadt, näherten, desto lebhafter wurde der Verkehr. Man merkte, daß in der alten Handelsmetropole heute etwas besonderes vorging. Überall standen Gruppen von Arbeitern umher, in lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Dazwischen patrouillierten Schutzleute auf und ab, berittene Beamte hielten an den Straßenkreuzungen, und vor einigen Restaurants staute sich die Menge, unter der sich auch viele Frauen befanden, zu dichtem Gedränge. – Trotzdem kamen die beiden unangefochten vorüber. Nur ein Mal hatten ihnen ein paar ganz junge, angetrunkene Burschen häßliche Redensarten nachgerufen, die Norgard jedoch absichtlich überhörte.

Die Unterhaltung mit dem für seine Jahre selten welterfahrenen jungen Mädchen, das neben einem gesunden Urteil ebenso viel Gemüt und Herzenstakt besaß, wirkte schließlich auf Fritz Norgard wahrhaft wohltuend. – Als er sich dann von Gertrud vor der Haustür ihrer Wohnung verabschiedete, drückte er ihr warm die Hand.

„Meine Mißstimmung ist wirklich verflogen,“ sagte er lächelnd. „Sie sind der beste Seelenarzt, Fräulein Gertrud. Und der Mann, der Sie einmal [55] heimführt, muß sich mehr als glücklich schätzen.“

Hastig wandte sie sich ab, schlüpfte ins Haus und rief ihm aus dem dunklen Flur noch ein letztes „Gute Nacht“ zu.




In derselben Stunde hatte Margot Bellersen mit ihrem Vater eine lange, ernste Besprechung, die in dem Arbeitszimmer des Bankiers bei verschlossenen Türen stattfand.

Margot war es gewesen, die, als man sich gegen zehn Uhr nach eingenommener Abendmahlzeit von Tisch erhob, ihren Vater gebeten hatte, ihr noch eine halbe Stunde zu widmen.

„Ich habe wichtiges mit Dir zu besprechen, Pa,“ hatte sie erklärt, worauf Thomas Bellersen sein Kind erst mißtrauisch betrachtete und dann erwiderte:

„Gut – wenn es sein muß. Ich bin zwar recht abgespannt –“

„Es muß sein,“ wiederholte sie seine eigenen Worte.

Etwas in dem Klang ihrer Stimme machte ihn stutzig.

„Hoffentlich nichts unangenehmes,“ warf er hin. „Ich habe heute gerade schon genug geschäftlichen Ärger gehabt.“

Jetzt horchte auch sie auf. – Geschäftlichen Ärger – hatte er gesagt. Sollten Bellersen u. Hord wirklich mitten in einer Krise stehen? Auch Norgard war ihr ja die Antwort auf diese Frage heute schuldig geblieben und hatte sie durch den Hinweis auf die von den Möwen hart bedrängte Wasserratte abzulenken gesucht. –

In dem Arbeitszimmer des Bankiers hatte Margot dann sämtliche Flammen des Kronleuchters angedreht [56] und die beiden tiefen Klubsessel näher an den Mitteltisch herangeschoben.

Nachdem Thomas Bellersen sich eine Verdauungszigarre angezündet hatte, ließ er sich schwer in einen der Sessel fallen. Seine Tochter war indessen an die beiden in die Nebengemächer führenden Türen gegangen, hatte sie verriegelt und die Portieren dicht geschlossen.

Nun begann sie, indem sie sich leicht gegen den schweren geschnitzten Eichenschreibtisch lehnte:

„Pa, ich habe Dich schon einmal gefragt, ob Du nicht weißt, welcher Art die Pläne waren, die Fritz Norgards Vater seiner Zeit mit Hilfe der durch die Bodenspekulationen erhofften Summen verwirklichen wollte. Du bist hierüber also wirklich völlig im Unklaren geblieben, obwohl Du doch mit jenem Ernst Norgard recht intim verkehrtest?“

Thomas Bellersen schaute seine Tochter überrascht an. Was sollte diese Frage? Weshalb kam sie ihm schon wieder mit dem Namen Norgard, obwohl er ihr noch gestern kurz und bündig erklärt hatte, daß er es nicht wünschte, daß sie sich mit dem Kassierer mehr als unbedingt nötig beschäftigte? – Ziemlich unwirsch erwiderte er daher:

„Laß doch die alten Geschichten ruhen, Kind! Nein, ich habe keine Ahnung, was mein damaliger Freund vorhatte.“

Um ihre vollen Lippen spielte jetzt ein überlegenes Lächeln.

„Alte Geschichten?!“ meinte sie achselzuckend. „Für eine großartige Spekulation kaum die richtige Bezeichnung.“

Er horchte auf. „Was weißt denn Du davon?“

„Alles,“ sagte sie mit Betonung.

Da legte er seine Zigarre in den Aschbecher und richtete sich aus seiner bequemen Haltung auf. Er [57] wußte, daß Margot eine viel zu real denkende Natur war, um ihm hier lediglich Phrasen aufzutischen.

„Erzähle, Kind!“

„Es wird ein etwas langer Bericht werden,“ sagte sie gelassen, verließ ihren Platz am Schreibtisch und setzte sich in den anderen Sessel nieder. – „Weißt Du, daß Ernst Norgard, Dein einstiger, später im Zuchthaus verstorbener Freund, einen Bruder besaß?“

Der Bankier nickte eifrig. In Gedanken überlegte er sich schon, daß dieser Bruder vielleicht mit der „großartigen Spekulation“ irgendwie in Zusammenhang stehen könne. Laut aber erwiderte er:

„Ich habe den Mann selbst noch kennen gelernt. Er war so etwas wie ein internationaler Abenteurer, ein Mensch, der in jedem Beruf gearbeitet und es doch zu nichts gebracht hatte. Ich glaube er hieß mit Vornamen Heinrich.“

„Sehr richtig. Und er starb in einem Hamburger Krankenhause an einer Lungenentzündung, kurz nachdem er nach jahrelanger Abwesenheit aus Nordamerika heimgekehrt war.“

Wieder nickte Thomas Bellersen. Und dann sagte er ungeduldig „Lassen wir aber dies Frage- und Antwortspiel, Kind. Du hast mich neugierig gemacht. Dieses tropfenweise Beibringen einer interessanten Kunde liebe ich nicht.“

„Du bist jetzt ja auch orientiert, Pa. Also – dieser Heinrich Norgard war eigentlich seines Bruders böser Engel. Er brachte nämlich aus den Vereinigten Staaten ein wertvolles Geheimnis mit nach Europa hinüber, das er seinem einzigen Bruder anvertraute und zwar in der Absicht, mit diesem gemeinsam die Ausbeutung der von ihm entdeckten reichen Petroleumquellen vorzunehmen.“

Der Bankier schnellte ordentlich aus seinem Sessel empor.

[58] „Petroleumquellen?!“ fragte er stockend.

„Allerdings. – Höre die Einzelheiten. Heinrich Norgard war im letzten Jahre vor seinem Tode Petroleum-Prospekter, der auf eigene Faust Bohrversuche anstellte und, wenn er irgendwo eine einigermaßen ergiebige Quelle fand, seine Anrechte an größere Gesellschaften verkaufte. Das Glück war ihm jedoch nur in geringem Maße hold. Und das, was er erübrigte, opferte er immer wieder ebenso schnell seiner tollen Spielleidenschaft. Da stieß er eines Tages auf einer großen Farm im nordamerikanischen Staate Montana auf ein Öllager, das nach seiner Schätzung ungeheuer groß sein mußte und das er, ohne einem Menschen etwas zu verraten, durch sorgfältige Bohrungen, auf Grund seiner Erfahrungen, als einen unterirdischen Ölsee von ungeheuren Abmessungen feststellte. Wie die Petroleum-Prospekter solche Öllager genau ihren Abmessungen nach festlegen, weißt Du ja. In den Bohrern, die bisweilen bis zweitausend Meter Tiefe in die Erde getrieben werden, fördern sie Erdproben nach oben, die, je nachdem sie mit Petroleum durchtränkt sind, die Nähe eines Ölreservoirs anzeigen. Die Erdproben auf jener Farm nun bewiesen klar, daß es sich dort nicht um eine Durchschnittsquelle, sondern um eine wirklich fabelhaft reiche Ölablagerung handelte. – Heinrich Norgard war schlau genug, dem Besitzer der Farm gegenüber seine Bohrversuche als ergebnislos hinzustellen. Er verkaufte dann seine Maschinen, entließ seine wenigen Arbeiter und kehrte nach Europa zurück, um hier mit seinem in geschäftlichen Dingen weit erfahreneren Bruder des weiteren zu beraten. Vierzehn Tage nach seiner Heimkehr starb er jedoch und hinterließ Ernst Norgard als wertvolles Erbe das Geheimnis jener Ölquelle in Montana. Ernst Norgard, der von ihm in die näheren Verhältnisse genau [59] eingeweiht war und daher wußte, daß die in der Erde schlummernden Millionenschätze nur mit Hilfe großer Kapitalien zu heben waren, da vorher, ohne daß man Aufsehen erregte, der größere Teil jener Farm angekauft werden mußte, versuchte dann – – Aber das ist Dir ja alles bekannt, Pa. – Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß Fritz Norgard von seiner Mutter ein Büchlein erbte, in dem sich genaue Aufzeichnungen über die Öllager befanden, nebst einer sehr genauen Karte der Örtlichkeit. Mithin ist Euer Kassierer jetzt der Besitzer eines Geheimnisses, das Millionen verspricht.“

Thomas Bellersen war längst aufgesprungen und durchquerte mit hastigen Schritten das strahlend helle Gemach.

Jetzt blieb er vor seinem einzigen Kinde stehen.

„Und Fritz Norgard hat Dir das alles freiwillig verraten?“ fragte er, sie scharf anblickend.

Wieder huschte ein Lächeln um ihren Mund.

„Er hat es mir verraten müssen,“ erwiderte sie vielsagend. „Ich habe mich nämlich mit ihm verlobt.“

Thomas Bellersen schaute jetzt mit einer gewissen Hochachtung zu seiner Tochter hinüber.

„Und was gedenkst Du ferner zu tun?“ fragte er nach einer Weile.

„Ich habe mit Norgard alles genau vereinbart. Unsere Verlobung bleibt vorläufig noch geheim. Auch Du mußt tun, Pa, als ob Du davon keine Ahnung hast. Norgard wird Dich unter einem Vorwand um einen längeren Urlaub bitten und nach Amerika reisen. Dort soll er auf der Farm in Montana das Terrain für unsere weiteren Pläne sondieren, soll eventuell gleich, scheinbar als Deutscher, der sich ansässig machen will, den für uns wertvollsten Teil des Landes ankaufen. Zu diesem Zwecke mußt Du mir von meinem mütterlichen Erbteil zunächst 100 000 Mark in den nächsten Tagen auszahlen. Es bliebe dann noch ein [60] Rest von 125 000 Mark. Auch den halte bitte bereit. Falls Norgard das Geld braucht, muß es sofort zu seiner Verfügung stehen.“

Der Bankier hatte plötzlich sein Taschentuch hervorgezogen und betupfte sich die Stirn, auf der große Schweißperlen standen.

