Seite:Hermann von Bezzel - Christentum und Kreuz.pdf/5

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 Verehrte Anwesende!

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 Heute vor 366 Jahren ist in Eisleben der Mann gestorben, dessen Andenken mit Ihrer schönen Stadt aufs Innigste verbunden ist. Wir gedenken unseres Lehrers Martin Luther als eines Zeugen, der im Glauben redet, obgleich er gestorben ist, und wissen, daß sein Glaube nicht diplomatisches Festhalten an bestimmten Traditionen war, durch das er sich und seine Kirche der kaiserlichen Gunst empfehlen wollte, auch nicht Befangenheit in scholastischen Formeln, die sein Lebenlang wie Ketten um die Füße schleiften, sondern die frohe Zuversicht eines Mannes Gottes, der das festhält, was er erlebt hat und immer wieder, was er festhält, erleben will. Ihm ist der Glaube der kühne, mannhafte Trotz auf Tatsachen, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und kein Verstand ausgeklügelt hat, die auch nur und eben deshalb in unzureichende Worte und Bezeichnungen gefaßt werden können, die aber Gott zum Heil der Welt gewirkt und aus der Ewigkeit für die Zeit hat geschehen lassen. Wenn der eine Vorwurf berechtigt wäre, daß lauter „irgend gute“ Rücksicht auf Kaiser und Reich die „hohen Artikel göttlicher Majestät“ festgehalten hätte, so wäre unser Reformator ein schwächlicher, nach allen Seiten hin schauender und schielender Diplomat, der

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Hermann von Bezzel: Christentum und Kreuz. Trowitzsch & Sohn, Berlin 1912, Seite 3. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Christentum_und_Kreuz.pdf/5&oldid=- (Version vom 1.8.2018)