Seite:Hartung Geheimbuch eines deutschen Handelshauses.djvu/16

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Die bedeutendsten Warenvorräte befanden sich danach während dieser ganzen Periode ausser in Augsburg selbst, in Nürnberg, Antwerpen und Venedig; auch die neugegründeten Filialen im Osten verfügten zum Teil über erhebliche Warenlager, wennschon für sie zu wenig Abschlüsse vorliegen, als dass über die dauernde Gestaltung der Dinge mit Sicherheit geurteilt werden könnte[1]. In eigentümlichem Verhältnis zu einander stehen die beiden Geschäftsstellen auf ungarischem Boden. In Neusohl fehlte anscheinend das Warenlager durchaus, während die Aussenstände sowie die vorhandenen Barmittel nicht unbedeutend waren. Umgekehrt liegt das Verhältnis in Testhen, das über sehr erhebliche Warenvorräte verfügte, wogegen Aussenstände und Bargeld sich nur in bescheidenem Umfange vorfinden. Wahrscheinlich diente dieses mehr als Sammelbecken für die bergmännischen Produkte der Umgegend, und Neusohl hatte den Versand und die kaufmännische Verwertung derselben zu leiten.

In Lyon spielte der Warenhandel anscheinend lange Jahre gar keine Rolle gegenüber den umfangreichen Geldgeschäften, die vornehmlich in der Gewährung von Darlehn an den König von Frankreich und einzelne Grosse und Städte seines Landes bestanden. Erst seit 1561 finden sich hier ebenfalls Warenvorräte, welche besonders aus Kupfer, Baumwolle und Samt bestanden, so dass der Geldhandel seiner vornehmsten nationalwirtschaftlichen Aufgabe, dem Warenhandel und den Produkten der heimatlichen Industrie im Auslande den Weg zu ebnen, hier einigermassen gerecht geworden zu sein scheint. Doch werden vereinzelt Warensendungen dorthin auch schon vor 1561 erwähnt[2], was im Verein mit dem lang dauernden Fehlen eines Warenkontos und baren Kassenbestandes in der Abrechnung für Lyon wohl darauf deutet, dass die Firma bereits vor 1561, gelegentlich der Märkte und Messen, an dem Warenumsatze


  1. Beachtenswert ist die fast vollständige Räumung des Leipziger Warenlagers 1560/61.
  2. Siehe oben S. 41.