„Und wenn nun die angebliche Ölquelle gar nicht existiert?“ fragte er, heiser auflachend. „Wenn Du Dein Geld für ein Phantasiegebilde opferst, wenn Heinrich Norgards Bohrversuche nur scheinbar so vielversprechend waren?“ – Bedenken häufte er auf Bedenken, suchte seiner Tochter um jeden Preis diese Idee auszureden.

Aber Margot blieb fest. Und als er immer wieder mit Scheingründen ihr widersprach, da sagte sie plötzlich und mit einem Blick, dem er scheu auswich:[6]

„Steht es mit „Bellersen u. Hord“ wirklich so schlecht, Pa, daß Du nicht einmal 100 000 Mark flüssig machen kannst?“

Er zuckte zusammen.

„Was – was soll diese Frage, Kind? Ich verstehe Dich nicht!“ Aber der Ausdruck von Seelenpein auf seinem Gesicht strafte ihn Lügen, ebenso die leicht bebende Hand, die abermals die Schweißperlen von der Stirn fortwischte.

Margot bemerkte mit Schrecken diese Anzeichen einer hochgradigen Erregung bei ihrem Vater.

„Pa, ich verlange Offenheit von Dir,“ begann sie daher flehenden Tones. „Weiche meinen Fragen nicht aus. Habe Vertrauen zu mir. Schon seit einiger Zeit bemerke ich an Dir eine gewisse nervöse Unruhe, etwas Unstätes, Zerstreutes! Du hast Sorgen, Pa –“

Sie war aufgestanden und hinter seinen Sessel getreten, schmiegte sich an ihn und streichelte seine Hand, die wie im Krampf zuckte. – Und Thomas Bellersen [61] sprach. Ihre Zärtlichkeit hatte mehr erreicht als alles energische Drängen und Fordern.

Als er mit seinen Eröffnungen zu Ende war, atmete sie sichtlich erleichtert auf. Und bann kauerte sie sich neben ihn auf die Lehne des Klubsessels, und so sich eng umschlungen haltend, berieten sie, wie man am besten das drohende Unheil, das zum Glück noch nicht unabwendbar war, aufhalten und dann die alte Firma wieder von Grund auf sanieren könne.

Erst gegen Mitternacht trennten Vater und Kind sich und suchten ihre Schlafgemächer auf. Sie schieden von einander wie gute Kameraden – mit einem festen Händedruck. Und heute unterließ Thomas Bellersen es zum ersten Mal seit Jahren, seine Tochter beim Auseinandergehen auf die Stirn zu küssen.




6. Kapitel.
Ein Examenstag.

Eine Woche später reiste Fritz Norgard über Hamburg nach Amerika ab. Margot Bellersen, die bei der nächsten Zusammenkunft mit ihrem Verlobten recht wohl gemerkt hatte, daß er sich bedeutend zurückhaltender als bei der entscheidenden Szene auf der „Medusa“ zeigte und daß er sie mit einer gewissen argwöhnischen Sorgfalt beobachtete, hatte durch ihre stürmische Zärtlichkeit und ein anschmiegendes, hingebendes Wesen, alles das auf die richtigen Momente verteilt, schnell erreicht, daß sein Mißtrauen langsam schwand und sich in ihm die Überzeugung befestigte, ihre entgegenkommende Art sei eben nichts, als die Folge eines heißblütigen Temperaments gewesen. Täglich hatten sie sich auf der kleinen Jacht getroffen, und die enge Kajüte war Zeuge geworden, wie auch Norgards selbstbewußte Herrennatur unter den Küssen eines weichen [62] Frauenmundes ihre Eigenart vollständig verleugnete. Der Abschied war ebenso herzlich. Margot vergoß Tränen und Fritz Norgard hatte alle Mühe sie zu beruhigen.

Und doch – wieviel Lug und Trug gab es in diesem erst so kurzen Verlöbnis, und wie sehr war dasselbe von Anfang an auf völliger Unwahrhaftigkeit aufgebaut! Margot hatte ihren Bräutigam gemäß der mit ihrem Vater getroffenen Abrede bis zum letzten Moment bei dem Glauben belassen, daß Thomas Bellersen nichts von den Absichten wußte, die seinen Kassierer um den dreimonatigen Urlaub bitten ließen, ebensowenig wie Norgard auch ahnte, daß sein Chef von der Verlobung etwas wußte. Aus diesen zwei Momenten heraus ergab sich allein schon eine solche Fülle von Unaufrichtigkeiten und groben Lügen, zu denen Margot durch diese Sachlage gezwungen wurde, daß das junge Mädchen jedes seiner Worte, jeden Satz sorgfältig abwägen mußte, um sich dem scharfsinnigen Norgard gegenüber nicht zu verraten. Und deshalb war sie zum Teil auch wieder froh, daß diese Zeit des steten Sichselbstüberwachens nun ein Ende hatte. –

Am schmerzlichsten empfand wohl Gerhard Sicharski die Abwesenheit seines wohlmeinenden Freundes, und dies umso mehr, als schon die Abreise der heimlich Geliebten in seinem Herzen eine traurige Leere zurückgelassen hatte. Um sich zu betäuben, vergrub Gerhard sich desto eifriger hinter seinen Büchern. Und doch schweiften seine Gedanken nur zu oft von der Arbeit ab und verirrten sich dorthin, wo jetzt die beiden Menschen weilten, an denen er – Mutter und Schwester vielleicht ausgenommen – am meisten hing.

Eines Morgens war’s. Da brachte ihm der Postbote zwei Briefe, einen mit dem Aufgabestempel New York, den anderen mit dem der sächsischen Residenz. [63] Kein Wunder, daß er den Umschlag mit dem Aufdruck „Dresden“ zuerst öffnete. Darin befand sich nichts, als eine Ansichtskarte der Brühlschen Terrasse, auf der die Worte „Herzliche Grüße – Ihre Trix“ standen. – Trotzdem, wie freudig leuchteten seine Augen beim Anblick der bekannten Handschrift auf. Wie jubelte es in seinem Innern, daß sein kleiner Schutzengel in versteckter Zärtlichkeit „Ihre Trix“ den kurzen Gruß unterzeichnet hatte.

Erst nach einer ganzen Weile widmete er sich auch dem Briefe Fritz Norgards, in dem dieser ihm seine glückliche Ankunft in New York anzeigte und kurz die leider sehr stürmische Überfahrt schilderte. -

Wochen vergingen dann wieder. Gerhard, der jetzt als freier Mann seinen eigenen Zielen nachstreben konnte, sah schon mit einer gewissen Ungeduld dem Tage entgegen, wo er vor der Regierungskommission das Examen ablegen sollte, das ihm die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst geben würde. Mit seinen 23 Jahren war er der älteste unter den zwölf Prüflingen, aber auch, wie sich dann am entscheidenden Tage herausstellte, der am besten vorbereitete. Er bestand mit der besten Note.

Bis in den Nachmittag hatte sich das mündliche Examen ausgedehnt. Und so kam er erst nach sechs Uhr nach Hause, wo Mutter und Schwester ihn schon sehnsüchtig erwarteten. Frau Sicharski weinte Freudentränen, als Gerhard ihr strahlend das günstige Resultat mitteilte. Gertrud schloß den Bruder nur stumm in die Arme. Sie war in der letzten Zeit überhaupt auffallend blaß geworden. Ein geheimer Kummer schien an ihrem Herzen zu nagen, und ihre Augen zeigten oft einen feuchten Schimmer wie von aufsteigenden Tränen, ohne daß für ihre Traurigkeit eine direkte Ursache vorhanden gewesen wäre.

Dieser Tag sollte für den strebsamen jungen [64] Mann noch mit einer Trübung endigen. Die drei Glücklichen wurden plötzlich durch ein lautes, anhaltendes Läuten der Flurglocke erschreckt. Es war der Vater, der betrunken heim kam, und der seinem Sohne schon von der Schwelle höhnisch zurief:

„Du, Herr Gelehrter, Du sollst mal gleich zu Exzellenz Sarma kommen. Der Herr Admiral war selbst bei mir in der Loge. Und schön wütend war er, ganz rot im Gesicht. Na, prosit Mahlzeit, das wird was setzen, Herr Gelehrter, darauf mach’ Dich man gefaßt, von wegen dem gnädigen Fräulein sicher, der Du immer so verliebte Augen gemacht hast! – Na, tummle Dich! Exzellenz wartet nicht gern!“

Knallend warf der Alte die Tür wieder ins Schloß und verschwand. –

Bei Sarmas hatte es an demselben Abend zwischen den Ehegatten eine erregte Auseinandersetzung gegeben.

Der Konteradmiral, ein hochgewachsener Herr mit graumeliertem Spitzbart, ging jetzt wartend mit schnellen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab. – Dann kam der Bursche, ein Obermatrose der kaiserlichen Marine, und meldete, stramm neben der Tür stehen bleibend:

„Der Schlosser Gerhard Sicharski.“

„Soll eintreten.“ –

Mit durchbohrendem Blick musterte der Graf den jungen Menschen, der nach einer nicht gerade übertrieben höflichen Verbeugung gesagt hatte:

„Exzellenz wünschten mich zu sprechen, wie mir mein Vater mitteilte.“

Dieses sichere Auftreten, noch mehr aber das Äußere Gerhard Sicharskis mahnten den Kontreadmiral zur Vorsicht. Kein Zweifel – dieser Mensch war ein verteufelt hübscher Bursche und sah in dem tadellos sitzenden Gehrock-Anzug nach allem anderen, [65] nur nicht nach einem einfachen Schlossergesellen aus. Trotzdem – er war’s nun einmal, und es blieb unter allen Umständen eine bodenlose Frechheit, daß er es gewagt hatte, sich sozusagen mit einer geborenen Gräfin Sarma Rendezvous zu geben.

Dieser Gedanke, der für den adelsstolzen, unnahbaren Admiral eine tiefe Demütigung enthielt, ließ seinen Zorn schnell wieder auflodern. Indem er ganz nahe an den gelassen Dastehenden herantrat, sagte er schneidend:

„Eigentlich verdienen Sie es, daß ich eine Reitpeitsche nehme und Sie für Ihre Frechheiten entsprechend züchtige!“ Und sich in immer hellere Wut hineinredend, schrie er den jäh erblaßten Gerhard mit vor Erregung überschnappender Stimme an:

„Bursche, wo haben Sie nur die bodenlose Frechheit hergenommen, um mit meiner Tochter eine Art freundschaftlichen Verkehr anzuknüpfen! Wissen Sie denn gar nicht, wer Sie sind und –“

„Genug, Exzellens!“ fiel der so schwer Beschimpfte ihm mit einer Stimme ins Wort, deren drohender Klang den Tobenden etwas ernüchterte. „Genug der Schmähungen, Exzellenz! Ich weiß sehr wohl, wer ich bin: Armer, aber anständiger Leute Kind! Und weiter: ein Mensch, der ein ehrliches Gewerbe gelernt und ehrlich bisher sein Brot verdient hat. – Bisher – ich betone das, verdient als Kunstschlosser. Das liegt nun hinter mir. Der, der heute vor Ihnen steht, wird in allernächster Zeit zu den Höhrern der Technischen Hochschule zählen, wird, nachdem er heute sein Einjährigen-Examen nachgeholt hat, unermüdlich weiterstreben. Ich habe nichts getan, was Ihnen auch nur den Schein von Berechtigung gibt, mich wie einen hergelaufenen Halunken zu behandeln. Um mir zu verbieten, Ihre Tochter zu lieben [66] und als meinen Schutzengel zu verehren, dazu langt auch Ihre Stellung nicht aus. Und nur die Rücksicht auf Ihre Tochter wird mich dazu bestimmen, von Ihnen vor Gericht nicht die Genugtuung zu fordern, die mir zusteht. Einem anständigen Herrn – ich betone das „Herrn“, mit der Reitpeitsche drohen, verstößt gegen einen Paragraphen unseres Strafgesetzbuches – ganz abgesehen von dem Wort „Bursche“ das in dem von Ihnen gebrauchten Zusammenhang eine Beleidigung darstellt. – So, weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Exzellenz.“

Graf Sarma war so vollständig verblüfft, daß er zunächst keine Worte fand. Dann aber, als Gerhard Sicharski nach knapper Verbeugung sich anschickte, das Zimmer zu verlassen, brach seine Wut mit elementarer Gewalt hervor.

Mit einem Sprung war er neben ihm, packte ihn am Ärmel seines Rockes und riß ihn von der Tür fort. Und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn sich nicht in demselben Moment die Portieren zum Nebenzimmer geteilt hätten und die Gräfin nicht in diesem kritischen Moment erschienen wäre.

„Edgar!“

Dieses eine Wort, das seine Gattin mahnend aufrief, gab ihm die Besinnung wieder.

Schon wollte Gerhard den Mund zu einer neuen, heftigen Erwiderung auf diesen tätlichen Angriff öffnen, als Gräfin Sarma ihm zuvorkam.

„Herr Sicharski,“ sagte sie mit vornehmer Ruhe, „ich möchte Ihnen den Grund für die Erregung meines Gatten mitteilen. Vielleicht entschuldigen Sie dann manches, was soeben hier vorgefallen ist und was nie hätte geschehen dürfen.“

Bei dem Wort „entschuldigen“ war der Graf hochgefahren. Aber ein Blick seiner Gemahlin genügte, [67] um jede weitere Einmischung von seiner Seite zu verhüten.

Inzwischen hatte die Gräfin dem jungen Manne die notwendigen Erklärungen gegeben. – „Wir sahen uns heute genötigt,“ hatte sie gesagt, „unsere Zofe Hedwig plötzlich zu entlassen. Aus Ärger darüber, hat das Mädchen meinem Gemahl alles das erzählt, was es durch heimliches Spionieren über Ihren harmlos freundschaftlichen Verkehr mit Beatrix erfahren hatte, so, daß Sie einige Male mit meiner jüngsten Tochter in der Ausstellung waren und sich dort unterhalten haben. Mir war das ja nichts neues mehr. Vor ihrer Abreise nach Dresden hatte Beatrix mir ehrlich eingestanden, auf welche Weise sie Sie kennen gelernt und wie diese Bekanntschaft dann fortgesetzt wurde. Ich hielt es danach im Interesse meinem Kindes, das die Verhältnisse bei seiner Jugend noch nicht richtig zu überschauen vermag, für angebracht, Beatrix für längere Zeit fortzuschicken. Damit war die Angelegenheit für mich erledigt. Ich wünschte nur, Herr Sicharski, daß mein Gemahl sich von Ihnen die Versicherung geben ließ, daß zwischen Ihnen und Beatrix auch nicht die Spur von einer – bezeichnen wir es recht deutlich – von einer Liebelei bestand.“

Als die Gräfin schwieg, beeilte sich Gerhard sofort zu erwidern:

„Exzellenz haben vollkommen recht: von einer Liebelei kann keine Rede sein. Fräulein Beatrix ist mir nichts wie eine wohlmeinende, gütige Freundin gewesen, die sich für meine Studien interessierte und mir, wenn ich bisweilen kleinmütig verzagen wollte, Mut zusprach. Trotzdem will ich nicht verhehlen, daß in meinem Herzen eine reine Neigung für die Komtesse schlummert, eine Neigung, der ich jedoch niemals, weder durch Wort noch bewußten Blick, Ausdruck gegeben habe.“ Gerhard hatte sich in einen heiligen Eifer [68] hineingesprochen. Wie er so dastand, mit den leuchtenden Augen in dem edelgeformtem, frischen Gesicht und der schlanken, kräftigen Gestalt, mußte Graf Sarma sich abermals eingestehen, daß dieser junge Mensch nur zu leicht einem weiblichen Wesen den Kopf verdrehen konnte.

„Herr Sicharski,“ begann nun der Graf, „ich möchte Sie gern davon überzeugen, daß lediglich die Sorge um das Seelenheil meiner Tochter mich so stark erregt hat. Jetzt, nachdem Sie so unzweideutig zum Ausdruck gebracht haben, daß die Bekanntschaft mit Beatrix nicht zu einer Überschreitung der üblichen Umgangsformen geführt hat, möchte ich betonen, wie sehr auch ich Ihr Streben anerkenne und sogar Ihre Energie und Ihre Fähigkeiten bewundere. Allerdings hoffe ich auch gerade bei Ihnen als einem gebildeten Manne das nötige Verständnis dafür zu finden, daß die ganzen Verhältnisse – Sie werden wissen, was ich meine – mich zwingen, von Ihnen die ehrenwörtliche Zusage zu verlangen, daß Sie jeden Versuch, sich Beatrix wieder zu nähern, für alle Zeit unterlassen.“

Graf Sarma hatte jedoch außerordentlich falsch spekuliert, als er diese Sätze in etwas gönnerhaftem Tone vorbrachte. Gerhard Sicharski ließ sich durch diese Phrasen nicht betören. Der heutige Tag, der ihm den ersten Erfolg eingetragen hatte, sollte für ihn der entscheidende Wendepunkt werden. Die Zeit, wo er sich ängstlich vor jedem Höherstehenden in falscher Bescheidenheit geduckt hatte, war vorbei. Sein Ziel lag deutlich vor ihm. Und er zweifelte nicht mehr, daß er es auch erreichen werde. – Und so erwiderte er denn offen und bestimmt:

„Ich bedauere, Ew. Erzellenz mein Ehrenwort nicht geben zu können, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Erzellenz es verlangen. Nur das eine verspreche ich: ich werde mich der Komtesse nicht früher wieder [69] nähern, bis ich mir eine Stellung errungen habe, in der man sich der Freundschaft eines Gerhard Sicharski nicht mehr zu schämen braucht. – Damit wäre diese Aussprache wohl beendet.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er nach tiefer Verbeugung das Zimmer.




7. Kapitel.
Armer Norgard.

Der Geheime Kommerzienrat v. Lüders hatte den Brief seines Schwiegersohnes bedächtig studiert und schob ihn nun in den Umschlag zurück.

„Hör’ mal, Trixchen,“ sagte er dann zu seiner Enkelin, die neben ihm auf der Terrasse der eleganten, am Elbufer gelegene Villa beim Morgenkaffee saß, „bei Euch hat es vorgestern Abend Deinetwegen einen mächtigen Krach gegeben. Jener Gerhard Sicharki, den Du mir so warm empfohlen hast, spielt dabei eine Rolle. Da – lies, Kind.“ Er reichte ihr den Brief über den Tisch hin.

Nachdem Beatrix das Schreiben hastig durchflogen hatte, warf sie es empört mitten zwischen das zierliche Porzellan.

„Niemals gehe ich noch für ein Jahr in ein Genfer Pensionat, niemals,“ rief sie temperamentvoll. „Ich verstehe nur Mama nicht, daß sie nicht dagegen protestiert hat. Sie ist doch sonst so – so einsichtsvoll!“

Der alte Lüders schmunzelte. „Ja, Trixchen, ich kalkuliere, die Mama wird wohl deswegen Deinem Vater nicht widersprochen haben, weil sie eben genau wußte, daß Du an mir einen Rückhalt finden würdest.“

Die kleine Komtesse schaute den Großvater mit ungläubigen Augen an. Dann aber war sie mit einem Satz aufgesprungen und hatte sich dem alten [70] Herrn mit einem leisen Jubelruf auf den Schoß gesetzt.

„Du Guter – Du wolltest also wirklich?“ Und ihre weichen Lippen preßten sich immer wieder auf seinen Mund, daß ihm schier der Atem ausging.

„Ruhe, Kind, Ruhe,“ meinte er schließlich, ordentlich nach Luft schnappend. „Du bringst mich ja um.“

Und dann sprach er lange und sehr verständig auf sie ein. Zum Schluß aber sagte er, ihr sanft die Wangen streichelnd: „Nicht wahr, Kleines, Du siehst ein, daß es so, wie ich Deine Interessen vertreten will, am besten ist. Daß Du hin und wieder eine kurze Ansichtskarte an Deinen Freund schreibst, dagegen habe ich nichts. Aber – nie einen Brief. Warten wir ab, was aus Gerhard Sicharski wird, wie er sich entwickelt. Und dann wollen wir weitersehen.“ –

Am nächsten Tage traf bei Sarmas eine Postkarte des Kommerzienrats ein, deren Inhalt lautete:

„Liebe Kinder! Da ich für Beatrix und mich bereits die Rundreisebillette für Norwegen bestellt habe, ist die Idee mit Genf usw. unausführbar. Wir reisen schon Anfang der nächsten Woche ab. –

Herzliche Grüße
v. L.“

Die Gräfin lächelte, als sie diesen kurzen Bescheid las, ihr Gatte schien empört, aber - er war machtlos. Und so war das Unwetter jenes Abends eigentlich ohne weitere Folgen vorübergegangen. –

Mit der gleichen Post, die Sarmas die Mitteilung des alten Lüders brachte, war auch bei Gerhard Sicharski ein Schreiben eingetroffen, in dem ihn die Direktion der Lüdersschen Maschinenfabriken aufforderte, zu einer geschäftlichen Besprechung nach Dresden zu kommen, sobald er sein Motor-Modell fertiggestellt habe.

[71] Gerhard war überglücklich. Er erkannte deutlich das Wirken seines lieben, kleinen Schutzengels. Umgehend setzte er eine Antwort auf. Er hoffe vielleicht in einem Monat das Modell fertigstellen zu können und werde es dann zur Prüfung persönlich einreichen. –

Eines Tages, Mitte Juli war’s, traf dann der erste ganz ausführliche Brief Fritz Norgards ein. Gerhard, dem der Freund vor seiner Abreise nur angedeutet hatte, daß eine sehr wichtige geschäftliche Angelegenheit ihn nach Amerika rufe, erfuhr erst jetzt, um was es sich bei dieser so plötzlich unternommenen Fahrt ins Ausland eigentlich handelte. –

Norgard war freilich bisher recht wenig vom Glück begünstigt worden, wie er ohne Scheu dem Freunde mitteilte. Zwar hatte er die für ihn wichtigen Teile der Farm verhältnismäßig billig erworben und sich ebenso für den Rest des Landgebiets das Vorkaufsrecht gesichert, aber im übrigen schien, das betonte er mit einer gewissen schmerzlichen Resignation, sich auch nicht eine einzige ergiebige Ölquelle zeigen zu wollen. „Wenn es so bleibt und nicht ein glücklicher Zufall mich bei den Bohrversuchen unterstützt,“ hieß es in seinem Schreiben, „so dürfte ich ein Vermögen, das nicht einmal mir gehört, nutzlos vergeudet haben. Was in meinen Kräften steht, wird natürlich geschehen, um von dem Kapital noch möglichst viel zu retten, falls jeder neue Bohrversuch nur Enttäuschungen bringt. Daran, daß ich nach Ablauf meines Urlaubs heimkehre, ist unter diesen Umständen natürlich nicht zu denken. Ich habe hier keinen zuverlässigen Menschen gefunden, der meine Interessen genügend wahrnehmen würde, und daher sehe ich mich gezwungen, meine sichere Stellung bei Bellersen und Hord aufzugeben und in diesem Lande auszuharren, wo in Stunden Vermögen gewonnen, aber auch in [72] Sekunden wieder verloren werden können.“ –

Als Gerhard den Brief seines fernen Freundes fortlegte, hatte sich seine Stirn umdüstert. Armer Norgard! Mit welchen Hoffnungen war er hinausgezogen, und wie bitter war er enttäuscht worden.

Mit ganz anderen Gefühlen waren diese ziemlich trostlosen Nachrichten bei Bellersens aufgenommen worden. Der Bankier hatte, als Margot ihm Norgards letzten Brief vorgelesen hatte, sich die bittersten Vorwürfe gemacht, daß er nicht so vorsichtig gewesen war und seiner Tochter nicht von diesem unsicheren Geschäft abgeraten hatte. Leider änderten weder Thomas Bellersens Selbstanklagen, noch Margots schlechte Laune etwas an den bestehenden Tatsachen. Erst zwei Tage später sollte plötzlich ein Umschwung in der recht gedrückten Stimmung eintreten, die seit der wenig erfreulichen Kunde aus Amerika in der eleganten Villa des Bankiers herrschte.

Thomas Bellersen war ganz aufgeregt an jenem Nachmittag zu seiner Tochter gekommen, die gerade mit ihrer intimsten Freundin Silvia v. Sarma in ihrem verschwenderisch ausgestatteten Salon ein Plauderstündchen abhielt. Die Anwesenheit der ältesten Tochter des Werft-Direktors war ihm recht unangenehm. Eigentlich hätte er Margot lieber allein die große Neuigkeit mitgeteilt, die für deren Zukunft von der einschneidensten Bedeutung werden konnte.

Nachdem er die beiden Damen begrüßt hatte und die ersten üblichen Höflichkeitsphrasen gewechselt waren, konnte er nicht länger an sich halten.

„Gnädigste Komtesse, wissen Sie schon, welch’ schweres Unglück sich heute in der Fabrikvorstadt zugetragen hat?“ wandte er sich an die älteste Sarma, die mit ihrem vornehm-unbeweglichen Gesicht den geraden Gegensatz zu der munteren, temperamentvollen Beatrix bildete.

[73] „Nein, ich habe noch nichts davon gehört,“ war die recht uninteressierte Antwort.

„Ja, denken Sie, meine Damen, heute mittag kamen die beiden Herren Burmeester, der Vater und der älteste Sohn, von einer Autotour zurück. In der Vorstadt, und zwar vor der Trinitatis-Kirche, verlor Rolf Burmeester, der wie immer den Wagen selbst lenkte und natürlich wieder in wahnsinnigem Tempo fuhr, die Gewalt über das Steuer und raste mit voller Wucht gegen den Drahtzaun des Eisenbahnviaduktes. Der schwere Tourenwagen ließ sich durch dieses Hindernis nicht aufhalten; der Zaun knickte um, und das Auto schoß gut den acht Meter tiefen Eisenbahndamm hinab. Das Weitere will ich nicht näher ausführen. Die Folgen drückt man am mildesten dadurch aus, daß man Gustav Burmeester als den neuen Chef der Millionenfirma Ihnen vorstellt.“

Margot saß wie versteinert da. Kein Wort brachte sie heraus. In ihren Ohren klang noch immer der inhaltschwere Satz nach: „Gustav Burmeester Chef der Millionenfirma –“

Die Komtesse war ebenfalls aus ihrer gewohnten Blasiertheit etwas aufgerüttelt worden.

„So haben also die beiden Herren bei dem Unfall das Leben eingebüßt?“ fragte sie, indem sie auf Margot einen prüfenden Blick warf, die ganz geistesabwesend vor sich hinstarrte.

„Ja, leider – alle beide.“

In demselben Moment begegneten sich die Augen von Vater und Tochter. Sie verstanden sich.

Dann wandte Silvia v. Sarma sich an Margot.

„Sag’ mal, Liebling,“ fragte sie gespannt, „ist dieser Gustav Burmeester, der heute alleinige Besitzer der größten Exportfirma unserer Stadt geworden ist, nicht derselbe, der Dir im verflossenen Winter so eifrig den Hof machte?“

[74] Margot Bellersen nickte und erwiderte ausweichend: „Ich habe mich immer sehr gut mit ihm unterhalten. Er ist weit herumgekommen in der Welt und hat viel erlebt.“ –

Nachher, als Thomas Bellersen mt seinem Kinde allein war, fragte er sofort:

„Margot, hoffentlich hast Du Gustav Burmeester in der verflossenen Saison nicht zu deutlich gezeigt, daß er Dir als Bewerber, der als Jüngster nur auf einen Pflichtteil des väterlichen Vermögens Anspruch hat, recht wenig willkommen war?“

Sie lächelte ihr überlegenstes Lächeln.

„Pa, abschrecken tue ich einen Bewerber nie. Ich bin zu allen gleich freundlich. Man kann nie wissen, wie auch dieser Fall wieder zeigt, ob nicht aus einem unerwünschten Freier eine vielbegehrte Partie wird.“

Der Bankier wußte nicht, ob er sich über diese Antwort, aus der seines Kindes ganze kühl berechnende Art so deutlich sprach, freuen oder ob er es bedauern sollte, daß seine Einzig gerade das offenbar nicht besaß, was des Weibes schönster Schmuck ist: ein Herz!

Von diesen seinen Gedanken ließ er jedoch nichts laut werden, sagte vielmehr nur:

„Ich glaube, wir verstehen uns, Kind.“

„Besser denn je, Pa,“ erwiderte sie, ihm eifrig zunickend.

„Und die Geschichte mit Norgard?“ fragte er nach einer Weile unsicher.

„Läßt sich leicht lösen,“ war ihre klare Erwiderung.




[75]
8. Kapitel.
Ein wahrhaft Dankbarer.

Sechs Wochen sind seit den letzten Ereignissen verstrichen.

Gerhard Sicharski, der zur Fertigstellung des Modells doch mehr Zeit gebraucht hatte, als er zunächst annehmen konnte, befand sich seit drei Tagen in Dresden, wo er in einem bescheidenen Hotel am Hauptbahnhof abgestiegen war.

Als er mit dem sorgfältig in eine Kiste eingepackten Motor-Modell, das er in halber natürlicher Größe angefertigt hatte, in einem Auto nach dem Hauptkontor der Lüdersschen Maschinenfabriken fuhr, pochte ihm doch das Herz recht stark vor Aufregung. Wußte er doch, daß er heute zum ersten Mal dem Großvater seines gütigen Schutzengels gegenüberstehen würde.

Eine Viertelstunde verging. Dann war der große Moment da. Gerhard betrat das Arbeitszimmer des mächtigen Großindustriellen.

Dieser wies nach kurzer Begrüßung und nachdem er den Besucher ungeniert von oben bis unten gemustert hatte, auf einen der steiflehnigen Stühle, die im Halbkreise um den mit Zeichnungen und Papieren bedeckten Mitteltisch standen.

„Nehmen Sie Platz, Herr Sicharski. – So, und nun zeigen Sie mir nur gleich das Modell und halten Sie mir einen kurzen, erklärenden Vortrag. Die eingehende Prüfung geschieht dann durch die Ingenieure meines Konstruktionsbüros. Ich habe heute nämlich wenig Zeit. Wenn man so einige Wochen Ferien gemacht hat, dann gibt es eine schwere Menge zu tun.“

Gerhard hatte mit einem Mal alle Zaghaftigkeit abgestreift.

[76] Als er seinen Vortrag beendet hatte, schaute er den Kommerzienrat erwartungsvoll an.

Doch in dessen Mienen war nichts zu lesen. Und ebenso wenig äußerte er sich auch nur mit einem einzigen Worte, was er von dem neuartigen Motor halte.

„Ich danke Ihnen, Herr Sicharski,“ sagte er nur. „Die Prüfung dürfte in einer Woche erledigt sein. So lange bleiben Sie wohl hier in Dresden.“

Gerhard war arg enttäuscht. Auf eine wenigstens etwas anerkennende Redensart hatte er immerhin gehofft.

So verbeugte er sich nur stumm als Zeichen, daß er die Entscheidung hier in der sächsischen Residenz abwarten wolle.

Der Geheimrat stellte eigenhändig den Motor in die Kiste zurück und legte den Deckel darüber.

„Ihre Erfindung bleibt hier in guter Hut zurück. Auf Wiedersehen, Herr Sicharski. Hoffentlich kann ich Ihnen dann eine erfreuliche Nachricht geben.“

Gerhard verließ das Zimmer. Wie im Traum schritt er hinter dem Diener her, der ihn an die Ausgangspforte geleitete; wie im Traum ging er durch die Straßen.




Am Nachmittag desselben Tages standen ein älterer Herr und eine junge elegant gekleidete Dame auf dem Fernbahnsteig des Dresdener Hauptbahnhofs vor einem Frauenabteil 1. Klasse des abfahrbereiten D-Zuges.

„Also, Trixchen,“ sagte eben Herr v. Lüders zu seiner Enkelin, „nun grüße die Deinen daheim recht herzlich von mir. Und der Mama bestelle, daß ich ihr morgen schriftlich die Gründe mitteile, weswegen ich Dich jetzt schon zurückschicken muß.“ Er betonte das letzte Wort besonders.

[77] Beatrix v. Sarma zog ein allerliebstes Schmollmäulchen.

„Großpapa, Du bist ein ganz, ganz schlechter Mensch, daß Du mir vorenthältst, warum ich jetzt schon heimkehren soll. Ich ahne ja so manches –“

„Nun, Kleines, und das wäre?“ fragte er, listig mit den Augen zwinkernd.

„Wahrscheinlich hat Gerhard Sicharski meine Vaterstadt verlassen,“ erwiderte sie ehrlich. „Und da nun die Luft rein ist, wollen mich die Eltern wieder bei sich haben. – Die Gefahr, meinem Freunde zu begegnen, ist ja dann vorüber.“

„Hm – so ganz vorbeigeraten hast Du nicht, Trixchen. Trotzdem alles weißt Du noch nicht. – Halt, was ich noch erfahren wollte. Hat Gerhard Sicharski inzwischen eigentlich mal an Dich geschrieben?“

„Außer der einen Postkarte, die uns nach Bergen in Norwegen nachgesandt wurde, nichts mehr –“

„So, so. – Na, Kleines, damit Du mich nicht für einen „ganz, ganz schlechten Menschen“ hältst: Dein Freund ist seit drei Tagen hier in Dresden.“

Beatrix Augen weiteten sich vor Überraschung.

„Natürlich seinem Motors wegen,“ meinte sie hastig.

„Natürlich! Heute vormittag hat er ihn mir übergeben.“

Da trat sie mit bitterbösem Gesicht einen Schritt zurück.

„Und das alles erfahre ich erst jetzt, Großpapa! Du konntest wirklich so hartherzig sein und mir das vorenthalten!“

Der alte Lübers lachte belustigt, haschte nach ihrer Hand und zog sie ganz dicht an sich.

„Kleines, ich wollte eben das Beste bis zuletzt aufsparen! Und nun - bitte wieder freundliche Augen. Dein Schützling hat mir sehr gut gefallen, und [78] sein Modell noch besser. Freilich - gesagt habe ich ihm das nicht. In geschäftlichen Dingen kenne ich keine schönen Phrasen. Und für mich ist die Sache nur Geschäft –“

Da lächelte sie ganz glücklich.

„Und wenn aus dem Geschäft etwas wird, wirst Du Dich dann weiter seiner annehmen?“ fragte sie bittend.

„Ganz sicher! In dem jungen Manne steckt ein Genie. Und solche Leute suche ich stets für meine Firma zu gewinnen.“ –




Gerhard Sicharski begriff noch immer nicht. Ganz bleich war er geworden vor innerer Erregung. Ungläubig starrte er den Geheimen Kommerzienrat an, der ihm gegenüber an demselben Tische saß, auf dem vor fünf Tagen die Kiste mit dem Motor-Modell gestanden hatte.

„Nun, Herr Sicharski, was sagen Sie zu meinen Vorschlägen?“ fragte Lüders nach einer Weile, indem er das Vertragsformular, in dem die Verkaufsbedingungen von Gerhards Erfindung genau festgelegt waren, seinem Besucher hinschob.

Da nahm dieser sich mit Gewalt zusammen.

„Also Sie wollen wirklich die Erfindung erwerben, Herr Geheimrat?“ fragte er ganz heiser vor Aufregung.

„Gewiß. Der Motor ist vorzüglich. Fraglos das Beste, was bisher auf diesem Gebiet konstruiert ist. Meine Ingenieure haben einstimmig den Ankauf befürwortet.“

„Und – und 150 000 Mark soll ich erhalten, wenn ich Ihnen das Modell zu freier Verfügung überlasse?“

„Jawohl – 150 000 Mark. Außerdem biete ich Ihnen eine Stellung in meinem Konstruktionsbüro mit einem Anfangsgehalt von 5000 Mark an.“ –

[79] Zehn Minuten später waren die Herren einig. Gerhard hatte die nötigen Papiere unterzeichnet und dafür einen Scheck über 150 000 Mark erhalten.

„So, mein lieber Herr Sicharski,“ meinte der alte Lüders dann, „jetzt, nachdem das Geschäftliche zu unser beider Zufriedenheit erledigt ist, wollen wir uns noch einmal etwas über Privatangelegenheiten unterhalten. – Sie wissen, daß ich der Großvater von Beatrix v. Sarma bin, nicht wahr? – Gut; dann gestatten Sie mir wohl auch die Frage: Wie gedenken Sie Ihre Beziehungen zu meiner Enkelin fernerhin zu gestalten? – Ich liebe keine langen Umschweife und schönen Redensarten. Unter Männern ist ein offenes Wort stets das einzig Richtige.“

Gerhard antwortete mit einer Gegenfrage.

„Ist Ihnen bekannt, Herr Geheimrat, daß es zwischen mir und Ihrem Herrn Schwiegersohn eine heftig Szene der Komtesse wegen gegeben hat?“

„Freilich. Die Sache ist doch aber beigelegt worden.“

„Scheinbar, d. h., Exzellenz Sarma wird seine Ansicht über meine Person innerlich wohl kaum geändert haben. Das merkte ich schon daraus, wie er meinen Gruß erwiderte. Unter diesen Umständen darf ich natürlich nicht früher daran denken, mich Fraulein Beatrix wieder zu nähern, bis ich mir eine Stellung errungen habe, die mich auch gesellschaftlich einer Komtesse Sarma würdig macht.“

Als Gerhard jetzt schwieg, fiel der Geheimrat schnell ein:

„Gut, ich verstehe Sie vollkommen. Jedenfalls haben Sie also die Absicht, später als Bewerber um die Hand meiner Enkelin aufzutreten. Nun – ich glaube kaum, daß Beatrix nein sagen wird. Wie die Sache allerdings von Seiten meines Schwiegersohnes aufgefaßt werden wird, ist eine andere Frage. [80] Aber seien sie nur guten Mutes. Ich bin ja auch noch da. – Hm, was ich noch erwähnen wollte, Sie sprachen vorhin von einer heiligen Freundespflicht, die Sie noch zu erfüllen hätten, bevor Sie die Stellung bei mir antreten könnten. Ist diese Reise nach Amerika unbedingt nötig? – Mir wäre es nämlich lieber, wenn ich Sie gleich in meinen Betrieb einführen könnte.“

Gerhard kämpfte einen Augenblick mit sich. Dann erwiderte er offen:[7]

„So leid es mir auch tut, Herr Geheimrat, ich kann diese Reise nicht aufschieben oder ganz aufgeben. Schwerwiegende Gründe sprechen hierbei für mich mit. – Wenn Sie gestatten, setze ich Ihnen diese im Vertrauen auf Ihre Diskretion auseinander.“

Gerhard schilderte mit warmen Worten seine freundschaftlichen Beziehungen zu Fritz Norgard, dem er zu so sehr großem Danke verpflichtet sei, und fuhr dann fort: „Mein Freund hat sich nun, wie er mir erst gestern in einem Schreiben mitteilte, kurz vor seiner Abreise mit einer jungen Dame verlobt, die ihm dann das Kapital zur Erschließung von angeblich sehr reichen Petroleumquellen in Montana zur Verfügung stellte. Diese Verlobung sollte zunächst noch geheim bleiben. – Norgard hat nun mit den Bohrversuchen bisher so gut wie gar keine Resultate erzielt. Dies teilte er seiner Braut schon vor einigen Wochen ehrlich mit, ebenso auch mir. Damals hatte ich von seinem Verlöbnis noch keine Ahnung. In einem Brief, in dem ich ihm guten Mut zusprach und nicht nur über mein Ergehen, sondern auch über wichtigere Ereignisse in meiner Vaterstadt eingehend berichtete, erwähnte ich nun, daß eine gewisse junge Dame, von der ich nur wußte, daß sie für Norgards Person viel Interesse gezeigt hatte, sich wahrscheinlich demnächst mit einem Großkaufmann verloben werde, der durch den plötzlichen Tod seines Vaters und seines älteren Bruders [81] alleiniger Inhaber der Firma und Besitzer eines Millionenvermögens geworden war. Daraufhin bekam ich gestern den bereits erwähnten letzten Brief von Fritz Norgard. Mein Freund öffnete mir nun vollends die Augen, schrieb mir von seiner heimlichen Brautschaft mit Margot Bellersen und von der jetzt endlich in ihm aufdämmernden Erkenntnis, daß Margot ihn lediglich deswegen an sich gefesselt habe, weil sie sich von den Ölterrains in Montana einen Riesengewinn versprach. Ihre Briefe seien nämlich sofort merklich kühl und zurückhaltend geworden, nachdem er ihr eingestanden hätte, daß die Spekulation wahrscheinlich gänzlich verfehlt sei. Auch er selbst habe ja längst eingesehen, daß er sich in seinen Gefühlen getäuscht hätte, und er würde das Verlöbnis leichten Herzens umgehend lösen, wenn eben nicht das pekuniäre Moment dabei so wesentlich mitspräche. Habe er doch von den von Margot Bellersen ihm zur Verfügung gestellten 100 000 Mark den größten Teil bereits verbraucht, und diese Summen durch Verkauf des Ölgebietes, der Maschinen usw. zurückzugewinnen, erscheine ziemlich aussichtslos. – So liegen die Verhältnisse, Herr Geheimrat. Deshalb sprach ich von einer heiligen Pflicht! Ich werde nach Amerika reisen und Norgard mein Vermögen zur Verfügung stellen, damit er sich von dieser Dame befreien kann, der er doch nur Spekulationsobjekt gewesen ist.“

Der alte Lüders streckte Gerhard jetzt herzlich die Hand hin.

„Ich freue mich, Sie auch von dieser Seite Ihres Charakters kennen gelernt zu haben,“ sagte er warmen Tones. „Fahren Sie, lieber Freund, vielleicht trägt Ihr Edelmut gute Früchte.“




[82]
9. Kapitel.
Auf Roßmers Farm.

Der Expreß-Zug, der von Minneapolis alle drei Tage nach Fort Benson im nordamerikanischen Staate Montana abgeht, hält bei Fort Shaw nur nach Bedarf. Heute stieg dort ein einzelner Passagier aus, ein junger Mann in praktischem grünlich-grauen Reiseanzug. Kaum hatte der Erpreß den Fahrgast abgesetzt, als er sich auch schon fauchend und stöhnend wieder davonmachte und den Reisenden einsam und todmüde auf dem Bahnsteig zurückließ. Der Fremde hatte jetzt seine Reisetasche, auf der sein Ulster aufgeschnallt war, ergriffen und näherte sich dem großen Fenster, durch das das Bahnamt sein Licht erhielt. Er klopfte – einmal – wieder und wieder. Endlich wurde eine kleine Klappe aufgerissen.

Ob er ein Fuhrwerk nach Roßmers Farm erhalten könne, fragte der Reisende dann den brummigen Beamten in einem Englisch, das recht geringe Übung in dieser Sprache verriet.

Eine Stunde später rumpelte ein elendes, zweirädriges Gefährt die sogenannte Straße entlang, die an den Ostausläufern des Felsengebirges vorbeiführte und nach dem Städtchen Peakweater die beste Verbindung darstellte, wie der Rosselenker dem Fremden bedeutete. Auf halbem Wege nach Peakweater sollte Roßmers Farm liegen.

Der Reisende war bald auf dem sich mühsam durch den Sand vorwärtsquälenden Wagen fest eingeschlafen. Er erwachte erst, als der Schinderkarren plötzlich hielt. Schlaftrunken rieb er sich die Augen. Und dann hörte er eine Stimme, die ihm nur zu gut bekannt war, und zwar deutsche Laute:

„Hallo, Gerhard, Murmeltier! Endlich ist er wach. Nein, haben Sie aber einen Schlaf! Ich brülle [83] Ihnen ja schon minutenlang mein mehr als überraschtes Willkommen in die Ohren!“

Mit einem Satz war der Fremde vom Wagen herunter.

„Fritz – Fritz – endlich!“

Die beiden hielten sich eine ganze Weile fest umschlungen. Dann wurde schleunigst der Wagenbesitzer abgelohnt und der Rest des Weges zu Fuß fortgesetzt.

„Wahrhaftig,“ meinte Fritz Norgard, indem er seinen Arm in den des anderen schob, „wahrhaftig, ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen! Was führt denn Sie in diese Sandwüste, Gerhard?! – So reden Sie doch! Sie sehen ja, ich zappele vor Ungeduld –“

„Später, Fritz – später. So mit ein paar Worten läßt sich das nicht sagen.“

Zur Rechten bemerkte Gerhard jetzt in der Ferne, eingebettet in eine Baumgruppe und umgeben von abgeernteten Getreidefeldern, einige Dächer größerer Gebäude.

„Roßmers Farm,“ erklärte Norgard. „Und da drüben die hohen Holztürme, das sind die Bohrmaschinen, die all das schöne Geld verschlungen haben.“

Schweigend setzten sie nun ihren Weg fort, bis sie das kleine, aus Brettern roh zusammengeschlagene Häuschen erreichten[8], das dicht neben den über eine Fläche von etwa 600 Quadratmeter verstreut stehenden Bohrtürmen errichtet war und in dem Fritz Norgard wie ein Hinterwälder ohne jede Bequemlichkeit hauste.

Nachdem Gerhard sich dann durch einen Imbiß gestärkt hatte, mußte er sich auf Norgards Bett legen, um sich zunächst etwas auszuruhen. Er versank denn auch sofort in tiefen Schlaf und erwachte erst am späten Nachmittag, als die Sonne bereits im Untergehen [84] begriffen war. Schnell erhob er sich, wusch sich Gesicht und Hände und trat dann ins Freie hinaus. Bald hatte er auch Norgard erspäht, der an einem der Bohrtürme stand und eifrig mit einem seiner Arbeiter zu verhandeln schien. Jetzt erblickte auch der ehemalige Kassierer den Freund und kam nun sofort auf ihn zu. Seine Mienen zeigten einen so gequälten Ausdruck, daß Gerhard schon von weitem rief:

„Fritz, Ihnen ist doch fraglos etwas unangenehmes passiert! Ihr Gesicht verrät nichts gutes.“

Norgard nickte traurig. „Meine letzte Hoffnung ist zunichte geworden,“ erwiderte er, indem er dem Freunde die Hand hinstreckte. „Ich hatte gestern mit jenen drei Türmen den Standort gewechselt und dachte auf den neuen Plätzen endlich auf die verheißene reiche Quelle zu stoßen. Wieder nichts! Nun gebe ich die Sache auf.“

Gerhard versuchte den mutlosen Norgard nach Möglichkeit zu trösten. Während sie dann von Bohrturm zu Bohrturm wanderten, beständig umgeben von den scharfen Gerüchen des Erdöls, rückte der junge Erfinder mit seinen Vorschlägen heraus. Ganz eingehend schilderte er zunächst Margot Bellersens Verhältnts zu dem reichen Erben, sprach dann von seinem Motor, den er für eine bedeutende Summe verkauft hatte und klärte den andern über die Gründe auf, die ihn nach Montana geführt hatten.

„Sie müssen sich von diesem Weibe frei machen, um jeden Preis, Fritz,“ sagte er zum Schluß energisch. „Ich habe mir die Sache so gedacht, daß ich von meinem Bankguthaben an Margot Bellersen sofort die Summe von 100 000 Mark nebst den Zinsen für die Zeit, während der das Geld zu Ihrer Verfügung stand, überweisen lasse. Gleichzeitig geben Sie ihr ihr Wort zurück, indem Sie ihr ohne Schonung mitteilen, daß Sie erkannt hätten, wie wenig Sie beide zu einander [85] paßten. Dann sind Sie frei. – Und dann wollen wir beide nochmals zusehen, ob aus diesen Ölterrains wirklich nichts herauszuholen ist. Zeigen Sie mir heute abend die Papiere, die Sie von Ihrem Vater erbten, lassen Sie uns zusammen nochmals genau die Zeichnung prüfen, in die das Ölgebiet eingetragen ist. Vielleicht enthält sie irgendwo einen Fehler, dem Ihre Mißerfolge zuzuschreiben sind.“

In Norgards häßlichem Gesicht arbeitete es vor unterdrückter Rührung.

„Gerhard, ich kann das Geld von Ihnen nicht annehmen, ich kann nicht,“ sagte er kopfschüttelnd. „Ihr Vermögen dergestalt für mich zum größten Teil verbrauchen, das wäre gewissenlos.“

Aber der einstige Kunstschlosser ließ sich so leicht nicht abweisen. Als alles Bitten, alle Vorstellungen nichts halfen, sagte er bitter:

„Ihre Weigerung beleidigt mich, Fritz. Meinen Sie denn, daß ich hier nach Montana gekommen wäre, wenn ich nicht freudigen Herzens das hingeben will, was Sie von unwürdigen Fesseln befreien soll?! Meinen Sie, daß Ihre in diesem Falle wirklich gänzlich unangebrachte Rücksicht auf meine Interessen mir lieb ist?! – Sehen Sie, ich will, um Ihnen eine Zustimmung zu erleichtern, die Sache rein geschäftlich regeln. Sie nehmen mich als Geschäftsteilhaber mit völlig gleichen Rechten auf das Petroleumgebiet hier an und können mir später, wenn wir doch mit den Quellen Erfolg haben, das Geld zurückzahlen. – Nun, wie stellen Sie sich dazu?“

Norgard wußte natürlich ganz genau, daß dieser letzte Gedanke in Gerhards Hirn erst entstanden war, als dieser merkte, wie schwer ihm die Annahme dieses hochherzigen Anerbietens wurde. Ein Anteil an den Petroleumquellen war ja so gut wie wertlos, das wußte er nur zu genau. Um so höher mußte er aber [86] auch Gerhards Zartgefühl einschätzen, mit dem dieser ihm über die peinliche Situation hinweghelfen wollte.

Daher sagte er jetzt auch mit einer Stimme, die vor verhaltener Rührung zitterte:[9]

„Sie sind ein wahrhaft guter Mensch, eigentlich viel zu gut für unsere heutige Welt, in der gewöhnlich nur die Selbstsucht regiert. Nun denn: kränken will ich Sie nicht! Ich bin einverstanden. – Meinen Dank in Worten auszudrücken, das vermag ich nicht. Aber vergelten will ich Dir’s, Gerhard, vergelten, so gut ich’s kann.“

Zum ersten Mal hatte sich ganz unwillkürlich das vertrauliche „Du“ über Norgards Lippen gedrängt. Und Arm in Arm, wie zwei Brüder, die sich eben nach langer Trennung wiedergefunden haben, schritten sie weiter über den aufgewühlten, nach Petroleum so stark duftenden Boden dahin, unter dem Millionen, ungehobene Millionen, schlummern sollten.




In der alten Handelsstadt X war der erste Schnee gefallen, eine nur dünne, weiße Decke, die die Mittagssonne sicherlich schnell wieder dahinraffen würde.

Diese Bedenken äußerte auch Burmeester, der jetzige Chef der berühmten Firma, zu Margot Bellersen, die er in seinem Auto zu einer Vormittagsfahrt abgeholt hatte.

„Der Stadtwald und die dahinter liegenden Königlichen Forsten müssen in diesem weißen, reinen Kleide der Unschuld entzückend aussehen,“ sagte er dann eifrig. „Lassen Sie uns also die Gelegenheit wahrnehmen, Fräulein Margot, und seien Sie meine Begleiterin auf der kurzen Tour. In einer Stunde sind wir wieder zurück.“

Zehn Minuten später ratterte der langgestreckte Wagen davon.

Nachdem die Straßen der Stadt hinter ihnen [87] lagen, beschleunigte der junge Handelsherr die Fahrgeschwindigkeit, und so sausten sie denn im 60 Kilometertempo die glatte, den Stadtwald durchschneidende Chaussee dahin. Margot von Natur ängstlich und stets sehr besorgt um ihr kostbares Leben, hätte nur zu gern dieser wilden Jagd, die sie gar nicht zum Genuß des schönen winterlichen Landschaftsbildes kommen ließ, durch eine ihr fraglos gern gewährte Bitte um eine Verringerung der Geschwindigkeit ein Ende gemacht. Aber die Berechnung verschloß ihr den Mund. Sie wußte, daß Gustav Burmeester Autofahrer mit Leib und Seele war und sicher etwas enttäuscht sein würde, wenn er merkte, wie wenig Geschmack sie an diesem Dahinrasen fand. Noch hatte er ja nicht das entscheidende Wort gesprochen.

Mitten im Hochwald der königlichen Forst brachte der junge Handelsherr den Wagen endlich zum Stehen. Und, indem er sich die Autobrille abnahm und die Pelzdecke zurückschlug, fragte er mit freudig blitzenden Augen, die seinem ziemlich nichtssagenden Gesicht wenigstens einen flüchtigen Reiz verliehen:[10]

„War diese Fahrt nicht wunderbar, Fräulein Margot? – Wie wär’s, wenn wir hier ausstiegen und ein wenig zu Fuß weiterwanderten?“

Margot Bellersen, der dieses Alleinsein recht gelegen kam, nickte anscheinend hocherfreut.

„Gern, sogar sehr gern würde ich ein Stück laufen. Nur – wo lassen wir das Auto?“

„Keine Sorge,“ erwiderte er, mit der Hand nach vorwärts deutend. „Dort hinter der Biegung liegt die Försterei Hirschgrund. Dort werden wir den Wagen einstellen.“ –

Durch die feierliche Stille einer Tannenschonung, deren dunkelgrüne Nadelbäume wie mit Schnee überpudert zu sein schienen, schritten sie auf dem schmalen Fahrwege dahin. Nichts störte die stimmungsvolle [88] Ruhe in der Natur, die das Gemüt jedes Menschen mit einer gewissen Andacht erfüllen mußte. So erging es auch Gustav Burmeester, der eine fast rührende Freude über diese Wanderung an der Seite des schönen, vielbegehrten Weibes empfand und über die weiße Schneeschicht und die ganze Winterlandschaft gar nicht genug preisende Worte äußern konnte. Margot war diese Schwärmerei herzlich langweilig. Sie gab nur einsilbige Antworten, spielte die Verträumte und sann doch nur fortwährend darüber nach, wie sie ihren Begleiter zu etwas realeren Dingen hinlenken konnte. Sie wollte heute eine Erklärung erzwingen, auf jeden Fall! Für ihren Geschmack zögerte der junge Millionär schon viel zu lange mit dem entscheidenden Wort.

Leise seufzte sie auf. Und dieser fast sehnsüchtige Ton, der sich über ihre Lippen drängte, gab Gustav Burmeesters Denken eine neue Richtung.

Besorgt schaute er sie an. „Das klang ja eben wie ein Ausdruck stillen Kummers, Fräulein Margot,“ meinte er, indem er stehen blieb. „Darf man viel-leicht erfahren, was Sie bedrückt?“

„Stiller Kummer – das ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck für das, was mich bewegt,“ erwiderte sie zögernd, und berechnete klug die Wirkung eines jeden Wortes. „Ich dachte nur eben daran, wie schlecht doch die Welt im allgemeinen ist. Nicht einmal so ein harmloses Vergnügen wie unsere gelegentlichen, gemeinsamen Autofahrten gönnt sie einem jungen Mädchen.“

Er war aufmerksam geworden.

„Wie soll ich das verstehen, Fräulein Margot?“ fragte er schnell. „Nicht gönnen?! Wer hatte Ihnen denn in dieser Hinsicht Vorschriften zu machen?“

Noch immer hielt sie die Augen gesenkt wie in mädchenhafter Schüchternheit.

[89] „Vorschriften gibt es wohl auch für mich in dieser Beziehung,“ erklärte sie leise. „Sie kennen ja die Ansichten, die in unsrer so sittenstrengen Stadt über den Verkehr von jungen Herren und Damen bestehen. Jedenfalls dürfte diese Fahrt die letzte sein, auf der ich Sie begleitet habe.“

Da erst begriff er, was sie meinte.

„So spricht man über diese unsere kurzen Ausflüge?“ forschte er verwirrt.

Sie nickte nur. Und nun faßte er sich endlich endlich ein Herz und begann mit einer Stimme, die von tiefer Zärtlichkeit leicht bebte[11]

„Fräulein Margot, es wäre ja so leicht, diesem Gerede schnell ein Ende zu machen. Sie müssen es ja schon wissen, wie es um mich steht. Seit langem liebe ich Sie, werbe ich um Sie. – Margot, wollen Sie mein Weib werden, wollen Sie bald recht bald in das vereinsamte Patrizierhaus einziehen, in dem die Hausfrau so dringend nötig ist?“

Er hatte ihre beiden Hände in die seinen genommen und schaute ihr bittend ins Gesicht.

Und da erwiderte, nein, hauchte sie ein deutliches: „Ich will, Gustav –“




10. Kapitel.
Des Schicksals Stimme.

In eifrigem Gespräch wanderten sie dann zur Försterei zurück. Gustav Burmeester wußte ihre scheinbaren Bedenken gegen eine baldige Hochzeit schnell zu zerstreuen.

„Ein Haus wie das meine kann ohne eine Herrin nicht bestehen,“ erklärte er fest. „In Rücksicht auf das Trauerjahr wird die Feier nur ganz klein veranstaltet. [90] Und dann reisen wir sofort auf längere Zeit nach Italien.“

Sie jubelte innerlich. Und doch widersprach sie ihm zum Schein, nur zum Schein. Als sie dann das Auto wieder bestiegen, waren sie völlig einig. Und Margot hatte jetzt nur einen Wunsch: Schnell zu ihrem Vater hin, um diesem die frohe Botschaft mitteilen zu können.

Inzwischen hatte die Sonne, die jetzt siegreich das Gewölk durchbrochen hatte, den Schnee bereits zum größten Teil in feuchten, schlüpfrigen Schmutz verwandelt. Schon einmal war der Wagen an einer Straßenbiegung mit den Hinterrädern abgerutscht und fast gegen die Bordsteine geschleudert worden. Das mahnte Gustav Burmeester zur Vorsicht.

Für kurze Zeit hatte er die Schnelligkeit herabgemindert. Aber in seinem Glücksgefühl, daß Margot nun endlich die Seine war, vergaß er nur allzu schnell den gefährlichen Weg. Wieder raste er dahin mit Eilzugsgeschwindigkeit. Er fühlte, wie gut ihm der schlanke Wagen gehorchte. Er kannte seine Nerven, seine ruhige Hand.

Da, als sie einem Milchfuhrwerk, das trotz allen Tutens die Mitte des Weges nicht freigab, ausweichen wollten, geschah das Unglück. Und so blitzesschnell überraschte es sie, daß Margot nicht einmal Zeit fand, einen Angstruf auszustoßen. Die Vorderräder gehorchten auf dem feuchten, wie mit Seife eingeschmierten Boden dem Steuer nicht, das Auto prallte gegen einen der Chausseebäume, überschlug sich, und beide Insassen wurden herausgeschleudert.




Acht Tage später. – Margot Bellersen, die bei dem Unfall den linken Fuß zweimal gebrochen hatte, lag in ihrem mit hellblauer Seide ausgeschlagen Schlafzimmer.

[91] Soeben hatte der Sanitätsrat sich nach der gewohnten Tagesvisite verabschiedet. Und Margot überdachte nun in Gedanken nochmals den Bescheid, den der alte Herr ihr heute gegeben hatte.

„Wenn ich wirklich ganz ehrlich sein soll, liebes gnädiges Fräulein,“ hatte er gesagt, „so dürfte die Wahrheit Sie ziemlich hart treffen. Der verletzte Fuß wird etwas kürzer werden, wie der andere, nicht viel, aber – hm, ja, so ein wenig hinken werden Sie doch. Und die Verletzung über dem rechten Auge, dieser Hautriß, da kann auch so eine kleine Narbe zurückbleiben. – Das ist die Wahrheit.“

Und dann war er gegangen.

Nun lag sie still in den Kissen und grübelte und grübelte. Also lahm war sie. Und ihre schöne Stirn würde auch für alle Zeit verunstaltet sein. – Ein heimlicher Haß gegen den Mann, dem sie dieses Schmerzenslager zu verdanken hatte, keimte plötzlich in ihr auf – daß auch gerade ihr, ihr das passieren mußte. Sie ahnte schon im voraus die schadenfrohen Blicke der lieben Bekannten, wenn sie zum ersten Mal sich wieder öffentlich zeigen würde, hinkend – hinkend! Ein Glück nur, daß Gustav Burmeester wenigstens heil davongekommen war. Er hatte nun viel, unendlich viel an ihr gut zu machen. Und daher würde er sich noch gefügiger ihren Wünschen gegenüber zeigen, als dies ohnehin der Fall gewesen wäre. Verwöhnen tat er sie ja jetzt schon wie eine Prinzessin aus Märchenland. Täglich schickte er ihr die prächtigsten Blumen zu, verwandelte ihr Schlafgemach in einen Zaubergarten. –

Ein Klopfen an die Tür störte sie in diesem unerfreulichen Sinnen. Thomas Bellersen, ihr Vater, war’s, der jetzt eintrat, mit vor Aufregung gerötetem Gesicht und einem Zeitungsblatt in der Hand.

„Morgen, Kind,“ platzte er heraus, ohne sich auch [92] nur etwas Mühe zu geben, seine Stimme rücksichtsvoll wie bisher zu dämpfen. „Ich komme direkt aus dem Geschäft. Eine nette Überraschung bringe ich. Du wirst staunen! Es ist wirklich, als ob sich alles gegen uns verschworen hätte. Was bedeuten Gustav Burmeesters lumpige drei oder vier Millionen gegen das, was dieser - dieser Glücksmensch von Norgard jetzt einheimst. So etwas kann ja nur drüben in Amerika passieren, solche Vermögen fallen einem nur über Nacht in dem Lande in den Schoß, in dem der Dollar regiert und – der blinde Zufall –“

Margot war bei Nennung des Namens ihres ersten Verlobten sofort aufmerksam geworden. Sie ahnte bereits, welcher Art die Nachricht war, die ihren kaltblütigen Vater derart in Aufruhr versetzt hatte.

Thomas Bellersen entfaltete jetzt die Zeitung, eine Nummer des Börsenkuriers, und las ihr folgenden Artikel vor, wobei er einzelne Sätze besonders hervorhob:

„Aus Montana kommt eine Kunde, die den Petroleummarkt in nächster Zeit recht wesentlich beeinflussen dürfte. Im Sommer dieses Jahres hatte ein Deutscher namens Norgard einen großen Teil der sogenannten Roßmer-Farm erworben und begann dort sofort in großzügiger Weise nach Petroleum zu bohren. Bis in den Spätherbst hinein waren die Resultate jedoch derart gering, daß jener Deutsche, der inzwischen in der Person eines Ingenieurs, eines guten Freundes, einen Kompagnon erhalten hatte, schon daran dachte, das Gebiet wieder zu veräußern und die Arbeiten ganz einzustellen. Eine Woche, nachdem der Freund Norgards dann die Terrains genau untersucht hatte, was[12] an der Hand einer von einem alten Petroleum-Prospekter herstammenden Karte geschah, nahmen die beiden Deutschen dann jedoch die Arbeiten in vollem Umfange wieder auf, verlängerten [93] die bisher benutzten Erdbohrer und trafen nun tatsächlich auf den erhofften Petroleumsee, der jetzt täglich gegen 500 Fässer Öl liefert, wobei die Ergiebigkeit der Quellen eher noch zu- als abnimmt. Dem New-Yorker Börsen-Standard nach sind die sogenannten Roßmer-Quellen die reichsten, die bisher in Amerika überhaupt entdeckt worden sind. Ein amerikanisches Konsortium hat den beiden Deutschen sicherem Vernehmen nach für das neue Petroleumgebiet nicht weniger als acht Millionen Dollar geboten. Die Unterhandlungen schweben noch. Nach einem uns heute zugegangenen Privattelegramm ist der Name des deutschen Ingenieurs, der Teilhaber der Roßmer-Quellen wurde, Gerhard Sicharski. Auf einer Anfrage bei der Lüdersschen Maschinenfabrik in Dresden erhielten wir die Auskunft, daß es sich hier um denselben Ingenieur handelt, dessen Flugmaschinen-Motor bei dem Preisausschreiben im Herbst dieses Jahres als bester prämiiert wurde.“

Der Bankier ließ das Zeitungsblatt sinken.

„Nun, Margot, was sagst Du hierzu?“ sagte er jetzt, indem er sie erwartungsvoll anblickte.

Ihre Antwort, die erst nach einer ganzen Weile erfolgte, überraschte ihn außerordentlich.

„Ich sage nur, daß das Schicksal ganz nach meinem Verdienst mit mir abgerechnet hat,“ meinte sie bitter. Ich habe in unverantwortlich leichtfertiger Weise mit einem Manne gespielt, der meiner Liebe allein wert gewesen ist; ich ließ ihn des schnöden Geldes wegen, aus Eitelkeit, fallen, suchte mir den Anderen zu erwerben und hatte hierbei Glück, das heißt ich erreichte mein Ziel. Dann aber kamen auch sofort wie als Vergeltung, wie zur Warnung die Ereignisse, die mein Inneres nun wohl völlig umgestalten werden. Erst der Autounfall, bei dem ich nur durch einen Zufall mit meinem Begleiter dem Tode entging, [94] der mich eines meiner gesunden Glieder kostete und mich für alle Zeit kennzeichnet. Vorhin, als Du bei mir anklopftest, war ich gerade dabei mich in Gedanken mit der Tatsache, fernerhin lahm und mit einer Narbe auf der Stirn umhergehen zu müssen, abzufinden. Erst stieg etwas wie Haß gegen Gustav Burmeester in mir auf. Dann dachte ich milder. Und so gelangte ich unwillkürlich zu der Überzeugung, daß jener Unfall eigentlich nichts war wie eine gerechte Strafe für den freventlichen Übermut und die Gefühllosigkeit, die ich Fritz Norgard gegenüber bewiesen habe.“

Etwas wie schmerzliche Resignation klang durch alle diese Sätze.

Thomas Bellersen stand eine Weile stumm. Dann ging er leise auf seiner Tochter Bett zu, beugte sich über sie und küßte sie auf die Stirn. Das war lange, sehr lange nicht geschehen.




Ein Vierteljahr ist wieder ins Land gegangen. Viele Veränderungen hat es gebracht. Margot Bellersen ist Gustav Burmeesters Frau geworden und von der Hochzeitsreise mit ihrem jungen Gatten schon wieder zurückgekehrt in das alte Patrizierhaus. Gerhard war Mitte Dezember selbst nach Europa herübergekommen, um noch allerlei zu ordnen, was notwendig geregelt werden mußte. In seiner Vaterstadt hatte er sich nur einen Tag aufgehalten, hatte seinen Eltern eine vorläufige Wohnung gemietet, einen Vertreter für sie besorgt und alles mit ihnen besprochen, was seine veränderten Vermögensverhältnisse ihm zur heiligen Pflicht machten. Dann reiste er nach dem pommerschen Heimatdorfe der Familie, kaufte hier, schon mit echt amerikanischer Schnelligkeit, das reizend gelegene Anwesen und lenkte darauf seine Schritte [95] nach Dresden zu seinem Gönner, dem Geheimrat Lüders.

Das Wiedersehen zwischen den beiden Herren gestaltete sich außerordentlich herzlich. Und dann sprachen sie von der Zukunft, von Beatrix v. Sarma.

„Ich bin dem, was ich mir vorgenommen habe, treu geblieben, Herr Geheimrat,“ erklärte Gerhard mit gewissem Stolz. „Nur kurze Kartengrüße habe ich mit meinem lieben guten Engel gewechselt.“

Der alte Herr nickte versonnen und dann kamen sie auf geschäftliche Dinge zu sprechen. Gerhard, der sich seiner Zeit schriftlich verpflichtet hatte, als Ingenieur in das Konstruktionsbureau der Firma einzutreten, bat um Entbindung von dieser Zusage.

„Mein Freund Norgard und ich wollen uns vollständig unserem Ölgebiet widmen,“ erklärte er. „Einer allein vermag die Arbeit nicht zu schaffen. Ich werde die technische Leitung, er die kaufmännische übernehmen. Wir haben ja jetzt schon gegen fünfhundert Angestellte und Arbeiter.“

Der Geheimrat war natürlich einverstanden, daß der Kontrakt gelöst wurde. Und dann fügte er eifrig hinzu: „Jedenfalls war es von Ihnen und Ihrem Freunde sehr klug, daß Sie das Anerbieten des Konsortiums, das Ihnen die Ölquellen abkaufen wollte, ablehnten. Sie hätten sonst Millionen von sich geworfen.“

Der frühere Kunstschlosser lachte.

„Die Herren Amerikaner hofften uns gründlich übers Ohr hauen zu können, Herr Geheimrat. Sie dachten, ihr Angebot von acht Millionen Dollar würde derart locken, daß wir blindlings zugriffen. Nun, da kannten sie eben Fritz Norgard schlecht. Der nimmt es mit dem geriebensten Yankee noch alle Tage auf.“

Und dann kam der große Tag, an dem Gerhard [96] Sicharski, der Besitzer von acht Millionen, in tadellosem Frackanzug vor den Grafen hintrat und offiziell um die Hand von dessen Tochter anhielt. Wieder mußte Seine Exzellenz sich eingestehen, daß dieser schlanke, elegante Herr wirklich eine ebenso hübsche wie vornehme Erscheinung war. Diese Unterredung war nur kurz. Und nun rief der Admiral, der zur Feier des Tages große Uniform angelegt hatte, Frau und Tochter aus dem Nebenzimmer herein. Sehr würdevoll gedachte er die Szene zu gestalten, hatte sich schon eine kleine Ansprache zurechtgelegt, in der er zum Ausdruck zu bringen gedachte, wie schwer es ihm würde, sein Kind schon jetzt durch ein Verlöbnis über die Zukunft entscheiden zu lassen. Aber Komtesse Trixchen machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. Mit einem Jubelruf flog sie dem Geliebten entgegen, barg ihr Haupt an seiner Brust und flüsterte nur immer wieder: „Endlich, endlich!“

Zwei Monate später führte Gerhard dann sein junges Weib nach einer nur im engsten Kreise gefeierten Hochzeit in die neue Heimat nach Montana hinüber, wo Fritz Norgard inzwischen für das neuvermählte Paar eine reizende Villa unweit der Ölterrains hatte errichten lassen, eine Villa, die, echt amerikanisch, fix und fertig in St. Louis gekauft und dann bei Roßmers Farm wieder zusammengesetzt worden war.

Und wieder einen Monat später machte sich Fritz Norgard auf den Weg nach dem alten Europa. Gertrud Sicharski, mit der sich langsam ein schließlich recht lebhafter Briefwechsel angesponnen hatte, wollte er nach Tagen reiner Sehnsucht ganz für sich erobern. Er hatte endlich erkannt, wo seiner das wahre Glück wartete.



Druck: P. Lehmanm G. m. b. H., Berlin.


[2]

Vergissmeinnicht-Bibliothek.
069. Die Vampirtänzerin. V. K. Gomri. 107. Das verschwunden Testament.
070 Erkämpftes Glück. Von W.      von O. Elster.
     Spangenberg. 108. In Liebe treu. Von E. F. Pinkert.
071. Unsichtbare Ketten. V. H. Hosken. 109. Regina bella. Von Heinr. Köhler.
072. Gebrochene Herzen. V. H. Hosken. 110. D. unglückl. Erbin. V. J. Herbert.
073. Liebe u. Liebelei. G. Dannenberg. 111. Die Löwenbändigerin. Von R.
074. Gekettet. Von A. Lemore.      Ortmann.
075. Ein verratenes Mutterherz. Von 112. Auf den Wogen des Lebens.
     L. Habicht.      Von O. Reinholdt.
076. Vergib uns unsere Schuld. Von 113. Die Gemeindewaise. Von F.
     A. Tuhten.      Gerstäcker.
077. Schatten der Vergangenheit. Von 114. Der Erbe v. Ringwood. A. Geisel.
     G. Dannenberg. 115. Die Sandows. Von M. Reinhard.
078. Um Glück und Ehre. V. O. Freitag. 116. Eine alte Liebe. Von H. Köhler.
079. D. Herzens Stimme. V. Reimund. 117. Verkauft. Von R. Ortmann.
080. Altes Glück und neuer Glaube. 118. Der Liebe Schuld. V. E. v. Waldow.
     Von B. Frederich. 119. Die Liebe von Zigeunern stammt.
081. Der Strander von Erna Doon.      Von. O. Elster.
     Von F. Herald. 120. Durch Prüfungen. Von H. Köhler.
082. Um fremde Schuld. V. G. Reimund. 121. Glück und Glas. Von A. Kühne.
083. Verwaist. Von G. Dannenberg. 122. Strandgut. Von A. Kühne.
084. Im Schuldbuch des Hasses. Von 123. Harte Köpfe – weiche Herzen.
     G. Dannenberg.      Von O. Lohr.
085. Ein Gottesgericht. V. R. Gomri. 124. Die fremde Tote. V. A. Schneider.
086. Die schöne Sängerin. V. O. Freitag. 125. Die Tochter des Spielers. Von
087. Der Prinzgemahl. Von H. Reis.      Ph. Moreno.
088. Heißes Blut. Von J. Berger. 126. Großvaters Erbe. V. W. Fischer.
089. Des Daniel Severus Vermächtnis. 127. Vor Toreschluß. Von A. Kühne.
     von K. Gomri. 128. Die Kammerjungfer. Von A.
090. Zwischen Liebe und Pflicht. Von      Schneider.
     P. Vryburg. 129. Um Gold nicht feil. Von M.
091. Der Erbe von Hochberg. P. Rudloff.      Alexander.
092. Die Irre von Wardon-Hall. 130. Gesucht und gefunden. Von
     Von A. Hendrichs.      B. Frederich.
093. Dunkle Existenzen. V. A. Kühne. 131. Auf irren Pfade. Von H. Richter.
094. Ein dämon. Weib. V. W. Frank. 132. Rittergut Tressin. Von R. Misch.
095. Glänzendes Elend. V. F. Ewald. 133. In Sibiriens Eis. Von L. Hasse.
096. Blaues Blut. Von M. Winfried. 134. Spätes Glück. Von Carl Yorke.
097. D. Schmied v. Pirk. V. J. Baierlein. 135. Liebesfrühling. Von B. Frederich.
098. Der Majoratserbe. Von L. 136. Mein ist die Rache. V. B. Frederich.
     Dohrmann. 137. Eine seltsame Warnung. Von
099. Krauses Haar – krauser Sinn.      Dora Russel.
     Von H. Schmid. 138. Eine Brautfahrt. Von H. Reis.
100. Seine zweite Frau. Von H. Reis. 139. Aus himmelhöher Höhe. Von
101. Ein ungeliebter Mann. Von P.      K. Gomri.
     Petersen 140. Warenhaus Heimburg. Von
102. Ein Herz von Gold. V. P. Petersen.      O. Th. Schweriner.
103. Im Irrenhause. V. J. Steinmann. 141. Das Rätsel einer Ehe. V. L. Hasse.
104. Das blonde Verhängnis. Von 142. Frau Kleimann. Von E. Meyer-
     R. Ortmann.      Förster.
105. Bis vors Schwurgericht. Von 143. Der Rennhusar. V. G. v. Hohenfels.
     Heinrich Köhler. 144. Ein sonderbares Testament.
106. Das Findelkind. Von H. Schmid.      Von R. v. Schullern.


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Verlag moderner Lektüre G. m. b. H.

Berlin, Dresdenerstraße 88-89



Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Pensionsfreundie
  2. Vorlage: elektrischen
  3. Vorlage: : ergänzt
  4. Vorlage: : ergänzt
  5. Vorlage: : ergänzt
  6. Vorlage: : ergänzt
  7. Vorlage: : ergänzt
  8. Vorlage: errichten
  9. Vorlage: : ergänzt
  10. Vorlage: : ergänzt
  11. Vorlage: : ergänzt
  12. Vorlage: wars